https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-eskapaden-und-entgleisungen-115818.html

Fußball : Eskapaden und Entgleisungen

  • -Aktualisiert am
Provokantes Paar: die Effenbergs

Provokantes Paar: die Effenbergs Bild: dpa

Vereine klagen über Disziplinlosigkeit der Profis - Drakonische Geldstrafen als Gegenmittel

          3 Min.

          In den Führungsetagen der Bundesliga-Vereine und bei den Trainern ist die zunehmende Disziplinlosigkeit der Profis zu einem beherrschenden Thema geworden. Ottmar Hitzfeld forderte zum Trainingsbeginn des FC Bayern München nach der Winterpause ein „tadelloses Auftreten“ seines Personals. Bayern-Manager Uli Hoeneß kritisierte den Sittenverfall, Vereinschef und DFB-Vizepräsident Franz Beckenbauer sprach von einem „grauenvollen Erscheinungsbild“.

          Anlaß für die Verärgerung der Offiziellen beim Deutschen Meister waren die Negativ-Schlagzeilen, die die Bayern-Profis durch jüngste Eskapaden provoziert hatten. Teamkapitän Stefan Effenberg hatte es gewagt, im Freizeit-Outfit zur Weihnachtsfeier zu erscheinen. Während die Vereinsführung feines Tuch und Krawatte trug, erschien Effenberg in Cowboystiefeln, roten Lederhosen und T-Shirt.

          Effenbergs Rückfall

          Der Star, wenige Wochen zuvor wegen angeblicher Handgreiflichkeiten in einer Münchner Diskothek ins Schlaglicht der Boulevard-Presse gerückt, gab zum Besten, die Weihnachtsfeier des FC Bayern sei eine trostlose Veranstaltung. Hitzfeld, Hoeneß und Beckenbauer empfanden den Fehltritt nicht nur als Erziehungsdefizit, sondern auch als Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten. Schließlich hatte Mario Basler den Rekordmeister in der vorigen Saison auch wegen seines ständigen Triebs zu öffentlichen Skandalen verlassen müssen.

          Als rufschädigend stuften die Münchner auch die Entgleisung ihres Stürmers Carsten Jancker ein, der nach seinem Tor gegen Bayer Leverkusen den früheren Bundestrainer Berti Vogts brüllend beleidigt hatte („Arschloch“). „Es gibt keinen Strafenkatalog, der an der Wand hängt“, sagte Hitzfeld, aber besonders die Führungsspieler müßten sich ihrer Verantwortung über das „äußere Erscheinungsbild“ bewußt sein. Das gelte für sie als Angestellte des FC Bayern und im privaten Bereich.

          Veränderter Umgangston

          Aber nicht nur bei den Münchnern, deren Verfehlungen wegen des erhöhten Medieninteresses schneller publik werden, versucht man, die Spieler wieder zu Musterprofis zu formen. Auch beim Hamburger SV kündigte Trainer Frank Pagelsdorf eine kompromißlosere Gangart an. „Der Umgangston wird sich ändern“, erklärte der HSV-Coach, ohne die von ihm entdeckten Mängel exakter zu erläutern.

          Borussia Dortmund, seit dem Börsengang in noch höherem Maße um absolute Seriosität bemüht, entließ Ibrahim Tanko in der vorigen Woche fristlos. Der Stürmer hatte nach einem positiven Dopingtest gestanden, Marihuana geraucht zu haben. BVB-Sportdirektor Michael Zorc sprach angesichts der Rauschmittel-Konsum von „einem Schock“. In der nächsten Saison wird der Ghanaer beim SC Freiburg spielen. Freiburgs Trainer Volker Finke sah das Fehlverhalten von Tanko recht locker. „Leute, die gelegentlich einen Joint rauchen“, befand der frühere Gymnasiallehrer, lebten gesünder als regelmäßige Trinker, die alkoholabhängig würden. Bei den Breisgauern, wo Finke noch das Leitbild des „mündigen Profis“ hochhält, wird mit dem Spielerrat ein Verhaltenskodex ausgearbeitet. Auch bei Bestrafungen nach einem Verstoß gegen den Club-Knigge reden die Profis mit.

          In Leverkusen werden in Kürze drei ausländische Profis zur Kasse gebeten. Beim deutschen Vizemeister wartete man vergebens auf die Rückkehr von Ze Roberto, Pascal Ojigwe und Landon Donovan, die ihre Heimaturlaube in Brasilien, Nigeria und den USA ohne Rücksprache verlängerten. „Wir haben ein Problem. Drei unserer Ausländer sind nicht zum verabredeten Trainingsbeginn gekommen. Berti Vogts hängt jetzt am Telefon und versucht heraus zu bekommen, wo sie sind“, berichtete Leverkusens neuer Assistenztrainer Pierre Littbarski beim Hallen-Turnier in Riesa.

          Die Sprache des Geldes

          Der Sittenverfall ist nach Meinung von Experten vor allem durch drastische Geldstrafen in den Griff zu bekommen. „Die Profis verstehen am besten die Sprache des Geldes. Das heißt, man muß ihnen saftige Geldstrafen aufbrummen, wenn sie über die Stränge schlagen“, erklärte der frühere Erfolgscoach Udo Lattek. Auch Leverkusens Co-Trainer Toni Schumacher schlägt vor, Spieler mit extrem hohen Sanktionen von bis zu 200.000 Mark zu bestrafen. Die Profis seien dermaßen von der Realität entfernt, daß sie die Fähigkeit zur Selbstkritik eingebüßt hätten, meinte der frühere Nationaltorwart.

          Lattek, der in der vorigen Saison bei einem Kurz-Engagement Borussia Dortmund vor dem Abstieg bewahrte, kennt weitere Möglichkeiten, undisziplinierte Spieler zu zähmen. Ein probates Mittel sei die Drohung, Verträge nicht zu verlängern. Sehr effizient sei auch das öffentliche Anprangern. „Wenn man den Spielern droht, die Verfehlungen publik zu machen, dann spuren sie sofort“, sagte Lattek. Als er in der vergangenen Spielzeit die internen Streitigkeiten der BVB-Profis bemerkt habe, drohte er ihnen: „Wenn Ihr Eure Egoismen weiter treibt, gehe ich vor die Presse und werde Euch öffentlich an die Wand nageln.“ Latteks Fazit: „Danach war Ruhe.“

          Weitere Themen

          Deutscher Flirt mit dem Desaster

          Knapper Sieg bei Handball-WM : Deutscher Flirt mit dem Desaster

          Nach einer Acht-Tore-Führung brechen die deutschen Handballer gegen Ägypten ein. Torwart Andreas Wolff rettet sein Team in die Verlängerung – und bewahrt die Chance auf eine gute Platzierung bei dieser WM.

          Topmeldungen

          Die elf slowakischen MiG-29-Kampfflugzeuge wurden laut dem Verteidigungsministerium in Bratislava noch nicht an die Ukraine geliefert.

          Kampfflugzeuge für Kiew : Liefern, aber nur in Abstimmung

          Nach einer Bitte aus Kiew deuten östliche NATO-Mitglieder an, der Ukraine Kampfflugzeuge liefern zu wollen. Doch eine wesentliche Einschränkung bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.