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Türkei-Trainer Fatih Terim : Der Imperator hat auch ein zarte Seite

  • -Aktualisiert am

Fatih Terim ist der erfolgreichste Trainer der Türkei Bild: AFP

Früher war Fatih Terim mit kompromisslosem Chaos-Fußball der erfolgreichste Trainer der Türkei. Doch sein Stil hat sich verändert. Bei der EM will er der Nationalmannschaft zu neuem Ruhm verhelfen.

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          Er ist der Typ, mit dem man sich nicht gerne anlegen möchte. Oft grimmig dreinschauend, die Knopfleiste seiner Hemden nicht gerade dezent geöffnet, bullig im Habitus und laut in der Außendarstellung, verkörpert Fatih Terim den Typus türkischer Macho-Mann, der vor nichts und niemandem Angst hat. Ein bisschen so ist er auch, dieser 62 Jahre alte Kraftprotz, der schon zum dritten Mal in seiner Laufbahn die Nationalmannschaft seines Landes auf Trab bringt und im Laufe der Jahre den herrscherlichen Rufnamen „Imperator“ erworben hat. Der Trainer-Autokrat mit den straff nach hinten gekämmten Haaren passt in seinem muskulösen Auftreten zu der von Recep Erdogan repräsentierten Türkei. Sprüche wie der gegenüber türkischen Journalisten: „Ich lasse mich nicht belehren, wenn, dann belehre ich euch“, gehören zu seinem rhetorischen Abgrenzungsreservoir. Terim aber allein auf seinen gelegentlichen Rabauken-Habitus zu reduzieren, griffe zu kurz, da dieser Mann nicht grundlos als der erfolgreichste Fußballlehrer der Türkei gilt.

          Das hat auch mit einem Spiel gegen Kroatien, dem Gegner zum Europameisterschafts-Auftakt in der Gruppe D an diesem Sonntag im Pariser Prinzenparkstadion, zu tun. Die Türken besiegten die Kroaten vor acht Jahren im EM-Viertelfinale mit furiosen Endspurtqualitäten. Nach einem 0:0 bis zur 119. Minute brachte zunächst der frühere Bremer Ivan Klasnic seine Mannschaft in Führung, die sich danach sicher im Halbfinale wähnte. Dann aber glich Semih Sentürk doch noch aus (120.). Das Elfmeterschießen gewann die Türkei 3:1, ehe sie in einem spektakulären Halbfinale der deutschen Nationalmannschaft durch einen Last-Minute-Treffer von Philipp Lahm 2:3 unterlag. Der mit Russland geteilte dritte EM-Platz der Türken war der zweitgrößte Erfolg des Nationalteams nach Rang drei bei der Weltmeisterschaft 2002 unter Trainer Senol Günes.

          Ob die Türkei wie bei den EM-Spielen 2008, wie in der Qualifikation zu dieser EM mit einem späten Treffer gegen den Vorrundenersten Island auch bei diesem Turnier in Frankreich aufs Neue mit kompromisslosem Angriffs- und Chaosfußball den Erfolg sucht, ist die Frage. Zuletzt versuchte Terim seinem Team einen Stil beizubringen, der nicht mehr wie früher auf Attacke um jeden Preis gepolt scheint. Der Mann geht mit der Zeit und ihren Ballbesitzansprüchen an Mannschaften, die sich zu Höherem berufen fühlen.

          Das tut auch Terim, der sich einen deutschen Lehrmeister zum Vorbild nahm: den 2007 gestorbenen früheren Nationaltrainer Jupp Derwall, der von 1984 bis 1987 Terims Leib-und-Magen-Klub Galatasaray Istanbul trainierte. Seinerzeit war der langjährige Rekordnationalspieler der Türkei (51 Spiele) als Libero ein Abwehrorganisator mit Führungsqualitäten. Ein Jahr arbeiteten die beiden zusammen, ehe Terim seine Karriere als Profi 1985 beendete und in den Trainerstab von „Gala“ wechselte. Was dem damals 34 Jahre alten Türken an Derwall imponierte, war dessen Empathie für seine Spieler. „Er verstand, dass es nicht das Schlimmste der Welt ist, Spiele zu verlieren“, sagte Terim dem amerikanischen „Bleacher Report“ vor ein paar Wochen, „sondern dass es wichtiger war, glückliche Spieler um sich zu scharen, weil ein glücklicher Spieler seine Ziele auf Dauer eher erreicht.“

          Auch Terim hebt immer wieder hervor, dass er seine Spieler „liebe“ und schütze. Diese zarte Seite an dem harten Fußballlehrer mag auch dazu beigetragen haben, dass Fatih Terim während seiner Trainerkarriere dreizehn Titel, mehr als jeder türkische Kollege, einsammelte, darunter den einzigen Europapokalsieg einer türkischen Mannschaft, als er mit Galatasaray 2000 den Uefa-Cup gewann. Sein Debüt als Nationaltrainer ermöglichte ihm ein weiterer Deutscher: Sepp Piontek, der wegen Erfolglosigkeit 1993 zurücktrat und seinen Assistenten Terim als Nachfolger vorschlug. Eine gute Wahl, da die Türken sich in der folgenden Qualifikation zur EM 1996 erstmals wieder seit der WM 1954 für ein großes internationales Turnier qualifizierten. Sie schieden zwar in England nach drei Niederlagen in den Gruppenspielen früh aus, stärkten aber das Selbstwertgefühl der Fußballnation Türkei. „Das hat neue Türen geöffnet und war von sozialer und geschichtlicher Bedeutung für unsere Nation“, sagt Terim heute, „denn vorher sahen unsere Spieler Welt- und Europameisterschaften nur im Fernsehen.“ In Terims zweite Mission für sein Land zwischen 2005 und 2009 fiel der dritte Platz bei der EM in der Schweiz und Österreich. Und nun ist er seit 2013 dabei, den sportlichen Ruhm der türkischen Nationalelf frisch aufzuhellen.



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