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Fußball : Frank Pagelsdorf: Ein Trainer auf Abruf

  • -Aktualisiert am

Schwierige Zeiten: Frank Pagelsdorf Bild: AP

Der HSV-Aufsichtsrat sucht bereits einen Nachfolger. Die Entlassung von Frank Pagelsdorf scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

          3 Min.

          Frank Pagelsdorf stand im Pressekonferenz-Raum der AOL-Arena, in Zweierreihen umringt von Reportern. Der Trainer des HSV schwitzte stark unter dem gelben Sakko, seinem Glücksbringer, den er noch einmal für sein persönliches „Endspiel“ aus dem Schrank geholt hatte.

          Doch das Glück hatte das Schwergewicht in der Bundesliga-Partie gegen Borussia Mönchengladbach anders als bei früheren Schicksalsspielen verlassen. Ein glückliches 3:3-Remis reicht nicht, um den Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen.

          Erstmals gab es auch aus der Fankurve laute „Pagel-raus“-Sprechchöre. Seine Demission ist nur noch eine Frage von Tagen, auch wenn dies Sportchef Holger Hieronymus nach dem Abpfiff noch nicht offiziell bestätigen wollte: „Ich bin nicht gewillt, über die Zukunft des Trainers zu sprechen.“

          Führung geht auf Distanz

          Nachdem der Vorstandsvorsitzende Werner Hackmann, der zuvor sechs Punkte aus den Heimspielen gegen Gladbach und Bremen gefordert hatte, noch auf Zeit gespielt hatte („Ich stelle die Trainerfrage nicht“), zog sich die Führung noch am Samstagabend zurück, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Aufsichtsratsvorsitzende Udo Bandow, früher ein bekennender Pagelsdorf-Anhänger, verweigerte jeden Kommentar.

          Was Vorstand und Aufsichtsrat gegen Mönchengladbach zu sehen bekamen, war die schwächste Saisonleistung des HSV, eine Fortsetzung von Unzulänglichkeiten und Unvermögen. Während der Aufsteiger mit schönem Kombinationsspiel glänzte, zeigte sich die Pagelsdorf-Elf selbst nach der mehr als glücklichen 2:0-Führung durch die jüngste Unruhe verkrampft und zudem taktisch planlos.

          Taktische Unzulänglichkeiten

          Weil Mittelfeldmann Stig Töfting defensiv gebunden war, klaffte im Aufbauspiel des HSV eine Lücke, die Martin Groth und Jörg Albertz nicht schließen konnten. Davor mühte sich ein Erik Meijer im offensiven Mittelfeld ab, dem aber jegliche Kreativität abgeht, und im Sturmzentrum stand mit Marinus Bester ein Vertragsamateur, der den hohen Ansprüchen nicht genügt.

          Wieder einmal zeigte sich, wie abhängig das Spiel des HSV vom verletzten Torschützenkönig Sergej Barbarez ist. Wieder einmal gab es ein Gegentor in letzter Minute, wie schon gegen Cottbus und Köln.

          Magere Bilanz

          Die mehr als durchwachsene Ausbeute von Pagelsdorf: Zehn Unterschieden aus den letzten 16 Bundesliga-Spielen, diese Saison erst fünf Punkte, und das gegen wahrlich nicht übermächtige Gegner, die Top-Vereine kommen erst noch.
          Pagelsdorfs Niedergang deutete sich jedoch schon vergangene Saison an, nur unzureichend verdeckt durch die Teilnahme an der Champions League, in deren Euphorie Pagelsdorfs Vertrag vorzeitig bis 2004 verlängert wurde.

          Neuaufbau hieß das Zauberwort, als Pagelsdorf 1997 vom damaligen Präsident Uwe Seeler verpflichtet wurde, bis 2004 wollte der Coach um die deutsche Meisterschaft spielen, doch bis auf den dritten Platz 1999/2000 ist Pagelsdorfs Bilanz unbefriedigend. Der Pfeil zeigt nach unten, und damit mag sich Hieronymus nicht abfinden: „Der Kader ist stärker als der, der Platz drei erreichte.“

          Saisonziel utopisch

          Platz fünf war als Saisonziel angepeilt, längst nur noch Utopie. Zudem wird Pagelsdorf besonders vom Aufsichtsrat vorgeworfen, junge Spieler nicht ausreichend zu fördern und zu führen. Viele Talente (Ernst, Gravesen, Grammozis) haben den Club längst wieder verlassen, mit Hertzsch (will 2003 weg) und Butt (jetzt Leverkusen) gab es heftige Differenzen.

          In der Mannschaft wird Pagelsdorf als verschlossen charakterisiert, seine mangelhafte Trainingsintensität moniert. Großes Ärgernis war vergangene Woche ein Auto-Sicherheitstraining, das anstelle eines Auslauf-Trainings angesetzt wurde. Ausrichter war ein Autobauer, den Pagelsdorf auch privat bevorzugt.

          Neuzugänge nicht integriert

          In der Kritik steht Pagelsdorf zusammen mit Hieronymus auch wegen der Einkaufspolitik: 9,5-Millonen-Mark-Einkauf Albertz erfüllte trotz seiner zwei Tore die Erwartungen auch gegen seinen Ex-Klub Mönchengladbach nicht, die Neuzugänge Marcel Ketelaer (5,5 Millionen Mark) und Milan Fukal (5,7 Millionen Mark) konnten bisher nicht integriert werden.

          Dagegen wurde die Position des Spielmachers nicht doppelt besetzt, so dass diese nach dem noch monatelangen Fehlen von Rodolfo Cardoso dauerhaft verwaist ist.

          Osim, Gross, Keegan und Hrubesch im Gespräch

          Vergangene Woche wurde der Vorstand vom Aufsichtsrat beauftragt, einen Nachfolger für Pagelsdorf zu finden. Im Gespräch sind Ivica Osim (Sturm Graz), Christian Gross (Basel) sowie Kevin Keegan (Manchester City) und DFB-Auswahltrainer Horst Hrubesch. Sollte bis zum Bremen-Spiel noch keine Einigung mit einem der Kandidaten erzielt sein, könnte Pagelsdorf sogar noch gegen Bremen auf der Bank sitzen. Aber in jedem Falle sitzt der „Trainer auf Abruf“ gut gepolstert: Er darf sich im Fall der Fälle auf seine Abfindungszahlung von 4,1 Millionen Mark freuen.

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