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1:1 gegen Russland : „Kuba“ hält Polen im Spiel

Berechtigter Jubel: Jakub Blaszczykowski hält die Polen im Turnier Bild: dpa

Das brisante, politisch aufgeladene Duell der Polen und Russen endet 1:1 und begeistert mit Tempofußball sowie dem schönsten Tor der EM.

          Es begann mit einem unschönen Vorspiel, es endete mit einem großartigen Fußballspiel. Am Ende des russischen Unabhängigkeitstages, den Tausende russische Besucher am Dienstag mit einem Marsch durch Warschaus Innenstadt zum Stadion begingen, einige von ihnen aber auch mit Auseinandersetzungen mit polnischen Anhängern, haben elf Polen eine erfolgreiche spielerische Befreiungsbewegung gegen das Team der alten Besatzermacht gebildet.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dank des Ausgleichstreffers des Dortmunders Jakub Blaszykowski in der 57. Minute schaffte der EM-Gastgeber in einer packenden Partie ein 1:1 gegen den Favoriten Russland, der nach 37 Minuten durch Alan Dschagojew in Führung gegangen war. Für den 21-jährigen Jungstar von Dynamo Moskau war es bereits der dritte Turniertreffer. Während die Russen damit die vorzeitige Qualifikation fürs Viertelfinale verpassten, benötigen die Polen im letzten Spiel gegen Tschechien einen Sieg zum Weiterkommen.

          Grzegorz Lato, der Präsident des polnischen Fußballverbandes, hatte zuvor erklärt, die heutige Situation sei eine ganz andere als die in seiner aktiven Zeit in den 70er und 80er Jahren: „Damals waren politische Aspekte sehr wichtig, aber diesmal ist es ein reines Sportereignis, und ich möchte nicht, dass die Politik das überlagert.“ Das tat sie dann doch zumindest während der russischen Hymne, als im Gästeblock ein mehrere tausend Quadratmeter großes Transparent aufgespannt wurde. Es zeigte einen furchterregenden Krieger mit spitzem Schwert und die Worte: „Das ist Russland.“ Eine Provokation in einem Land, in dem die Erinnerung an fast ein halbes Jahrhundert kommunistischer Fremdherrschaft noch sehr lebendig ist.

          Polens Traumtor aus der Hintertorperspektive: Der Schuss passt genau Bilderstrecke

          Zu Beginn der Partie hätten zwei der Deutsch-Polen, deren Nominierung für das EM-Team in einigen nationalistischen Kreisen auf Widerstand gestoßen war, zu polnischen Helden werden können. Beide Male fehlten nur Zentimeter. Nach sechs Minuten erwischte der Bremer Sebastian Boenisch einen Freistoß im Strafraumgetümmel mit der Stirn, doch der Ball prallte aus kurzer Entfernung gegen das Standbein von Torwart Wjatscheslaw Malafejew. Nach 17 Minuten traf der Mainzer Eugen Polanski zwar ins Tor, doch hatte er beim letzten Zuspiel der schönen Kombination knapp im Abseits gestanden. Auch sonst kam Torgefahr zunächst nur von den Polen. Ein wuchtiger Direktschuss von Robert Lewandowski aus 22 Metern flog über das Tor, ein Kopfball von Marcin Wasilewski ebenfalls. Nach 22 Minuten verpasste Lewandowski eine scharfe Hereingabe seines Dortmunder Mannschaftskollegen Lukasz Piszczek.

          Fußball mit Zirkel, aber noch ohne Hammer

          Die nach dem Auftaktsieg gegen Tschechien so hoch gelobten Russen brauchten 27 Minuten bis zur ersten Chance, als Andrej Arschawin im Fünfmeterraum eine flache Flanke um Zentimeter verpasste. Weil die Polen wie schon gegen Griechenland ihr hohes Anfangstempo Mitte der ersten Halbzeit drosseln mussten, übernahmen die Russen die Initiative. Sie spielten nun ihren feinen, flotten Kombinationsfußball, vorerst allerdings fehlte die Durchschlagskraft - Fußball mit Zirkel, aber noch ohne Hammer.

          Doch nach 37 Minuten schlugen sie zu. Unter dem Druck ihres Pressings verloren die Polen den Ball in der eigenen Hälfte, Wasilewski konnte den offensiven Außenverteidiger Roman Schirkow nur mit einem Foul stoppen, und Arschawin servierte den folgenden Freistoß so scharf geschnitten an die richtige Stelle kurz vor dem Fünfmeterraum, dass der hereingespurtete Dschagojew den Ball per Hinterkopf unhaltbar ins lange Eck lenken konnte.

          Torszenen in Hülle und Fülle

          In der Pause hatten die Polen neuen Schwung und Mut getankt. Gleich im ersten Angriff kam Lewandowski fast zum aussichtsreichen Abschluss, wurde aber von Torwart Malafejew abgedrängt. Ein Kopfball von Damien Perquis flog knapp übers Tor. Und wie so viele Partien einer bisher sehr unterhaltsamen EM wurde auch diese in der zweiten Halbzeit noch besser, mit Torszenen in Hülle und Fülle. Auf der einen Seite des atemlosen Schlagabtauschs kam Lewandowski knapp zu spät, auf der anderen rutschte Arschawin ein Schrägschuss etwas zu sehr über den Fuß.

          Dann nahm der russische Spielmacher den Ball bei einem Konter im vollen Spurt wunderbar mit, verschluderte aber die 4:3-Überzahlsituation am gegnerischen Strafraum mit einem ungenauen Querpass, und die Polen spielten ihren Gegenkonter. Der „Kuba“ genannte Blaszykowski hinterlief am rechten Flügel seinen Gegenspieler, wurde von Piszczek bedient, zog nach innen und traf mit dem schwächeren, dem linken Fuß aus zwanzig Metern in den Winkel. Es war das bisher schönste Tor der EM - und auf jeden Fall das am lautesten bejubelte. Und fast hätte es sogar zum polnischen Sieg gereicht, doch Torwart Malafajew rettete gegen Polanski.

          Polen - Russland 1:1 (0:1)

          Polen: Tyton - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Dudka (73. Mierzejewski), Polanski (85. Matuschyk) - Blaszczykowski, Murawski, Obraniak (90.+3 Brozek) - Lewandowski
          Russland: Malafejew - Anjukow, Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denisow, Sirjanow - Dsagojew (79. Ismailow), Kerschakow (70. Pawljutschenko), Arschawin
          Schiedsrichter: Stark (Deutschland)
          Tore: 0:1 Dsagojew (37.), 1:1 Blaszczykowski (57.)
          Gelbe Karten: Lewandowski, Polanski - Denisow, Dsagojew
          Zuschauer: 55.920 in Warschau

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