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Fußball : Kompromiss im Transferstreit gefunden

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Den Akteuren werden Vereinswechsel künftig erleichtert, dennoch dürfen weder Spieler noch Clubs nach Belieben aus zeitlich befristeten Kontrakten aussteigen.

          Der schwierige Spagat zwischen dem Wunsch nach Vertragsstabilität und der Forderung nach Freizügigkeit im Profi-Fußball ist geschafft.

          In sechsstündigen Abschluss-Beratungen auf technischer Ebene zwischen den Wettbewerbshütern der Europäischen Union (EU), dem Fußball-Weltverband (FIFA) und der Europäischen Fußball-Union (UEFA) haben sich die „Unterhändler“ in Brüssel im Grundsatz auf einen tragfähigen Kompromiss zur Neuregelung des Transferwesens verständigt.

          Demnach werden den Akteuren künftig Vereinswechsel zwar etwas erleichtert, dennoch dürfen weder Spieler noch Clubs nach Belieben aus zeitlich befristeten Kontrakten aussteigen. „Man kann von einem Durchbruch reden. Wir stehen kurz vor einer Einigung“, sagte EU-Kommissionssprecher Christophe Forax am Dienstagabend. Auch beim Weltverband herrschte am Mittwoch Optimismus. „Es ist geschafft. Ich gehe davon aus, dass sie einig geworden sind. Wir müssen aber noch das Feedback der EU-Kommission abwarten“, sagte FIFA-Sprecher Andreas Herren.

          Praxisnahe Lösung

          Die endgültige Lösung in dem schon neun Monate dauernden Streit soll am kommenden Montag in Brüssel von den drei EU-Kommissaren Mario Monti (Wettbewerb), Anna Diamantopoulou (Soziales) und Viviane Reding (Sport) sowie den Verbandspräsidenten Joseph Blatter (FIFA) und Lennart Johansson (UEFA) offiziell besiegelt werden. „Falls es bis dahin zu einer Einigung kommt, wird sie am 5. März offiziell verkündet“, hatte Forax bereits zuvor angekündigt.

          „Wir sind im Prinzip klar und haben eine praxisnahe Lösung gefunden“, sagte der Vizepräsident von Bayern München am Rande des Länderspiels Frankreich - Deutschland (1:0) in Paris. Die EU-Kommission habe eingesehen, dass der Profi-Fußball nicht mit anderen Branchen zu vergleichen sei, so Rummenigge, der von einem „Spagat zwischen den Römischen Verträgen und den Spezifika des Fußballs“ sprach.

          Inhalte:

          1. Zwischen Spielern bis zum Alter von 28 Jahren und Vereinen sollen Drei-Jahres-Verträge geschlossen werden können. Ein einseitiges Kündigungsrecht ist nicht vorgesehen.

          2. Spieler über 28 Jahre können mit den Vereinen Zwei-Jahres- Kontrakte ohne einseitiges Kündigungsrecht schließen.

          3. Sollte ein Spieler dennoch vor Ablauf der Vertragsdauer kündigen, drohen ihm Sanktionen in Form einer zeitlichen Sperre (möglicherweise sechs Monate).

          4. Sollte sich erweisen, dass ein Abwerbungsversuch eines anderen Clubs die Ursache für die vorzeitige Kündigung eines Spielers ist, droht dem abwerbenden Verein eine Strafe.

          5. Für Streitfälle soll ein unabhängiges, internationales Schiedsgericht zuständig sein, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch vertreten sind. Als maximale Sanktion für Vereine ist gar ein Ausschluss von internationalen Club-Wettbewerben im Gespräch.

          FIFPro von Verhandlungen ausgeschlossen

          Nicht mit am Genfer Verhandlungstisch saß die internationale Spielervereinigung FIFPro, die sich nach dpa-Informationen am Dienstagabend intern in einem Brüsseler Hotel traf, um ihr weiteres Vorgehen zu beraten. „Mit denen kannst Du nicht mehr verhandeln. Die wollen mögliche Lösungen nur boykottieren“, schimpfte G 14-Sprecher Rummenigge.

          Selbst die deutsche Vereinigung der Vertrags-Fußballspieler (VdV) hatte sich von den weit reichenden Forderungen der internationalen Dachorganisation distanziert. VdV-Geschäftsführer Ernst Thoman appellierte an die Beteiligten, dem seit Monaten „grassierenden Un-Sinn“ so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten und sich auf eine „Basis-Regelung zu verständigen, die allen Beteiligten gerecht“ wird. „Es kommt wesentlich und allein auf die Frage an, über welchen Zeitraum Verträge zu schützen sind“, schrieb Thoman an Monti.

          Niebaum äußert Zweifel

          Heftige Kritik an dem vermeintlichen Kompromiss übt Gerd Niebaum. „Sollte dies tatsächlich der gefundene Kompromiss sein, halte ich das für einen willkürlichen Eingriff in die Vertragsfreiheit“, sagte der Präsident von Borussia Dortmund der dpa. Der Rechtsanwalt hegt große Zweifel an der „juristischen Tragfähigkeit und Qualität“ und behält sich rechtliche Schritte gegen eine solche Regelung vor.

          Seiner Meinung nach wäre es besser gewesen, alles so zu belassen, wie es ist. „Je mehr man regelt, desto größer werden auch die juristischen Schlupflöcher. Ich bezweifle, dass die Verantwortlichen in dieser kurzen Zeit eine Lösung gefunden haben, die rechtlich einwandfrei ist.“ Dem EU-Kommissar Monti, der den Stein vor neun Monaten ins Rollen gebracht hatte, warf Niebaum „Populismus“ vor. Es sei auch die Frage, ob ein solcher Kompromiss überhaupt im Sinne der Spieler sei.

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