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Fußball-Nationalmannschaft : Gute Miene zum bösen Spiel

  • -Aktualisiert am

Enttäuschung: Oliver Kahn Bild: dpa

Die Nationalelf ist in Wales nicht gescheitert, hat auf dem Weg zur WM mit dem 0:1 in Cardiff allerdings einen Schritt zurück gemacht.

          3 Min.

          Zuerst die gute Nachricht aus Cardiff: Oliver Kahn ist in WM-Form. Die schlechte Nachricht: Der Rest der deutschen Nationalmannschaft nicht. Die dritte Botschaft, weder gut noch schlecht: Rudi Völler weiß Bescheid und macht gute Miene zum bösen Spiel.

          Nach dem 0:1 (0:0) der DFB-Auswahl im vorletzten WM-Testspiel in der Riesenhalle des Millennium-Stadions gegen Wales wehrten sich die Nationalspieler und DFB-Teamchef gegen zu harte Vorwürfe vehement.

          Abgerechnet wird in Japan

          „Wir werden nicht in Panik verfallen. Wichtig ist, was in drei Wochen bei der WM sein wird, nicht gegen Kuwait, nicht in Wales und auch nicht gegen Österreich“, betonte der 42-Jährige nach einer kurzen Nacht, in der er seine fünfte Niederlage als Teamchef noch einmal aufarbeitete. 18 Tage sind es noch bis zum ersten WM-Spiel gegen Saudi Arabien (1. Juni in Sapporo).

          Nachdenklich gestimmt: Rudi Völler

          Abgerechnet werde einzig und allein in Japan: „Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen“, erklärte Völler im neuen Quartier in Siegburg, auch wenn er einräumte: „Das Spiel ist über Nacht nicht besser geworden.“

          Völler in Verteidigungshaltung

          Völler beschwichtigte: „Diese Länderspiele sind keine normalen Länderspiele. Sie sind allein dazu da, uns für die WM vorzubereiten. Das Ergebnis ist absolut zweitrangig.“ Als der 42-Jährige diese Erläuterungen von sich gab, befand er sich schon in der Verteidigungshaltung, da er mit der kritischen Analyse von ARD-Kommentator Günter Netzer konfrontiert worden war.

          „Rudi Völler muss aufpassen, dass er sich nicht für eine Mannschaft verschleißt, die ihm die Gefolgschaft verweigert“, hatte der Ex-Nationalspieler aufgrund der desolaten Leistung geurteilt.

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          Zitat
          „Für irgendetwas muss er ja Geld kriegen.“

          Nationalspieler Carsten Jancker zur Kritik von ARD-Kommentator Günter Netzer
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          Völler solle sich nicht schützend vor die Mannschaft stellen, meinte Netzer. Völler reagiert darauf mittlerweile vergrätzt. „Er muss sich darüber bewusst sein, dass er brutal Meinung macht. Er müsste eigentlich wissen, welches Gewicht seine Aussagen haben. Er bewegt sich aber immer zwischen den Extremen. Nach guten Spielen verteilt er viel Lob und nach nicht so guten haut er einen in die Pfanne. In dieser Hinsicht muss er noch viel lernen“, sagte Völler zu Netzers Aussagen.

          Leviten las der Stadionsprecher

          Kritik sei nach dem ernüchternden Auftritt gegen die Waliser berechtigt, meinte Völler, denn die Laufbereitschaft habe seinen Spielern gefehlt. „Ich war schon sehr enttäuscht", räumte Völler ein. Doch sein Personal eine Woche vor dem Abflug zur WM nach Japan und Korea als unfähig hinzustellen, findet Völler absolut kontraproduktiv.

          Deswegen las der Teamchef den Nationalspieler trotz der tristen und trostlosen Darbietung nicht die Leviten. Das tat der Stadionsprecher, der nach dem Abpfiff vor 30.000 Zuschauern, begeistert in das Mikrophon brüllte: „Michael Schumacher und Boris Becker schaut her, wie Eure Jungs verprügelt wurden!“

          Grimmiger Völler

          Wales wäre doch ein sehr schwerer Gegner gewesen, so Völler. Das wisse er aus der eigenen Erfahrung als Spieler, entschuldigte er das zweite 0:1 nach dem Argentinien-Spiel im April in Stuttgart. Als ein einheimischer Journalist erklärte, diese Behauptung gehe an der Realität vorbei, da die Waliser in den letzten drei Jahren nur zwei Heimspiele gegen Katar und Weißrussland gewonnen habe, wurde Völler langsam grimmig.

          Seine Mannschaft, die den Schwung aus dem vergangenen Herbst mit dem Erfolg über die Ukraine (4:1) und aus dem Frühjahr mit den Siegen gegen Israel (7:1) und die USA (4:2) völlig verloren hatte, ist aber auch ein anstrengendes Unterfangen. Vor allem, wenn die Leistungen so dürftig sind wie gegen Wales, das zuvor in 15 Spielen hintereinander nur einen Erfolg feiern konnte.

          Vom Drittliga-Spieler vorgeführt

          Ein Länderspiel-Neuling und Drittliga-Spieler aus Cardiff namens Robert Earnshaw hatte 20 Sekunden nach der Halbzeitpause den Treffer zum "Wundersieg" (Daily Mirror) erzielt.

          Oliver Kahn verhinderte mit etlichen Glanzparaden einen höheren Erfolg für das britische Team von Nationaltrainer Mark Hughes, das zuletzt auf die Plätze 90 bis 100 der Weltrangliste gefallen war.

          Kahns Konter

          „Da wird von außen ein Haufen Blödsinn verzapft", erklärte Kahn und versuchte wie Völler aufkommende Kritik im Ansatz zu ersticken. Dass die Niederlage nach acht Trainingstagen und dem 7:0-Testspielsieg gegen Kuwait am Donnerstag der vergangenen Woche in Freiburg als „Rückschlag" zu werten sei, wies Kapitän Kahn zurück.

          „Das interessiert mich. Die Leverkusener kommen nun zurück. Dann werden wir sehen, was mit unserem WM-Kader möglich ist.“ Die Mannschaft müsse „zusammengeschweißt" werden, auch Niederlagen könnten dabei helfen, sagte Kahn und griff damit die Argumentation von Völler auf.

          Mängel in allen Mannschaftsteilen

          Das nackte Ergebnis alleine muss vor dem letzten Test-Länderspiel gegen Österreich am Samstag in Leverkusen wirklich keine tiefe Nachdenklichkeit auslösen. Besorgnis erregend war indes die taktische Analyse der Elf, in der zwar noch die Leverkusener wegen des Champions-League-Finales fehlten, aber in der schon die Hälfte der WM-Formation mitwirkte.

          Die Vierer-Abwehrkette war löchrig, im Mittelfeld mangelte es völlig an Kreativität, das Sturm-Duo Oliver Bierhoff und Miroslav Klose blieb harmlos. Nichts passte zusammen. Erst kurz vor Schluss gab es zwei große Torchancen durch die Pfosten-Treffer der eingewechselten Marco Bode (76.) und Carsten Jancker (85.).

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