https://www.faz.net/-gtl-8ab9y

Fußball-Länderspiel abgesagt : Hannover im Ausnahmezustand

  • Aktualisiert am

Hannover am Abend: Schwer bewaffnet sichert dieser Polizist eine Straße in der Landeshauptstadt. Bild: AP

Terroralarm in der niedersächsischen Hauptstadt: Das Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande wird abgesagt, die Arena großräumig abgesperrt. Ein verdächtiger Gegenstand am Hauptbahnhof wird kontrolliert gesprengt.

          Aus Angst vor einem Terrorangriff ist das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande am Dienstagabend in Hannover kurz vor Anpfiff wegen eines drohenden Sprengstoffattentats abgesagt worden. „Wir haben konkrete Hinweise gehabt, dass jemand im Stadion einen Sprengsatz zünden wollte“, sagte Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe.

          Nach Informationen der „Bild“-Zeitung (Online) erhielten die Sicherheitsbehörden vor der Absage mehrere Hinweise auf Anschlagspläne. Zunächst habe es Anzeichen gegeben, dass eine Gruppe um einen namentlich bekannten Nordafrikaner einen Anschlag planen könne. Es sei konkret von Sprengmitteln, Sprengstoffgürteln, automatischen Waffen und Sprengsätzen an den Zufahrtswegen die Rede gewesen. Dann habe der französische Geheimdienst auf einen irakischen Schläfer hingewiesen, der einen Anschlag auf das Freundschaftsspiel geplant haben solle.

          Austragung des Spiels wäre „nicht zu verantworten“ gewesen

          Bei einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz in Hannover erklärte  Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Abend, die Absage sei auf seine Empfehlung erfolgt. Er sprach von einer Gefährdung, ohne konkrete Hintergründe zu nennen. De Maizière bat zudem um Verständnis, dass er auf die Quelle für die Warnung und das Ausmaß der Gefährdung nicht weiter eingehen wolle.

          Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) erklärte, eine Austragung des Spiels wäre „nicht zu verantworten gewesen“. Es sei „bis zum jetzigen Zeitpunkt“ aber kein Sprengstoff gefunden worden. Es habe zunächst auch keine Festnahmen gegeben. Berichte, wonach Sprengstoff in einem Krankenwagen gefunden worden sei, wollte Pistorius ausdrücklich nicht bestätigen.

          „Gehen Sie einfach ganz normal nach Hause!“

          In der ARD hatte Hannovers Polizeipräsident Kluwe gesagt, nachdem um 18.45 Uhr die Tore für die Besucher geöffnet worden seien, habe es den Hinweis auf das drohende Attentat gegeben. „Wir haben uns sehr schnell entschlossen, nicht weitere Menschen einzulassen“, so Kluwe. Entsprechend wenige Zuschauer waren im Stadion, als das Spiel gegen 19.15 Uhr abgesagt wurde.

          Die Leute wurden per Lautsprecher aufgefordert, den Stadionbereich zu verlassen: „Meine Damen und Herren, meine lieben Fußballfreunde, es tut mir leid, aber das Spiel ist kurzfristig abgesagt worden. Bleiben Sie bitte ruhig! Es ist keine Gefahr im Anmarsch oder sonst irgendwas. Gehen Sie einfach ganz normal nach Hause!“

          Polizei sperrt ab: „Vorsicht Lebensgefahr“

          Nach der Absage sperrten schwer bewaffnete Polizisten die HDI-Arena weiträumig ab. Mehrere Spezialeinsatzkommandos fuhren vor dem Stadion vor. Die Evakuierungszone wurde mit Absperrband mit der Aufschrift „Vorsicht Lebensgefahr“ kenntlich gemacht. Die Evakuierung des Stadions sei „reibungslos verlaufen“, sagte Kluwe.

          Der Polizeipräsident rief die Menschen auf, nach Hause zu gehen und größere Menschenansammlungen – etwa an U-Bahn-Haltestellen oder in Stadionnähe – zu meiden. Zur Begründung sagte er: „Was wir nicht wissen – wenn wir von der Ernsthaftigkeit ausgehen – ist, was diese potentiellen Attentäter dann ersatzweise planen.“

          Nationalmannschaft war noch nicht im Stadion

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war zum Zeitpunkt der Spiel-Absage noch nicht im Stadion. Der Bus mit der Mannschaft wurde zu einer Polizeidienststelle gebracht. Anschließend wurde die DFB-Elf zurück zum Quartier in Barsinghausen gefahren, um dann entweder per Flugzeug nach München oder mit Pkws die Heimreise anzutreten.

