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Tuchels Thema (3) : Spanische Fußpflege

  • -Aktualisiert am

Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel Bild: Robert Wenkemann

Die Spanier spielen so erfolgreich Fußball, weil sie die An- und Mitnahme des Balles perfekt beherrschen. Diese Kleinigkeit aus dem Trainerlehrbuch führte schon zu zwei der schönsten Tore der EM.

          Auf den ersten Blick mag es nach einer relativ unbedeutenden Kleinigkeit aus dem Trainerlehrbuch klingen, einem Detail. Aber dieses Detail hat sehr große Auswirkungen auf das Offensivspiel der technisch versiertesten Mannschaften dieser EM: die An- und Mitnahme des Balles. Diese Handlung wird im Optimalfall immer mit einem Ballkontakt ausgeführt.

          Trotzdem gibt es entscheidende Unterschiede in der Ausführung, was sehr gut bei Spaniens Mittelfeldspielern zu sehen ist. Sie führen diesen ersten Kontakt fast immer mit dem Fuß aus, der von dort, wo der Ball herkommt, weiter entfernt ist (ballferner Fuß). Dies erfordert natürlich Beidfüßigkeit. Die Vorteile, die so geschaffen werden, sind immens.

          Wird beispielsweise der Ball von einer Seite auf die andere verlagert, so kann das Spieltempo auf diese Weise erhalten werden. Die Spielfortsetzung kann anschließend in alle Richtungen erfolgen, sei es durch einen Pass oder ein Dribbling. Zudem bleibt das Sichtfeld weit geöffnet.

          Wenn, im gegenteiligen Fall, ein Spieler von links angespielt wird, er den ersten Kontakt aber mit links ausführt (ballnaher Fuß), so schaut er automatisch in die Richtung, aus welcher der Ball gespielt wurde, er engt sein Sichtfeld und sein Handlungsfeld ein. Alles, was rechts von ihm auf dem Spielfeld passiert, wird er erst sehen können, nachdem er sich mit dem Ball nach rechts gedreht hat, wofür er mindestens einen Zwischenschritt und mindestens einen weiteren Ballkontakt benötigt. Das kostet wertvolle Zeit.

          Perfekte Behandlung: Am wohlsten fühlt sich der Ball bei den Spaniern

          Im Vereinsfußball ist der FC Barcelona sicherlich die Mannschaft, die in den vergangenen drei Jahren Maßstäbe gesetzt hat, was den eigenen Ballbesitz angeht. Die unglaublich hohe Anzahl an Pässen, bei sehr hohem Spieltempo, wird dadurch ermöglicht, dass dieses Prinzip des ersten Kontaktes mit dem ballfernen Fuß von jedem einzelnen Spieler befolgt wird. Nicht umsonst ist es ein Schwerpunkt in der erfolgreichsten Jugendausbildung der Welt.

          Zwei der schönsten Tore dieses Turniers fielen auch deshalb, weil dieses Prinzip in technischer Perfektion umgesetzt wurde. In der Aktion, die zum 1:0 gegen die Niederlande führte, wurde Schweinsteiger von rechts angespielt. Er nahm den Ball mit links an (ballfern) und hatte so alle Spieler, die vor ihm stehen, im Blick - auch Lukas Podolski auf der linken Seite.

          Die Iren vertrauen eher ihrer Kopfarbeit, auch wenn der Fuß angebrachter wäre

          Das führte dazu, dass sich die Innenverteidiger auf diese Seite hin verschieben mussten, so entstand die Schnittstelle, in die Mario Gomez stach. Bastian Schweinsteiger konnte seinen Pass nun ohne Zwischenschritt und damit ohne Tempoverlust spielen, Annahme mit links, Pass mit rechts. Mario Gomez nahm den Ball in der Drehung mit links an und schloss sofort mit rechts ab. Und das technisch perfekt in einer fließenden Bewegung.

          Beim Ausgleichstreffer Spaniens gegen Italien spielte dieses Detail auch eine wichtige Rolle. Silva wurde unter höchster Bedrängnis auf den ballfernen Fuß angespielt, im Gegensatz zu Schweinsteiger im Spiel gegen die Niederlande stand er mit dem Rücken zum Tor. Da der Pass von Iniesta perfekt getimt war, ließ Silva den Ball zunächst an sich vorbeirollen und konnte sich so in Richtung Tor drehen. Er erhielt nicht nur das Spieltempo, er beschleunigte es sogar, seine Gegenspieler kamen so den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Eine kurze Ballberührung mit links, sofort danach folgte das verdeckte Anspiel auf Fabregas, der frei vollenden konnte.

          Gegen Irland haben Xavi, Iniesta und Silva dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Sie erkennen intuitiv, wann ein Pass so gut gespielt wurde, dass sie auf den ersten Kontakt zur An- und Mitnahme komplett verzichten können.

          In diesen Situationen begleiten sie den Ball nur noch, meist in Verbindung mit einer kurzen Körpertäuschung, und verschärfen so jedes Mal die Spielgeschwindigkeit, behalten aber immer die Option, ihr Spiel in jede Richtung fortzusetzen. Gegenspieler bekommen so nur unglaublich schwer Zugriff. Fragen Sie mal die tapferen Iren.

          Andres Iniesta ist ein Künstler am Ball - wenn er nicht gerade rustikal gestoppt wird

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