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Tuchels Thema (4) : Aufs kleine Netz

  • -Aktualisiert am

Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel Bild: Robert Wenkemann

Viele Spieler wählten in der Vorrunde das lange Eck für ihren Torabschluss - mit Erfolg. Eine schwierige Variante, für die es eine entscheidende Regel gibt: Präzision kommt vor Schärfe. Manchem gelingt bei der Euro beides.

          Bei einem auffallend hohen Prozentsatz der Tore, die in der Vorrunde gefallen sind, landete der Ball im sogenannten „langen Eck“, dem Teil des Tores, das vom Schützen am weitesten entfernt ist (wenn er nicht gerade mitten vor dem Tor steht). Es lohnt sich, diese Schussmöglichkeit etwas genauer zu betrachten. Denn die „lange Ecke“ ist im wahren Sinne des Wortes lang, im Prinzip beginnt sie in der Mitte des Tores. Der Zeitdruck für den Stürmer ist in solch einer Situation sehr groß, denn im Strafraum lassen einen die Gegenspieler nur sehr ungern zum Abschluss kommen. Ein Torhüter ist auch noch im Spiel. Dazu kann der Stürmer aufgrund des Zeitdrucks oftmals beim Schuss gar nicht in Richtung Tor blicken, geschweige denn nachsehen, was der Torwart macht.

          Im Training werden solche Spielsituationen immer wieder trainiert. So schaffen es Spieler, ein Gefühl für ihre Position im Feld zu entwickeln, Bewegungsabläufe zu automatisieren und intuitiv zu handeln. Trainer können versuchen, Eselsbrücken zu bauen, die Spielern in diesen Drucksituationen helfen. Bei solchen Schusschancen diagonal vor dem Tor benutze ich immer wieder den Begriff „kleines Netz“. Gemeint ist das Seitenteil des Tornetzes. Dahin soll der Ball geschossen werden.

          Präzision geht vor Schärfe

          Aufgeschnappt habe ich diesen Begriff während meiner Ausbildung zum Fußballlehrer. Mit dem gesamten Lehrgang bekamen wir von einer Jugendmannschaft des FC Basel ein exemplarisches Training vorgeführt, mit Inhalten, die immer wieder trainiert werden. Die Ausbildung von Jugendspielern in der Schweiz gilt seit Jahren als sehr fortschrittlich, deshalb waren wir dort. Der Trainer der Jungs benutzte den Begriff „kleines Netz“, um so seinen Spielern präzise zu visualisieren, wohin genau sie schießen sollen, also nicht einfach in die lange Ecke, sondern in den deutlich kleineren Bereich des Seitenteiles des Tornetzes. Wichtig dabei: Präzision geht vor Schärfe.

          Im höchsten Leistungsbereich, wie bei einer EM, treffen Spieler dieses „kleine Netz“ auffallend oft. Lars Benders Tor gegen Dänemark sieht vom Torabschluss her auf den ersten Blick nicht spektakulär aus. Er „passt“ den Ball mehr, als er ihn schießt, ganz gerade in den beschriebenen Bereich des Tores, viel Kraft braucht er dafür nicht. Wichtig für diese Abschlusstechnik ist: Sein Fußgelenk bleibt ganz fest, so vermeidet er es, obwohl er die Innenseite seines Fußes nimmt, dem Ball einen Effet zu geben, der ihn vom Tor wegdrehen würde.

          Passen statt Schießen: Bender gibt dem Ball keinen Effet und vollstreckt punktgenau Bilderstrecke

          Mario Gomez schießt bei seinem zweiten Tor gegen die Niederlande - Position halbrechts vor dem Tor - auch mit der Innenseite seines rechten Fußes. So entsteht dieser Effet, der den Ball vom Tor wegdreht und den Torwart eigentlich begünstigt. Er schießt jedoch so hoch und so präzise, dass für den Torwart keine Abwehrchance bleibt. Rafael van der Vaart trifft das „kleine Netz“ gegen Portugal, eines der wenigen Tore, die bis jetzt von außerhalb des Sechzehners erzielt wurden. Er nutzt den umgekehrten Effet, der Ball dreht sich - mit der linken Innenseite von der halbrechten Position geschlenzt - vom Torhüter weg.

          Dem Spanier Fabregas gelingt beides

          Cesc Fabregas ist ein weiteres Beispiel, der Ball berührt nach seinem Schuss beim 4:0 gegen Irland sogar noch den Innenpfosten. Er nimmt den Spann seines rechten Fußes, der Ball fliegt ganz gerade, ohne Rotation. Die Regel, Präzision geht vor Schärfe, ist in dieser Situation außer Kraft gesetzt. Ihm gelingt beides, maximale Präzision und maximale Schärfe.

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