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Italien wirft Spanien raus : Auf Deutschland wartet der Angstgegner

Was für ein Jubel: Italien schmeißt den Titelverteidiger aus dem Turnier. Bild: dpa

Den Titelverteidiger geschlagen, den Weltmeister im Blick: Italien tritt beim 2:0 gegen Spanien erst technisch perfekt und dann mit einer unüberwindbaren Defensive auf – und fordert nun im Viertelfinale Deutschland heraus.

          3 Min.

          Neunzig Minuten waren vorbei und nicht nur das, auch eine Fußball-Ära. Der Ball flog von der rechten Seite vors spanische Tor, und Graziano Pellé, der eigentlich Turniertänzer werden sollte und dann Mittelstürmer wurde, hob das rechte Bein wie zu einer Pirouette und knallte den Ball mit dem Schienbein volley ins Glück. Es war das 2:0 für Italien, es war die Entscheidung, und es war, am Montag um fünf Minuten vor acht Ortszeit Paris, nach acht Jahren das Ende der sogenannten spanischen Ära.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Diejenigen, die nach ihrem Weltmeistertitel 2014 erklärt haben, eine solche Ära wie die Spanier begründen zu wollen, werden dafür nun ihren Angstgegner bezwingen müssen. Denn der deutsche Gegner im Viertelfinale am Samstag in Bordeaux (21 Uhr / Live in ARD oder ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET) heißt Italien – jenes Team, gegen das Joachim Löws Mannschaft bei der letzten EM im Halbfinale scheiterte, jenes Land, gegen das Deutschland in acht Duellen bei Welt- oder Europameisterschaften noch nie gewinnen konnte.

          „Wir spielen jetzt gegen das beste Team der EM“, sagte Trainer Antonio Conte nach dem 2:0-Sieg gegen den Titelverteidiger, durch den Spanien erstmals seit 2008 keinen Titel mehr innehat. „Wir brauchen eine titanische Leistung in jeder Hinsicht.“ Über seine Mannschaft sagte er: „Diese Jungs erstaunen mich immer wieder, sie zeigen immer wieder etwas Außergewöhnliches“. Er hoffe, „dass er das auch am Samstag sagen kann“, ergänzte Abwehrchef Leonardo Bonucci. „Das wird ein gewaltiges Spiel. Die Deutschen haben eine große Mannschaft, eine große Einheit.“

          Aber das habe auch Italien. „Heute haben wir unseren Charakter gezeigt, harte Arbeit und einen großen Kampf geliefert.“ Und einen Beleg ihrer sprichwörtlichen Cleverness. Von zehn mit einer Gelben Karte vorbelasteten Spielern, davon sechs in der Startelf, handelte sich nur der eingewechselte Thiago Motta eine weitere Gelbe Karte und damit eine Sperre gegen Deutschland ein.

          Die erste Halbzeit des packenden Achtelfinals im Stade France war eine Demonstration taktisch perfekten Fußballs – die zweite eine der ältesten italienischen Fußballtugenden, der fehlerlosen, nicht zu knackenden Defensive. Trainer Conte hatte sich gegen einen mit Anpfiff einsetzenden heftigen Schauer Regenjacke und Kappe bringen lassen und dirigierte dann sein Team im Regen, später wieder im Trockenen zu einer Klasseleistung. Die Italiener störten die Spanier früh und besetzten geschickt die Räume, die der Europameister für sein Kombinationsspiel braucht. So bekamen die Spanier nie Tempo in ihr Spiel und schafften bis zur Pause als Torabschluss nur einen kraftlosen Schuss von Andres Iniesta.

          Die Entscheidung: Pellè trifft in der Nachspielzeit zum 2:0 Bilderstrecke

          Ganz anders die agilen Italiener, die sich mit raschen Tempowechseln und flottem Umschaltspiel ein halbes Dutzend guter Chancen erarbeiteten. Zweimal parierte Torwart David De Gea glänzend, zu Beginn kratzte er einen Kopfball von Pellé aus dem unteren Eck (8. Minute), am Ende einen herrlichen Diagonalschuss von Emanuele Giaccherini, mit der rechten Hand blitzartig übergreifend, aus dem oberen Torwinkel (44.). Dazwischen aber hatte er einen vom schwachen Abwehrchef Sergio Ramos mit Foul an Pellé verschuldeten Freistoß, von Éder knallhart aus zwanzig Metern aufs Torwarteck geschossen, nicht festhalten können. Der kleine Giaccherini brachte die Fußspitze an den Ball, der lange Chiellini drückte ihn zum 1:0 ins Netz (32.).


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          Nach der Pause drückten die Spanier mehr, doch die Italiener blieben gefährlicher. Pellé spielt mit einem Direktpass per Hacke Eder frei, und der gebürtige Brasilianer schaltete den Turbo ein, rannte allen Verteidigern weg, scheiterte aber am Bauch des lang wartenden de Gea (55.). Es dauerte bis zur 70. Minute, bis der strauchelnde Europameister durch den eingewechselten Aduriz zum ersten wirklich gefährlichen Moment kam, sein Direktschuss von der Strafraumgrenze drehte sich einen halben Meter am Pfosten vorbei.

          Dann kam die Viertelstunde der Torwartlegende Gianluigi Buffon. Einen krachenden Volley von Iniesta wehrte der 38-jährige Kapitän ab (76.), dann einen knallharten Zwanzig-Meter-Schuss von Gerard Piqué (77.), und nachdem der eingewechselte Lorenzo Insigne, 1,63 Meter groß, mit einem Hüftwackler Ramos stehen, aber auch die große Chance zur Entscheidung frei vor de Gea hatte liegen lassen, musste Buffon eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit sein ganzes Können zeigen, als die Spanier verzweifelt einen langen Ball nach vorn schlugen und der Abpraller von Piqués Fußspitze erwischt wurde. Buffon parierte den Schuss aus kurzer Entfernung glänzend.

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          Piqué raufte sich die Haare, mit einem Blick, in dem die Niederlage schon zu lesen war. Zwei Minuten später war sie Realität, als Darmian frei über rechts in den verwaisten spanische Strafraum eindrang und seine Hereingabe bei Pellé landete – wie schon beim 2:0 gegen Belgien traf der Stürmer volley in der Nachspielzeit.

          „Italien war besser. Sie sind sehr effektiv. Sie haben einen Stil, gegen den man sehr schwer spielen kann“, sagte der spanische Trainer Vicente del Bosque, der Welt- und Europameister mit Spanien wurde, nun aber beide Titel verloren hat und erklärte, er werde „mit dem Präsidenten darüber reden, was das Beste für das Team ist“ - vermutlich sein Rücktritt. „Es war eine goldene Zeit für den spanischen Fußball. Und es geht weiter, im Herbst mit der Qualifikation für die WM 2018.“ Für Italien geht es am Samstag weiter, mit dem Fußballklassiker gegen Deutschland. „Wir haben seit einem Monat hart gearbeitet, um einige Leute zu überraschen“, sagte Conte. Das ist zumindest einmal nun gelungen.

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