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4:2 n.E. gegen Portugal : Wieder einmal Spanien

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Bruno Alves schießt seinen Elfmeter an die Latte, der von Fabregas springt vom Pfosten ins Tor. Der Titelverteidiger Spanien erreicht gegen Portugal mit einigem Glück das EM-Finale in Kiew.

          3 Min.

          Welt- und Europameister Spanien wäre um ein Haar vom Nachbarn entmachtet worden. Portugal zwang den Titelverteidiger bis ins Elfmeterschießen, doch da setzte sich der Favorit 4:2 durch und steht damit am Sonntag im Finale von Kiew. Deutschland und Italien bewerben sich an diesem Donnerstag in Warschau um den weiteren Teilnehmerplatz.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Es waren Millimeter, die dieses Spiel entschieden. Der Spanier Fabregas setzte den Ball als letzter Schütze an den Innenpfosten, von dem er ins Netz sprang. Unmittelbar vor ihm hatte der Portugiese Alves die Unterkante der Latte getroffen - der Ball landete vor der Torlinie. Bei beiden Mannschaften hatte gleich der erste Schütze verschossen: Moutinho für Portugal, Xabi Alonso für Spanien. Doch den Champion brauchte dieses Missgeschick am Ende nicht mehr zu kümmern.

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          Zuvor allerdings schien die Dominanz der Spanier 104 Minuten lang gebrochen. Portugal war nicht schlechter als die Mannschaft von Trainer del Bosque. Das 0:0 drückte die Leistungen bis dahin treffend aus. Die Portugiesen schafften es, den spanischen Kombinationsfluss weitgehend zu unterbinden, es gelang ihnen aber auch nicht, selbst zu großen Torchancen zu kommen. Dann jedoch drehte Spanien auf und hätte sich den Einzug ins Endspiel schon vor dem Elfmeterschießen verdient gehabt.

          Fußball kann sehr schön sein, wenn ihn zwei Klassemannschaften spielen, muss aber nicht. Spanien wurde zuletzt für seine Endloskombinationen im Tikitaka-Stil kritisiert, weil sie so wenig zielführend und deshalb langweilig seien. Wenn der Titelverteidiger aber an seiner gefürchteten Spielweise gehindert wird, entwickelt sich auch kein interessanteres Spiel.

          Kein Tikitaka ist auch nicht interessanter

          Portugal schaffte es so gut wie lange kein Gegner mehr, Xavi, Iniesta, Xabi Alonso und wie sie alle heißen vom Ball wegzuhalten. Gefühlt waren es weit weniger als die 57 Prozent Ballbesitz, den die Statistiker für den Welt-und Europameister in der ersten Halbzeit ermittelten. Aber wenn die Portugiesen selbst die Initiative hätten ergreifen können, dann erwiesen sich die Spanier als mindestens genauso geschickt im Spielverderben. So neutralisierten sich 19 Spitzenspieler wie eine Arbeitsgruppe Bürokraten, die sich mit unheimlich viel Aufwand selbst verwalten, aber ohne größeren Wert für die Allgemeinheit.

          Es ist von 19 Profis die Rede, weil die beiden Torhüter quasi nicht mitspielten und es sich bei Hugo Almeida nicht um eine Spitzenkraft handelt. Der portugiesische Mittelstürmer demonstrierte überzeugend, warum Werder Bremen nach einigen Jahren froh war, dass Besiktas Istanbul zwei Millionen Euro Ablöse für ihn zahlte. Ein massiger Körper und große Schusskraft im linken Fuß reichen für höhere Ansprüche nicht aus, wenn das Verständnis für Fußball weitgehend fehlt. Der 28 Jahre alte Angreifer irrte umher, ihn erreichte kein Ball, weil jeder Abwehrspieler, auf den er traf, schneller schaltete als er.

          Ungewohnt viele Fehlpässe

          Wer auf Torchancen und andere Strafraumszenen keinen Wert legt, dafür aber Antizipationsfähigkeit schätzt, der kam schon in der ersten Halbzeit auf seine Kosten. Wie das zentrale Mittelfeld der Portugiesen mit Veloso, Moutinho und Meireles die Räume abdeckte, wie sie immer im rechten Moment ihre Gegner attackierten und sie damit in Fehler trieb, das hatte Lehrbuchhaftes. Die Spanier leisteten sich ungewohnt viele Fehlpässe, vor allem Abwehrspieler Pique, auf dem plötzlich ein Teil des Spielaufbaus lastete.

