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Fußball-Nationalmannschaft : Die Leiden und Lehren des Sebastian Deisler

  • -Aktualisiert am

Sebastian Deisler: „Egal wie - ich will zur WM” Bild: AP

Fast sieben Monate war Deisler verletzt. Seine Fitness ist die große Unbekannte für die deutsche Nationalelf vor der Fußball-WM.

          3 Min.

          Seine Teenager-Zeit vergisst man nicht. Sebastian Deisler erinnert sich genau, was er als Zehnjähriger in seinem badischen Geburtsort Lörrach im Sommer 1990 getan hat.

          „Ich saß vor dem Fernseher, habe Fußball-Weltmeisterschaft geguckt und die deutsche Fahne geschwenkt.“ Kein Grenzen kannte der Jubel im Hause Deisler, als Deutschland den Weltmeistertitel holte, weil Rudi Völler im Strafraum geschickt fiel.

          Zwischen WM-Tourist und WM-Hoffnung

          Zwölf Jahre später bilden Deisler und Völler eine Zweckgemeinschaft. Der eine möchte 2002 in Japan und Südkorea sein erstes WM-Turnier selbst spielen, der andere steht vor seiner Premiere als Teamchef. Einer braucht den anderen. Diesen Part spielen sie gut. „Ich erwarte von ihm keine Wunderdinge“, sagt Völler. „Ich bin nicht in der Form, in der ich mal war“, sagt Deisler.

          Auffällig oft sind die beiden dieser Tage bemüht, den öffentlichen Druck abzufangen. Völler kennt das Procedere und vertraut einmal auserwählten Nationalspielern in guten wie in schlechten Zeiten. Auch Deisler hat die Mechanismen nach fast siebenmonatiger Leidenszeit, die mit einer Knieverletzung am 13. Oktober 2001 begann, besser durchschaut.

          „Ich fühle mich ein bisschen eingerostet“

          „Am Anfang war alles wunderbar, alle klopfen dir auf die Schulter.“ Doch für „Basti Fantasti“ (Deisler: „Das war und bin ich nicht“) haben sich die Zeiten geändert. „Ich habe das erste Mal Gegenwind gespürt.“ Gut sei das für ihn gewesen, die andere Seite zu erleben, behauptet er. Seine erste Erkenntnis: „Die Leute mögen nicht, dass man zum FC Bayern geht.“

          Bei der Hertha hat man am Ende gar auf die offizielle Verabschiedung verzichtet. Nur gut, dass das Kapitel beendet ist und Deisler nach Willen des Sportartikelausrüsters adidas WM-Geschichte schreiben soll. In den Werbespots steht er schon auf einer Stufe mit Zidane, Beckham und Raul - in Wahrheit liegt die Messlatte viel niedriger. Deisler: „Ich brauche Zeit und muss mich langsam rantasten. Ich fühle mich noch ein bisschen eingerostet.“

          Öffentlichkeitsarbeit fatal

          Völler erwartet daher von seinem begnadeten Spieler, dass er in der WM-Vorbereitung vor allem „viel arbeiten“ möge. „Er muss im Training mehr machen und an seine körperlichen Grenzen gehen.“ Langfristig sieht Völler seine kreativste Kraft zwar auf dessen Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld, kurzfristig könnte die Rückkehr ins Nationalteam indes auch über die rechte Außenbahn erfolgen: „Er hat das jahrelang gelernt und war permanent in der Defensive beschäftigt.“

          Mitunter zu defensiv soll sich Deisler in Berlin verhalten haben. Das findet zumindest Herthas Manager Dieter Hoeneß, der dem Spieler vorwarf, sich öffentlich zu zurückhaltend über seine Verletzung erklärt zu haben. „Was bringt es, wenn ich verletzt auf der Tribüne sitze und lange Interviews gebe“, fragt sich Deisler und verzichtet darauf, den vielen Vorhaltungen offensiv zu begegnen. Rückblickend ein Fehler? „Mag sein.“

          „Ich war raus aus der Mühle“

          Den Wechsel nach München, zudem garniert mit einem veröffentlichten 20-Millionen-Scheck, wollte ihm die Hauptstadt nicht verzeihen. Deisler erhielt ein Darlehen von den ungeliebten Bayern und verspielte jeden Kredit bei den Fans. Beim Comeback am 23. März gegen Nürnberg wurde er bei jeder Ballberührung ausgepfiffen, ebenso in der alten Heimat in Mönchengladbach. Dann war wieder Schluss. Muskelbündelriss, die 16. Verletzung in jungen Jahren.

          Selbst Franz Beckenbauer sprach sich dagegen aus, den maladen jungen Mann mit zur WM zu nehmen. Den 22-Jährigen mit jetzt sichtbarem Muskelzuwachs haben diese Dinge genervt: „Ich hatte in der Reha in Donaustauf viel Zeit zum Nachdenken. Ich war ja raus aus der Mühle. Das bringt dich aber auch weiter.“

          Höfliche Verallgemeinerungen

          Wohin es ihn bringt, das allerdings lässt das widerwillig zum Teenager-Idol hochstilisierte Talent offen. Er sagt nicht konkret, was er gelernt, wem er vertrauen kann. Es bleibt bei Verallgemeinerungen, die ihm auch Berater Jörg Neubauer ins Ohr geflüstert haben könnte.

          Tony Sanneh, neben Kostas Konstantinidis einer seiner wenigen Freunde in der Hertha-Mannschaft, ruft häufig noch an. Doch schon für den Kick gegen Kuwait, der am Himmelfahrtstag vor allem dazu dient, die Verfassung von Spielern wie ihm zu überprüfen, freut es ihn mehr, „dass meine Verwandten aus dem Schwarzwald im Dreisamstadion sind.“

          Lörrach, nicht weit von Freiburg entfernt, ist seine Heimat, München die Zukunft. Berlin war die Zwischenstation. So bleibt die Erinnerung an die Hauptstadt eher eine allgemeine Höflichkeitsfloskel: „Ich habe dort drei wunderschöne Jahre gehabt, das letzte halbe Jahr war nicht so gut.“ Im Grunde höchst unerfreulich.

          „Egal wie - ich will zur WM“

          Umso freudiger die Erwartung auf das WM-Event. Nie hätte er wie Mehmet Scholl über einen freiwilligen Verzicht aus gesundheitlichen Gründen auch nur nachgedacht. Das „Jahrhunderttalent“ mit bisher erst 16 Länderspielen (3 Tore) führt nun die gefährlich große Gruppe der Rekonvaleszenten im 23-Mann-Aufgebot an.

          Völlers Kriterium ist klar. „Es macht nur Sinn, wenn hundertprozentig die Chance besteht, in Japan einsetzbar zu sein.“ Nach dem finalen Test gegen Österreich am 18. Mai soll bei jedem einzelnen der angeschlagenen Akteure eine Entscheidung fallen. „Abhängig vom Gesundheitszustand.“

          Deislers Argument, bei ihm eine Ausnahme zu machen, ist unüberhörbar. „Die einen sagen, ich seit Tourist, die anderen sagen, ich sei Leistungsträger. Egal wie es kommt: Ich bin froh, dass ich mitmachen kann. Ich will zur WM.“ Die Zeiten des Fahneschwenkens sind vorbei.

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