          Vier Tage zuvor war es während der Begegnung von Deutschland bei EM-Gastgeber Frankreich zu schweren Terroranschlägen vor dem Stadion in Saint-Denis sowie in Paris gekommen. Dabei kamen nach bisherigen Angaben 132 unschuldige Menschen ums Leben. Die deutsche Mannschaft hatte das Stade de France erst in den frühen Morgenstunden verlassen und war mit Polizeieskorte zum Flughafen gebracht worden.

          Die Polizei hatte nach den Anschlägen von Paris ihre Präsenz in Hannover stark erhöht, in der Stadt patrouillieren zahlreiche bewaffnete Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen.

          Am Sonntag war entschieden worden, dass ungeachtet der Furcht vor neuen Anschlägen in Europa das Spiel stattfinden solle – auch als Zeichen der Solidarität mit Frankreich. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und zahlreiche andere hochrangige Gäste waren zu dem Spiel erwartet worden. Mehrere Limousinen fuhren nach der Absage mit Blaulicht aus dem Stadionbereich heraus.

          Knapp eine Stunde vor der Absage war nach dem Fund eines verdächtigen Gegenstands vor dem Stadion zunächst Entwarnung gegeben worden. Um was es sich genau handelte, wollte eine Sprecherin der Polizei nicht sagen. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien soll ein herrenloser Koffer die Aufregung verursacht haben. Der Bereich rund um das Stadion war zu diesem Zeitpunkt nur kurzfristig abgesperrt worden.

          Wegen Terrorgefahr wurde auch ein Konzert des Saxophonisten Maceo Parker in Hannover abgesagt. Die Polizei habe ihm die Absage empfohlen, sagte Musikveranstalter Gerd Kespohl am Abend. Das Konzert im Kulturzentrum Pavillon sei um 20.20 Uhr gestrichen worden, sagte Kespohl. Rund 900 Besucher waren zu der Veranstaltung gekommen.

          Im Verlauf des Abends gab die Polizei Hannover gegen 21.10 Uhr auf ihrer Facebook-Seite ferner bekannt, dass im Bereich des Hauptbahnhofes ein verdächtiger Gegenstand untersucht werde. Der Gegenstand wurde kontrolliert gesprengt. Bis dahin war ein Teil des Hauptbahnhofs gesperrt worden.

          Weitere Themen

          Zwischen Milde und Härte

          Britische IS-Unterstützerin : Zwischen Milde und Härte

          Großbritannien diskutiert darüber, ob die „IS-Braut“ Shamima Begum wieder ins Land gelassen werden soll. Eine einheitliche Meinung gibt es nicht. Der Innenminister schafft derweil Fakten.

          Fährmann ist nur fair, Mann! Video-Seite öffnen

          Championsleague Achtelfinale : Fährmann ist nur fair, Mann!

          Beim Champions-League-Spiel gegen Manchester City steht bei Schalke 04 Ralf Fährmann im Tor. Für Trainer Tedesco ist es auch Fährmanns verdienst, dass das Team so weit gekommen ist.

          Topmeldungen

          Viktor Orbán und die EU : Eine weitere Zerreißprobe

          Orbán provoziert Brüssel mit einer neuen Plakatkampagne. Doch diesmal geht er so weit, dass sich EVP darüber entzweien könnte.
          Die „Gorch Fock“ läuft aus ihrem Heimathafen in Kiel aus.

          Insolvenz : Krimi um „Gorch Fock“ und ihre Werft

          Die Sanierung des maroden Segelschiffs „Gorch Fock“ gerät immer weiter zum Krimi. Jetzt meldet die zuständige Werft Insolvenz an – und es ist von rätselhaften Geldflüssen in Millionen-Höhe die Rede.

          Sinkende Exportzahlen : So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

          Erstmals seit 2009 sinkt der Wert der deutschen Autoexporte. Der drohende Handelskonflikt mit Amerika, der Brexit und neue Abgasvorschriften setzen der Branche zu. Deutschlands wichtigste Branche geht unsicheren Zeiten entgegen.

          Sebastian Rudy : Das Schalker Symbol des Scheiterns

          Der deutsche Nationalspieler erweist sich als Fehlinvestition von Schalke 04. Sogar der lange Zeit sehr nachsichtige Manager verliert nun die Geduld mit Sebastian Rudy. Und der wirkt eher uneinsichtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.