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Scharfe Kritik an UEFA : „Das kommt moralischem Bankrott gleich“

Kurzer Check, dann geht es weiter: Viele Profis (hier Benjamin Pavard) spielen auch nach heftigen Zusammenstößen bei dieser EM weiter. Bild: AP

Nicht nur der Umgang mit dem Zusammenbruch des Dänen Eriksen werfe „immense Fragen“ auf: Die Spielergewerkschaft FIFPro äußert sich deutlich zum Umgang der UEFA mit der Gesundheit der Spieler bei der EM.

          3 Min.

          Die Fußballspieler-Gewerkschaft FIFPro kritisiert die Europäische Fußball-Union (UEFA) für ihren Umgang mit der Gesundheit der Spieler während der laufenden EM und darüber hinaus. FIFPro-Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann bezog sich dabei auf den Umgang mit dem Kollaps des Dänen Christian Eriksen, die pausenlose Spielbelastung und den Umgang mit möglichen Kopfverletzungen.

          Fußball-EM
          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die während der EM geübte Praxis, die dazu führt, dass nach Zusammenstößen offenkundig angeschlagene Spieler wie etwa der Franzose Pavard (gegen Deutschland), der Österreicher Baumgartner (gegen die Ukraine) und der Portugiese Danilo (gegen Frankreich) teilweise bis zum Spielende weiterspielten, zeige den Unwillen des Fußballs, sich angemessen mit dem Problem auseinanderzusetzen.

          „Bizarre Interessenabwägung“

          „Der Fußball hätte schon vor fünf Jahren dringend Maßnahmen ergreifen müssen, stattdessen geht es widersprüchlich weiter. Wenn die Schwächen bekannt sind, die Regeln geändert werden, aber der ausschlaggebende Punkt nicht die Frage nach der Gesundheit der Spieler ist, kommt das einem moralischen Bankrott gleich“, sagte Baer-Hoffmann.

          Diesbezüglich kritisiert die FIFPro auch das die Regeln setzende International Football Association Board, das sich in Bezug auf Regeländerungen bei Auswechslungen auf Grund möglicher Kopfverletzungen aus Baer-Hoffmanns Sicht von der Frage nach Auswirkungen auf den Spielfluss habe leiten lassen und keine vorübergehenden Spielerwechsel zu eingehenderen Untersuchungen erlaubt.

          „Aus meiner Sicht ist das eine sehr bizarre Interessenabwägung – auf der anderen Seite steht die Gesundheit der Spieler. Aber es wurde die zweitbeste Lösung genommen, damit der Spielfluss nicht gestört wird. Wieso kann man nicht, wenn es einen Versuch mit zwangsläufigen Auswechslungen gibt, auch temporäre Auswechslungen testen? In nahezu allen anderen Sportarten gibt es bessere Lösungen als im Fußball.“

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          Er verwies auf die Praxis in der Football-Liga NFL, die Liga und Profispielergewerkschaft vereinbart haben. Dort werden Mannschaftsärzte von einem zweiten, unabhängigen Mediziner begleitet, dessen Urteil letztlich ausschlaggebend ist, weil sich ein Mannschaftsarzt, der sich über die Diagnose des neutralen Arztes hinweg setzt, in Haftungsfragen angreifbar macht.

          Auch seine Organisation müsse noch stärker auf die Gefahren von Gehirnerschütterungen hinweisen, sagte Baer-Hoffmann. „In Deutschland und anderen Ländern bekommt das Thema höchstens ein Viertel der Aufmerksamkeit, die es in England gibt. In Amerika gibt es, durch die Arbeit der Spielergewerkschaften, viele bekannte Schicksale, das Wissen über die Vielzahl sehr schwerer Krankheitsverläufe, über Suizide. Da haben wir mehr Aufklärungsarbeit zu leisten.“

          Konkrete Beschränkungen gefordert

          Baer-Hoffmann fordert zudem konkrete Beschränkungen, um den Profis Spielpausen zu garantieren: „Jede Fußballorganisation stimmt unserer Datenanalyse der Gesundheitsgefahren und dem Leistungsabfall der Überbelastung zu.“ Dennoch versuche jeder Verband, „aus den Spielern das Letzte herauszupressen“, bei der EM spielten etliche Spieler „nahezu ausgebrannt, erschöpft. Dabei müsste jeder Wettbewerbsorganisator ein Interesse daran haben, dass die Spieler in Topform sind, wenn das Champions-League-Endspiel oder die Nationalmannschaftsturniere anstehen. Aber kein Verband oder Liga ist bereit, Abstriche zu machen, wenn es um die eigenen Turniere geht. Es gibt massive Interessenkonflikte und Interessenkollisionen. Die Neuausrichtung des Spielkalenders in den kommenden Monaten birgt explosive Konflikte, zudem ist die Winter-WM in Qatar nur noch gut ein Jahr entfernt, man kann sagen, dass es bis dahin keine längere Pause mehr geben wird.“ Weitere Veränderungen am Spielplan dürften nur kollektiv verhandelt werden.

          Aus Sicht der Spielergewerkschaft wirft auch der Umgang mit dem Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen „immense Fragen“ auf: „Der Entscheidungsprozess nach traumatischen Vorfällen muss gründlich überprüft und verändert werden.“ Die emotionale Situation der Spieler müsse das entscheidende Kriterium sein, sagte Baer-Hoffmann, aber ihnen unter dem Schock oder Trauma die Verantwortung für die Entscheidung zu überlassen, sei nicht verantwortungsvoll.

          Angesichts der während der EM deutlich werdenden Probleme, forderte Baer-Hoffmann, müsse auch die Politik einen Kulturwandel im Sport anschieben. „Das Regelwerk des Sports existiert weitgehend ungestört in einem Paralleluniversum. Gleichzeitig hält der Sport die Standards nicht ein, die er sich selbst setzt. Das sehen wir aktuell insbesondere immer wieder in Menschenrechtsfragen. Der Wandel für einen neuen Sozialvertrag, der Interessen von Sport und Gesellschaft in der Balance hält, muss von Außen kommen.“

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