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Fußball-Nationalmannschaft : 0:1 in Wales: Deutschland mit desaströsen Defiziten

  • Aktualisiert am

Kein Durchkommen: Carsten Jancker Bild: dpa

Wertvolles aus Wales nimmt die deutsche Nationalelf mit: Die 0:1-Niederlage in Cardiff deckte schonungslos die Defizite vor der WM auf.

          3 Min.

          Am Feinschliff der deutschen Nationalmannschaft für die Fußball-Weltmeisterschaft will Rudi Völler in Miyazaki arbeiten. Der Teamchef tut gut daran, die acht Tage bis zum Abflug ins WM-Quartier nach Japan dazu zu nutzen, auch noch einen Grobschliff anzusetzen. Denn die Verfassung, in der sich Völlers Verlegenheitself beim Test in Wales präsentierte, lässt für die WM nicht viel Gutes erahnen.

          Taktisch und technisch, physisch und psychisch waren die Waliser den Deutschen über weite Strecken in allen Belangen überlegen. Der 1:0 (0:0-)Sieg war hochverdient.

          Völler: „Haben uns nicht richtig gewehrt“

          Für Völler war die Niederlage „kein Drama“. Dennoch fand der 42-Jährige ungewohnt deutliche Worte: „Wir haben nicht richtig dagegengehalten und uns vor allem nicht richtig gewehrt.“

          Gestoppt: Miroslav Klose

          Der Teamchef hatte „einen zu behäbigen Beginn und zu freundschaftliches Verhalten“ ausgemacht. „Wir müssen jetzt gegen Österreich einiges gut machen.“ Auch in der Niederlage blieb Völler gelassen. „Wichtig sind für uns die Spiele in Japan.“

          Earnshaw nicht zu stoppen

          Das Spiel in Cardiff wurde Sekunden nach Wiederanpfiff entschieden. Der bereits in der ersten Halbzeit auffällige Robert Earnshaw tanzte mühelos die deutsche Abwehr aus, Christoph Metzelder und Christian Ziege ließen sich vorführen. Irgendwie die Symbolszene des Spiels mit der Symbolfigur des Spiels.

          Matchwinner Earnshow erzielte viel über die gesamte Spielzeit mehr Wirkung als alle deutschen Angriffsspieler zusammen. Wobei der umtriebige Mann im britischen Fußball keine Größe ist, sondern bei Cardiff City in der dritten Liga kickt.

          Tiefpunkt der Vorbereitung

          „Die deutsche Mannschaft hat keine Struktur und ist keine Einheit“, findet Chefkritiker Günter Netzer. Sein Urteil fiel nach dem Spiel fast vernichtend aus. „Wenn wir so spielen, sind wir nach der Vorrunde wieder zuhause.“

          „Die Mannschaft hat uns nichts gezeigt, was für die WM hoffen lässt. Wir haben keine erste Elf.“ Netzer: „Die Mannschaft hat Rudi Völler im Stich gelassen: Das war der Tiefpunkt der Vorbereitung.“

          Netzers Botschaft ist deutlich: „Völler darf sich jetzt nicht mehr vor die Mannschaft stellen. Sonst stellt er sich vor eine Mannschaft, die ihm die Gefolgschaft verweigert.“

          Kahn: „Wir sind nicht in Form“

          Oliver Kahn sah die Pleite nicht ganz so dramatisch: „Die richtige Leidenschaft haben wir erst in der letzten Viertelstunde gezeigt. Es sind viele Spieler dabei, die noch nicht fit sind. Nur wir dürfen nicht in Panik verteilen.“

          Die Zuversicht des Kapitäns schöpft sich aus anderen Dingen: „Wir sind jetzt nicht in Form, vielleicht sind wird dann bei der WM in Form.“

          Einige Akzente durch Deisler

          Als einer der wenigen formverbessert zeigte sich wenigstens zeitweise Sebastian Deisler, um dessen Nominierung der Teamchef ein Verwirrspiel veranstaltet hatte. Eigentlich wollte Völler sein genesenes Talent „nicht verheizen“, nun taugte der 22-Jährige doch, um erneut die offensive Mittelfeldzentrale zu besetzen.

          Doch die Offensive des deutschen Spiels fand nur bedingt statt. Statischer Aufbau, mangelnde Bewegung, kaum konstruktives Flügelspiel: die Mängelliste im spieltechnisch-taktischen Bereich war lang.

          Bode und Jancker an den Pfosten

          Am Ende kam auch noch Pech dazu: Nach Freistoß des überfordert wirkenden Frings köpfte sein Bremer Teamkollege Marco Bode den Ball an den Pfosten (76.). Dasselbe schaffte auch der eingewechselte Carsten Jancker.

          Mit sehenswertem Scherenschlag bugsierte er das Spielgerät fast an dieselbe Stelle der Torumrandung (85.). Dennoch konnte die Schlussviertelstunde nicht den Gesamteindruck kaschieren: Völlers Kicker müssen sich zur WM gewaltig steigern.

          Abermals hatte die Anfangself nur annähernd Ähnlichkeit mit der Wunschelf, die Völler für Fernost vorschwebt. Denn der Block von Bayer Leverkusen fehlte wegen der finalen Verpflichtung in der Champions League, Marko Rehmer und Christian Wörns sind noch verletzt.

          Simulation unterm Hallendach

          Dennoch lieferte der vorletzte Test mehr Aufschlüsse als der Kick gegen Kuwait am Himmelfahrtstag. Was auch daran lag, dass im „Millennium-Stadion“ von Cardiff im Hinblick auf die WM zwei Dinge simuliert werden konnten.

          Zum einen das geschlossene Dach der Arena, was die Bedingungen beim ersten Gruppenspiel gegen Saudi Arabien simulieren sollte. Zum anderen die Spielweise der Waliser, die den zweiten Gruppengegner Irland nachstellen sollte.

          Brüchige Viererkette

          Völler testete zudem in der Abwehr die Formation mit einer Viererkette, wobei die Reihe mit Jörg Heinrich, Thomas Linke, Christoph Metzelder und Christian Ziege durchaus etwas von einer Verlegenheitslösung hatte. Und auch nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen war.

          Was die Frage aufwirft, ob das deutsche Defensivspiel nicht doch einen Abräumer braucht, der der fehlende Ramelow sein könnte. Doch das ist nur eine Frage, die sich nach diesem ernüchternden Abend stellt. Schlusswort Kahn: „Es gibt noch viel zu tun.“

          Wohl wahr: Denn Saudi Arabien, am 1. Juni in Sapporo erster WM-Gruppengegner, bezwang Senegal mit 3:2.

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