          Wann hat man schon einmal von einer spanischen Nationalmannschaft innerhalb weniger Sekunden einen Querschläger, einen geblockten Befreiungsschlag und eine verunglückte Ballannahme mit der Brust gesehen? Doch all den Druck, den sie erzeugen konnten, vermochten die Portugiesen in den ersten 45 Minuten nur zu einer einzigen Torchance umzuwandeln. Cristiano Ronaldo verfehlte mit seinem Flachschuss in der 31. Minute das Tor von Casillas jedoch knapp. Spanien erarbeitete sich auch nur zwei Torszenen. Arbeloa und Iniesta visierten das Ziel aber jeweils ein wenig zu hoch an.

          Dass Trainer del Bosque diesmal einen Stürmer einsetzte und nicht sechs Mittelfeldspieler wie gegen Frankreich, erhöhte die Torgefährlichkeit keineswegs. Überraschend hatte er sich nicht für Torres, sondern für Negredo vom FC Sevilla entschieden. Nach 54 Minuten korrigierte sich del Bosque. Mittelfeldspieler Fabregas ersetzte Negredo. Als dann auch noch Navas für den müde wirkenden Silva kam, wurde das spanische Spiel etwas druckvoller. Richtig Fahrt nahm es jedoch auch dann nicht auf.

          In der Verlängerung blüht Spanien auf

          Bei Portugal wachte Hugo Almeida auf. Von Cristiano Ronaldo sehr schön in Szene gesetzt, fehlte seinen Schüssen zwar die Präzision, auch das kennt man in Bremen, aber immerhin war er jetzt am Spiel beteiligt. Da bis zur 90. Minute die Spieler nur immer giftiger in den Zweikämpfen wurden, aber nicht nachlässiger, war es keine Überraschung, dass in der regulären Spielzeit kein Tor fiel. Die einzige große Gelegenheit dazu vergab Cristiano Ronaldo in der 88. Minute, als er den Ball nach einem Konter Richtung Tribüne jagte.

          Die Spanier hoben sich ihren besten Angriff bis zur 104. Minute auf. Der frisch für Xavi ins Spiel gebrachte Pedro setzte Jordi Alba ein, und dessen Zuspiel eröffnete Iniesta fünf Meter vor dem gegnerischen Tor eine hervorragende Schussposition. Der portugiesische Torwart Rui Patricio brachte jedoch das Kunststück fertig, seine Finger noch an den Ball zu bringen.

          Der Titelverteidiger war in der Verlängerung dem Siegtreffer sehr viel näher als der Herausforderer, zum Beispiel als Sergio Ramos Freistoß nur haarknapp vorbeirauschte, und eine Flanke nach der anderen vor das Tor der Portugiesen segelte. Doch zu einem Treffer sollte es für die Spanier bis zum Elfmeterschießen nicht mehr reichen - was der Titelverteidiger dann jedoch ausbügelte.

          Portugal - Spanien 2:4 i.E. (0:0)

          Portugal: Rui Patricio - Pereira, Bruno Alves, Pepe, Coentrão - Raul Meireles (113. Varela), Miguel Veloso (106. Custódio), João Moutinho - Nani, Hugo Almeida (81. Nélson Oliveira), Cristiano Ronaldo
          Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Xabi Alonso - David Silva (60. Jesús Navas), Xavi (87. Pedro Rodriguez), Iniesta - Negredo (54. Fàbregas)
          Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
          Zuschauer: 49.400 (ausverkauft)
          Elfmeterschießen: Xabi Alonso gehalten, João Moutinho gehalten, 0:1 Iniesta, 1:1 Pepe, 1:2 Piqué, 2:2 Nani, 2:3 Sergio Ramos, Bruno Alves verschossen, 2:4 Fàbregas
          Gelbe Karten: Bruno Alves, Coentrão, Miguel Veloso, Pepe, Pereira / Arbeloa, Busquets, Sergio Ramos, Xabi Alonso

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