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Tuchels Thema (1) : Kampf der Kulturen

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Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel Bild: Robert Wenkemann

Deutschland und die Niederlande denken ähnlich und unterscheiden sich doch von Spanien. Italien ist der Gegenentwurf, dem sich die Franzosen annähern. Thomas Tuchel analysiert für die F.A.Z. die Favoriten der Fußball-EM.

          Spielkontrolle und Ballbesitz, in schier endlos wirkenden Ballstafetten den Gegner zermürben: Manchmal wirkt das spanische Spiel wenig zielstrebig. Trotzdem gelingt es den Spaniern gerade auf diese Art und Weise immer wieder, offensive Schlüsselspieler, wie zum Beispiel Iniesta und Silva, in torgefährlichen Räumen freizuspielen.

          Spanien steht seit Jahren wie keine andere Nation für das Selbstverständnis und den Anspruch, die spielerische Dominanz auszuschöpfen und den eigenen Stil gegen jeden Gegner durchzudrücken.

          So haben die Spieler dieser spanischen Generation gemeinsam große Titel gewonnen, angefangen in den U-Nationalmannschaften, dann bei der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft mit der A-Nationalmannschaft. Nicht zu vergessen die zahlreichen Erfolge auf Vereinsebene. Diese Spieler sind außergewöhnliche Wettkämpfer. Natürlich ist Spanien auch dieses Mal wieder einer der Favoriten.

          Deutschland und die Niederlande gehören auch dazu. Ihr spielerischer Ansatz ist dem der Spanier ganz ähnlich. Offensiv denkend, verbunden mit dem Glauben daran, dass es möglich ist, schön zu spielen und zu gewinnen. Und doch unterscheiden sie sich von Spanien.

          Beide, Deutschland und die Niederlande, versuchen durch flaches Spiel in die Tiefe schneller und damit risikoreicher in die Spitze zu kommen. Vor allem nach Balleroberungen macht dieses schnelle, offensive Umschaltspiel beide so gefährlich. Für dieses prägende Element ihres Spiels nehmen sie es in Kauf, mehr Ballverluste als Spanien zu produzieren.

          Entwickelt Prandelli eine Wagenburgmentalität?

          Vom traditionellen Selbstverständnis her ist Italien der Gegenentwurf zu den drei zuvor genannten Nationen. Die Italiener treiben ihr Defensivverhalten zur Perfektion. Auch so, das haben italienische Auswahlteams seit Jahrzehnten verinnerlicht, kann man im Fußball Spiele und Titel gewinnen. Italien hat die Fähigkeit und die Mentalität dafür, gegnerischen Ballbesitz und spielerische Überlegenheit anderer Teams fast schon mit zynischer Gelassenheit über sich ergehen zu lassen.

          Solange die eigene Fehlerquote gegen null tendiert, verbunden mit dem hohen Niveau der Einzelspieler, schafft es Italien immer wieder, gute Ergebnisse zu erzielen. Die zahlreichen Nebengeräusche, die momentan um einzelne Spieler und Italiens Fußball herum zu hören sind, könnten das Team umso gefährlicher machen, wenn Coach Prandelli diese negativen Einflüsse dazu nutzt, eine Wagenburgmentalität zu entwickeln, und so eine verschworene Einheit zu formen.

          Kampf der Kulturen - auf allerhöchstem Niveau

          Frankreich hat sich unter Trainer Laurent Blanc ganz ähnlich entwickelt. Die goldene Spielergeneration, der Blanc selbst noch angehörte, mit dem herausragenden Talent eines Zidane, eines Henry, eines Deschamps und wie sie alle hießen, gibt es nicht mehr. So haben die Franzosen einen Paradigmenwechsel vollzogen. Auch sie stellen das Ergebnis in den Vordergrund. Ob das nun schön ist oder nicht, interessiert Frankreich, wie Italien, relativ wenig.

          Gleichzeitig ist natürlich auch bei Frankreichs Spielern, die alle in europäischen Top-Klubs spielen, großes individuelles Potential vorhanden. Auf diese Art und Weise sind sie seit nunmehr 21 Spielen nacheinander ungeschlagen! Offensive gegen Defensive, Schönheit gegen Ergebnisorientierung. Am Sonntag wird dieser Kampf der Kulturen das erste Mal zu bewundern sein. Auf allerhöchstem Niveau.

          Bei wem überwiegt die Furcht, bei wem der Mut?

          Dann trifft Spanien auf Italien, im ersten Spiel für beide Mannschaften. Dies ist ein Beleg dafür, wie unglaublich hoch die sportliche Herausforderung bei einer Europameisterschaft ist. Ein weiterer Beleg dafür ist wohl, dass ich mir erlaube, beispielsweise eine Mannschaft wie England bei einer Aufzählung der Favoriten bis hierhin noch nicht einmal erwähnt zu haben.

          Es wird interessant sein zu sehen, wie die Favoriten ihre Spiele angehen werden. Ob sie es schaffen, auch in engen Duellen ihren eigenen Fähigkeiten bis zuletzt zu vertrauen und trotz des Drucks und der geforderten Höchstleistung auch eine entspannte Lockerheit zu entwickeln. Anders gesagt: Bei wem überwiegt die Furcht zu verlieren? Und bei wem überwiegt stattdessen der Mut, gegen das hohe Niveau der Außenseiter, aktiv gewinnen zu wollen?

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