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Tuchels Thema (2) : Der doppelte Arschawin

  • -Aktualisiert am

Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel Bild: Robert Wenkemann

Zwischen Lethargie und Genie - Andrej Arschawin zeigt auf dem Spielfeld zwei grundverschiedene Seiten. Sehr speziell ist auch sein Jubel über Tore des eigenen Teams. Thomas Tuchel analysiert für die F.A.Z. den russischen Star.

          Gary Neville steht sicher nicht im Verdacht, der größte Fan des FC Arsenal zu sein, nach Hunderten Spielen für Manchester United. Man könnte also meinen, er hätte sich an diesem 22. Januar 2012 über den 2:1-Auswärtssieg seiner Red Devils bei Arsenal gefreut. Stattdessen aber saß er als Experte im Fernsehstudio und schimpfte.

          Der Grund: In der 74. Minute des Spiels hatte Arsène Wenger ausgewechselt. Es ging Alex Oxlade-Chamberlain, ein hochtalentierter 18-Jähriger, der in diesem Spiel das erste Mal in Arsenals Startelf gestanden hatte und offensichtlich müde war. Es kam Andrej Arschawin, ein hochtalentierter 30-Jähriger, auf den Wenger in dieser Saison nicht das erste Mal in der Startelf verzichtet hatte.

          1:1 stand es zu diesem Zeitpunkt, wenige Minuten später fiel der Siegtreffer für Manchester. Valencia hatte sich über rechts durchgesetzt und den entscheidenden Querpass gegeben. Sein Gegenspieler, Arschawin, hatte in dieser Szene höchstens so getan, als wollte er Valencia daran hindern, dieses Tor vorzubereiten.

          Arschawin sei der „desinteressierteste Spieler der Premier League“, kommentierte Gary Neville anschließend das lethargische Auftreten des Kapitäns der russischen Nationalmannschaft. Er solle doch zurück nach Russland gehen, wenn es ihm in England nicht gefalle. Ein paar Wochen später wurde Arschawin an Zenit St. Petersburg ausgeliehen.

          Gary Neville bezeichnete Andrej Arschawin als den „desinteressiertesten Spieler der Premier League“

          Diese Anekdote beschreibt eine Seite des Andrej Arschawin. Eine ganz andere Seite zeigt er im Nationaltrikot. Auch bei dieser Europameisterschaft begeistert Russland wie vor vier Jahren durch schnelles, schnörkelloses Spiel. Arschawin ist einer der offensiven Schlüsselspieler. Zusammen mit Schirkow, dem Außenverteidiger, bildet er offensiv die bis jetzt wohl gefährlichste linke Seite der EM.

          Fast jede Handlung Arschawins ist Richtung Tor ausgerichtet. Zwei Dinge stechen dabei meiner Meinung nach besonders heraus: seine Offensivdribblings eins gegen eins, von denen er an guten Tagen fast alle gewinnt. Und seine Schnittstellenpässe in die Tiefe, gerade im Umschaltspiel (unmittelbar nach Ballgewinn).

          Leichte Größenunterschiede: Arschawin versteckt sich hinter dem tschechischen Rorwart-Riesen Petr Cech

          Darauf ist das russische Spiel zugeschnitten. Extrem oft nehmen die Offensivspieler den Laufweg in die Spitze, ganz vorne Kerschakow und Dsagojew, mindestens zwei Halbspieler aus dem Mittelfeld kommen fast immer im höchsten Tempo dazu. Arschawin spielt die Bälle mit hohem Risiko hinter den sich steil freilaufenden Mitspielern her.

          Aus dem eigenen Positionsspiel heraus, so wie gegen Polen in Phasen mit viel eigenem Ballbesitz, schalten sich die beiden Außenverteidiger in diese Offensivbewegung noch zusätzlich mit ein. Bis ins letzte Drittel des Feldes wird fast ausschließlich flach gespielt, mit einer sehr großen Ruhe am Ball, die alle Spieler ausstrahlen. Erst spät werden Spielsituationen über die Flügel aufgelöst, lieber noch geht’s diagonal flach durch die Mitte, auf dem schnellsten Weg Richtung Tor.

          Interesse am Spiel zeigt der Russe nur, wenn es Richtung eigenes Tor geht

          Niemand käme wohl auf die Idee, Arschawin in diesen Tagen desinteressiert zu nennen. Dennoch - in der Defensivbewegung zeigt er wenig Engagement. Durch diese Passivität beim Verteidigen ist er dann allerdings, nach Ballgewinn durch seine Mitspieler, oft ohne direkten Gegner und anspielbereit. Antizipierendes Faulenzen bei gegnerischem Ballbesitz, wenn man so will.

          Sehr speziell auch sein Jubel über Tore des eigenen Teams. Beim 4:1 gegen Tschechien durch Pawljutschenko war er angetaner Zuschauer - fünf Meter im passiven Abseits stehend. Nach seinem Freistoß auf Dsagojew zum 1:0 gegen Polen schien ihm der Weg zum kollektiven Torjubel wohl zu weit, er wackelte stattdessen freudig mit dem Zeigefinger.

          Niemand käme wohl auf die Idee, Arschawin in diesen Tagen bei der EM desinteressiert zu nennen

          Arschawin zwischen Lethargie und Genie, trotzdem: Die Russen machen Spaß. Ich fühle mich an die WM 1986 zurückerinnert. Damals, mit 13 Jahren vor dem Fernseher, wurde ich schon einmal Fan dieses Teams. Da flogen sie gegen Belgien in einem unglaublichen Spiel mit 3:4 nach Verlängerung aus dem Turnier, ich saß schimpfend auf dem Sofa. (Wenn auch frustriert am nächsten Tag, denn wegen der Zeitverschiebung durfte ich die Spiele nicht live sehen.)

          Apropos, Gary Neville ist ja seit Mai Co-Trainer der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Ihm wird die Leistung Arschawins bei dieser EM sicher nicht verborgen geblieben sein, obwohl er natürlich auch schon im Januar wusste, was der Russe zu spielen imstande ist. Wenn er denn will.

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