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Fußball : Integration geglückt

  • -Aktualisiert am

Volker Finke: Multi-Kulti ist uns wichtig Bild: dpa

Es ist das Duell der Multi-Kulti-Teams. Energie Cottbus gegen den SC Freiburg. Beide Clubs setzen konsequent auf bezahlbare Profis aus dem Ausland und haben mit diesem Konzept Erfolg.

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          Zweieinhalb Monate spielte der FC Energie Cottbus bereits in der Bundesliga, als der kleine, 700 Mitglieder starke Verein den Statistikern zum ersten Mal auffiel: Am zehnten Spieltag, dem 27. Oktober, sorgte der Aufsteiger für ein Novum in der Bundesliga: Mit Christian Beeck stand nur ein deutscher Spieler in der Startformation.

          Ein Aufschrei hallte durchs Land, vor allem von Seiten jener, die mehr Einsatzzeiten für deutsche Talente fordern. Wenn am Samstag im Cottbuser Stadion der Freundschaft der Sport-Club Freiburg gastiert, bedarf es wieder keines Taschenrechners für derartige Rechenspiele. Von maximal sieben deutschen Profis darf in dieser Partie ausgegangen werden: Beeck, Thielemann, Helbig hüben (und im übrigen nur noch ein Deutscher auf der Ersatzbank, Torwart Köhler) - Golz, Kehl, Willi und Zeyer drüben beim SC Freiburg. Es ist das Duell der Multi-Kulti-Teams. Und der Beweis für viele Kritiker: Auch in schwierigen sportlichen Lagen kann es funktionieren, das Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturen. „Ich glaube, das verblüfft die ganze Liga“, sagt der Bosnier Bruno Akrapovic von Energie Cottbus: „Alle haben geglaubt und gehofft, dass wir Ausländer uns bei den ersten Niederlagen in die Haare bekommen - doch stattdessen sind wir immer enger zusammen gerückt.

          Sprachunterricht und Spielplatztreffen

          Akrapovic musste am eigenen Leib erfahren, dass es auch anders gehen kann: Bei Tennis Borussia Berlin erlebte er einst, ebenso wie nun bei Energie, einen Mix aus 13 Nationen im Team. Als dort der strenge Drillmeister auf dem Trainerstuhl, Hermann Gerland, der keine Fremdsprachen in der Kabine gestattete, durch den weniger konsequenten Trainer Winfried Schäfer ersetzt wurde, hörten die Beobachter vom Boulevard irgendwann gelangweilt auf zu zählen, wie oft sich Deutsche und Gastarbeiter in der Kabine in die Haare bekamen. Das ging bis hin zu regelrechten Prügeleien. Akrapovic spricht von „aufkommendem Hass, weil irgendwann die Toleranz auf der Strecke blieb“.

          In Cottbus ist das undenkbar, sagt er. Hier wohnt fast die gesamte Mannschaft, Ausländer und Deutsche, Tür an Tür in Reihenhäusern im Stadtteil Sielow. „Natürliche Integration“ nennt das Trainer Geyer, „die Jungs treffen sich auf dem Spielplatz mit ihren Kindern, knüpfen automatisch auch in der Freizeit Kontakte. Das tut dem Teamgeist gut.“ Damit auch gar nichts schiefgehen kann, hat der Trainer allen Neuzugängen, die bei Energie vornehmlich aus Osteuropa kommen, Sprachunterricht verordnet. Dass sie daran teilnehmen müssen, ist bereits Bedingung bei den Vertragsgesprächen. Zeitweise ging es bei Energie zu wie in einer Schulklasse, mittlerweile sprechen fast alle Profis fließend Deutsch. Auch in der Kabine wird nur diese Sprache benutzt. Das ist wichtig, sagt auch Stürmer Sebastian Helbig: „Unsere Stärke ist, dass wir uns alle verstehen. Durch Sprachprobleme entstehen allzu rasch Missverständnisse.“

          Verpflichtung nach sozialen Aspekten

          Bei Energie findet nun mindestens einmal im Monat ein Mannschaftsabend im Cottbuser „Brauhaus“ statt - da kommen alle hin und bringen ihre Probleme vor. Helbig schwärmt: „Während sich Spieler anderer Klubs zerfleischen, ist unsere Stärke, dass wir vernünftig miteinander umgehen, uns noch nie gegenseitig angemacht haben. Auf dem Platz äußere sich dies wie folgt: „Einer läuft für den anderen.“

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