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Fußball in Frankfurt : Octagon-Rückzug brüskiert die Stadt und gefährdet den Verein

  • -Aktualisiert am

Noch ein Modell: Der Neubau des Frankfurter Waldstadions Bild: dpa

Durch den Rückzug als Betreiber des Frankfurter WM-Stadions und dem bevorstehenden Ausstieg bei Zweitligist Eintracht Frankfurt sind Stadt und Verein in unerwartete Not geraten.

          Während draußen am Frankfurter Römer die letzten Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt getroffen wurden, diskutierte drinnen im Magistratssitzungssaal der Bürgermeister über eine böse Bescherung. Achim Vandreike rang um Fassung.

          Einige Stunden später legte Steven Jedlicki in der Licher-Lounge am Waldstadion die gleiche Sorgenmiene auf.

          "Schrittweise Ausstieg bei Eintracht Frankfurt"

          Der Bürgermeister und Beauftrage der Stadt Frankfurt in Sachen Stadionbau hatte das gleiche Problem wie der Vorstandsvorsitzende der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Zwei gestandene Männer mussten sich an diesem Tag vorkommen wie kleine Kinder, denen kurz vor der Bescherung das Auspacken der Geschenke verboten wurde.

          Von Octagon getäuscht: AG-Vorsitzender Steven Jedlicki und Vereinsboss Peter Fischer

          In die Rolle des Spielverderbers vor dem Fest ist Octagon geschlüpft. Sie wollen weder das neue Stadion in Frankfurt betreiben noch weiter den finanziell angeschlagenen Zweitligisten unterstützen. "Der Verzicht aufs Stadion ist auch der schrittweise Ausstieg bei Eintracht Frankfurt", erkannte Vandreike gleich.

          Octagon verlagert die Prioritäten

          "Wir sind wie die Stadt sehr überrascht", sagte Jedlicki, der zugab, vom Octagon-Europachef Matthew Wheeler "zuvor keine Signale für den Ausstieg empfangen zu haben". Stadt und Verein - beide müssen sich vom US-Vermarktungsriesen an der Nase herumgeführt fühlen.

          Zumal Octagon schlicht nach Höherem trachtet. Ein Grund für die in der Zentrale in New York beschlossenen Kehrtwende soll sein, dass Octagon sich verstärkt auf dem amerikanischen Markt und bei größeren Events umsieht. Etwa sich um die Vermarktungsrechte an der Champions League ab 2003 beworben hat und dafür rund 1,5 Milliarden Mark aufwenden will.

          Betreibervertrag hätte 150 Millionen Mark gebracht

          Stadt und Verein der Mainmetropole haben damit dasselbe und ein nicht zu unterschätzendes Problem: Plötzlich fehlt viel Geld. Kurzum: 150 Millionen Mark über 15 Jahre für das neue Stadion (jährlich 10 Millionen Mark) kann die Stadt abschreiben.

          Der Eintracht Frankfurt Fußball AG hatte Octagon 49,9 Prozent der Anteile für 50 Millionen Mark abgekauft - und damit die Lizenz gerettet. Auf der Bilanzpressekonferenz legte die Eintracht Frankfurt Fußball AG ernüchternde Zahlen vor: Bei knapp 57 Millionen Mark Umsatz betrug der Verlust über 22 Millionen. Was wird ohne Octagon? "Es wird weiter Fußball gespielt", kommentierte der launische Vereinsvorsitzende Peter Fischer lapidar. Für ihn alles halb so schlimm, er will "zeitnah einen neuen Partner suchen". Erste Anforderung: möglichst finanzstark.

          Stadt verspricht: Stadion wird auf jeden Fall gebaut

          Auf ähnlich gelagerte (Geld-)Suche geht auch die Kommune: 245 Millionen Mark kostet die neue Arena, Baubeginn Ende Juni 2002, geplante Fertigstellung 2005. Dafür kommen 125 Millionen Mark von der Stadt, 40 vom Land, den Rest von 80 Millionen Mark sollte der Betreiber beisteuern, eben Octagon.

          "Das Stadion wird gebaut und wir werden WM-Spielort sein", versprach Vandreike trotzig. Was sollte er anderes sagen: Am 15. Dezember ist Bewerbungsschluss beim Organisationskomitee, bis dahin müssen fertigen Unterlagen vorlegen. Sonst findet die WM nicht am Standort der DFB-Zentrale statt. "Wäre schade", sagt OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt. "Wir werden wie geplant alle Unterlagen am 7. Dezember übergeben", versichert Vandreike und erweckt den Eindruck, dass für den Fehlbetrag ansonsten sogar die Stadt bereit stünde.

          Brüskierter Bürgermeister

          "Wir werden alle Optionen prüfen", sagt er in Bezug auf den nun neu aufzutreibenden Betreiber. Am wahrscheinlichsten ist, dass vorläufig die Stadt mit der Stadion GmbH einspringt. Ob die damals von Octagon ins zweite Glied gedrängten Konkurrenten wie IMG oder die Deutsche Städte Medien GmbH nun noch für eine Beteiligung bereit sind, ist zweifelhaft.

          Vandreike ist enttäuscht. "Ich fühle mich brüskiert", sagte er, der sich in Wheeler getäuscht sah. "Ich habe ihn am 23. August gefragt, da hat er mir glasklar gesagt: Ja, wir wollen das Stadion." In der Folgezeit sei verhandelt, alle materiell wichtigen Fragen geklärt worden. "Und seit 14 Tagen lag ein unterschriftsreifer Vertrag vor", so Vandreike. Die Stadt als Bauherr war Octagon bei dessen Pilotprojekt Stadionbau noch entgegengekommen. Größere Tiefgaragen, verbesserte Logen.

          Macht sich der Bürgermeister einen Vorwurf, viel zu lange mündlichen Versprechungen vertraut zu haben? "Nein", antwortet Vandreike ohne nähere Begründung.

          Oder Spielstätte für Mainz 05?

          Wenigstens mit der Baufirma Bögel ist alles klar. "Die Bauverträge sind unterschrieben. Es gibt kein Zurück." Aber eine Ungewissheit. Und so wurden schon waghalsige Konstrukte besprochen. Etwa jenes Szenario, dass Eintracht Frankfurt per Lizenzentzug von der Bundesliga-Bühne verschwindet, dennoch eines "der schönsten Stadien Europas" (O-Ton Vandreike) im Stadtwald steht.

          Was dann wird, darüber hat man sich schon Gedanken gemacht. "Im Umkreis von 200 Kilometer gibt es kein modernes Stadion", erklärte ein Mitarbeiter Vandreikes. "Mainz 05, die haben Probleme mit dem Stadion. Oder FSV Frankfurt, die stehen in der Oberliga ganz oben. Vor 2005 ist das Stadion ja ohnehin nicht fertig. Vielleicht bringen wir mit Hilfe der Stadt einen anderen Verein als die Eintracht ganz nach oben. "

          Man darf sich viel wünschen. Es ist ja bald Weihnachten.

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