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Tuchels Thema (5) : Anfällig auf der Außenbahn

  • -Aktualisiert am

Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel Bild: Robert Wenkemann

Die Italiener sind schwer zu schlagen. Und Deutschlands Spielsystem passt nicht wirklich gut zur Raute der Squadra Azzurra. Dennoch gibt es beim EM-Halbfinalgegner der DFB-Elf eine Schwachstelle.

          Gianluigi Buffon stach schon vor dem Spiel heraus. Laut, leidenschaftlich und textsicher schmetterte er die italienische Hymne in den Abendhimmel, die Emotionalität der Zeremonie wurde durch die geschlossenen Augen noch unterstrichen. Wobei den Italienern insgesamt ein extrem hohes Niveau beim Mitsingen ihrer schönen Nationalhymne attestiert werden muss. Im Kerngeschäft sind sie mindestens genauso gut, Italien überzeugt mich fußballerisch bei dieser EM total.

          Sie sind schwer zu schlagen, ihr asymmetrisches Spielsystem (4-3-1-2, auch bekannt als Raute) unterstützt sie dabei. Im Mittelfeld mit Pirlo auf der Position sechs, Montolivo auf der Zehn, de Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen, die ihre Rolle jeweils zentral interpretieren. So unterscheiden sie sich grundlegend von Mannschaften wie England, deren flaches 4-4-2 eher darauf ausgelegt ist, über die Außenpositionen im Mittelfeld Torgefahr zu entwickeln.

          Italien nimmt es in Kauf, außen nicht doppelt besetzt zu sein, wie es fast alle anderen Teams sind. Die Spieler versuchen Überzahlsituationen im Zentrum zu schaffen, ihre Ballsicherheit macht sie dabei sehr gefährlich. Gegen England haben sie gezeigt, dass sie viel mehr können, als nur taktisch auf höchstem Niveau zu verteidigen. Mehr als siebzig Prozent Ballbesitz machen das deutlich. Auffällig auch ihr situatives Forechecking, das von anderen Teams kaum noch praktiziert wird.

          Dieses Angriffspressing praktizieren sie nicht oft, aber wenn, dann sehr effektiv. Andrea Pirlo ist ihr Schlüsselspieler. Früher auf der zehn, hat er sich nun mit 33 Jahren auf die Sechserposition zurückgezogen. Er verkörpert, für mich gleichzusetzen mit Spaniens Xavi, absolute Weltklasse. Sein Rhythmusgefühl und seine Passgenauigkeit sind überragend, seine Standards gefährlich, jede Entscheidung, die er trifft, ist eine gute Entscheidung. Es wirkt, als stünde der Spielertrainer auf dem Platz. Sein unglaublicher Elfmeter gegen England unterstreicht Spielerfahrung und Selbstvertrauen.

          „Pirlo ist ihr Schlüsselspieler. Es wirkt, als stünde der Spielertrainer auf dem Platz“

          Am Donnerstag geht es also gegen Deutschland (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker). Auch unser bisheriges Spielsystem, 4-2-3-1, das dem der Engländer auf dem Papier ähnelt (zumal sich Rooney immer wieder auf die zehn zurückfallen lässt), passt nicht wirklich gut zu Italiens Raute. Wobei deutlich gesagt werden muss, dass Deutschland als Team viel variabler und flexibler als die starren Engländer agiert. Hinzu kommt die deutlich höhere Qualität der einzelnen Spieler, und zwar auf jeder Position.

          Das hilft die Schwachstellen der italienischen Grundordnung auszunutzen: die Außenbahnen. Durch die Konzentration auf die Zentrale sind sie anfällig, wenn das Spiel in ihrer Hälfte schnell von einer Seite auf die andere verlagert wird. Das kommt Deutschland, mit den sehr gefährlichen Außenbahnen über Müller, Podolski, Reus, Schürrle und Özil, der immer wieder auf die Seiten ausbricht, sehr entgegen. Gerade dann, wenn sich die Außenverteidiger zusätzlich mit einschalten.

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          Italien wird gegen Deutschland viel weniger Ballbesitz haben. Aber das wird sie nicht stören, da so ein sehr gefährliches Element ihres 4-3-1-2 begünstigt wird: Das Umschalten bei Balleroberung über die Position zehn, zuletzt Montolivo. Er besetzt die Schnittstelle zwischen der gegnerischen Abwehrreihe und den beiden Sechsern davor.

          Kommt er da an den Ball, kann er sich sofort drehen, um seine Spitzen in Szene zu setzen. Die Stürmer, Balotelli und Cassano, stehen dabei oft weit auseinander - in der Schnittstelle zwischen Außen- und Innenverteidiger. Somit machen sie das Vorrücken der Innenverteidiger auf den ballführenden Zehner riskant und zwingen gleichzeitig, die Außenverteidiger mitzuverteidigen.

          „Sein unglaublicher Elfmeter gegen England unterstreicht Spielerfahrung und Selbstvertrauen“

          Diese Umschaltsituationen sind unangenehm für jede Verteidigung und machen das Konterspiel der Italiener so gefährlich. Vorstellbar wäre eine Umstellung des deutschen Systems auf ein unter Löw bereits praktiziertes 4-1-4-1, dabei würde der zentrale defensive Mittelfeldbereich passend zum italienischen Umschalten umformiert und die offensive Außenbahn bliebe als Stärke erhalten.

          Ich freue mich jedenfalls sehr auf das Spiel Deutschland gegen Italien und bin sicher, Gianluigi Buffon wird wieder ziemlich laut singen am Donnerstag. Hoffentlich nur vor dem Spiel.

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