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1:1 gegen Italien : Die falsche Neun rettet Spaniens Punkt

Einmal ist Buffon ohne Chance: Fabregas trifft für Spanien Bild: dapd

Im bislang besten Spiel der EM kommt der Titelverteidiger nur zu einem Remis gegen starke Italiener. Die spanischen Weltmeister beeindrucken dennoch.

          „Wir sind hier, um für Aufsehen zu sorgen“, hatte Gianluigi Buffon, der Kapitän Italiens, vor der EM behauptet. Und das ist seinem Team am Sonntag gelungen. Mit einem hochverdienten 1:1 gegen den Welt- und Europameister Spanien zeigten die vom Bestechungsskandal in der Serie A offenbar nicht wirklich erschütterten Italiener, dass mit ihnen zu rechnen ist bei diesem Turnier.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der eingewechselte Antonio di Natale hatte Italien in der 61. Minute in Führung gebracht, drei Minuten später schaffte Cesc Fabregas den Ausgleich. Die Spanier waren mit guten Erinnerungen in das Spiel gegangen, denn sie hatten die schwierigste Hürde auf dem Weg zu ihrer seit vier Jahren gültigen fußballerischen Weltherrschaft 2008 im EM-Viertelfinale gegen ihren alten Angstgegner Italien genommen, den sie zuvor 88 Jahre lang in keinem Wettkampfspiel hatten bezwingen können.

          „Der Sieg im Elfmeterschießen 2008 im EM-Viertelfinale war der Schlüssel zu dem, was wir heute sind“, sagte Kapitän Iker Casillas. „Ohne diesen Sieg wären wir heute keine Champions. Eine Last fiel von uns ab.“ Und Abwehrchef Gerard Piqué fand, dass „jener Sieg über Italien unser Denken verändert hat.“

          Durchatmen: Die spanischen Favoriten verhindern den Fehlstart - anders als bei der WM Bilderstrecke

          Doch die Wiederholung des Duells am Sonntag in Danzig zeigte von Beginn an, dass die Italiener es den Spaniern um keinen Deut leichter machen würden als 2008. „Wir haben keine Angst und wir haben gute Chancen“, hatte Nationaltrainer Cesare Prandelli gesagt, dessen Modernisierung des italienischen Spiels auch vom spanischen Kollegen Vicente del Bosque anerkannt wurde. „Ich bin entspannt wie ein kleines Kind, das seine Hausaufgaben gemacht hat“, so der Chef der Italiener.

          Und so war Prandellis Team auch nicht von der eigenwilligen Antwort del Bosques auf die Frage überrascht, welchen Mittelstürmer die Spanier aufbieten sollten - Torres, Llorento oder doch Negredo? Die Antwort lautete nämlich: gar keinen. Dafür übernahm der Mittelfeldspieler Cesc Fabregas nominell die Position im Sturmzentrum, was die Spanier das Spiel mit der „falschen Neun“ nennen - ein System ohne echten Stürmer, dafür praktisch mit sechs Mittelfeldspielern, deren vordere drei abwechselnd in die Spitze stoßen.

          Doch nur selten vermochten sie zunächst überhaupt in die Spitze zu kommen, denn die Italiener standen mit ihrem 3-5-2-System sehr kompakt im Mittelfeld. In der bezeichnendsten Szene der ersten Halbzeit stellten gleich vier Italiener den Passweg von Spielmacher Xavi in die Spitze zu (33. Minute). So war es meist nicht der Weltmeister, der gefährlich in Strafraumnähe kam, sondern sein Angstgegner: etwa bei einem Freistoß von Spielmacher Andrea Pirlo und bei einem schönen Schuss von Antonio Cassano, der aus spitzem Winkel knapp vorbeiging (22.).

          Auf spanischer Seite ging zunächst nur von Andres Iniesta Gefahr aus. Sein gefährlicher Nachschuss nach einer Ecke wurde von Buffon gehalten (30.). Die schwierigere Arbeit hatte eindeutig Buffons Gegenüber Casillas. Einen Schuss von Cassano, von Pirlo glänzend eingesetzt, konnte der spanische Torwart nur mit Mühe abwehren (34.), musste dann bei einem Volleyschuss Marchisio aus dem Rückraum auf der Hut sein - und bewahrte seine Mannschaft einer Minute vor der Pause mit einer Glanzparade gegen den völlig frei zum Kopfball gekommenen Cassano vor dem Rückstand.

          Balotelli überlegt zu lange

          Die Spanier kamen mit neuem Schwung aus der Pause, Fabregas forderte Buffon mit einem harten 18-Meter-Schuss (49.), und Iniesta stach halblinks im Höchsttempo durch die Abwehr, verfehlte das lange Eck aber um Haaresbreite. Auf der Gegenseite machte Cassanos umstrittener Sturmpartner Mario Balotelli seinem schlechten Ruf alle Ehre, als er Ramos am rechten Flügel den Ball zwar abnahm und frei aufs Tor zulaufen konnte, dann aber so lange überlegte, wie er Casillas überwinden sollte, dass Ramos ihn wieder einholen und den Ball von hinten wegspitzeln konnte (53.).

          Trainer Prandelli hatte genug gesehen von seinem Problemspieler, er tauschte ihn gegen Antonio di Natale - was sich rasch auszahlen sollte. Der bald 35-jährige Stürmer spurtete in einen feinen Steilpass von Pirlo und überwand Casillas mit einem Schlenzer ins lange Eck (61.). Doch die Führung hielt nur drei Minuten, weil David Silva an der Strafraumgrenze einen genialen kleinen Außenristpass auf den hinter seinem Rücken einlaufenden Fabregas spielte, und der „falsche Neuner“ nutzte die Chance.

          Bald darauf räumte Fabregas das Feld für einen richtigen Neuner, für Fernando Torres, doch der machte es seine Sache weniger gut, als er bei einem Konter nicht an Buffon vorbeikam (75.), und bei einem weiteren, als er den Ball über das leere Tor lupfte, statt den freien Navas zu bedienen (85.). Auf der Gegenseite verpasste di Natale mit einem artistischen Volley, quer in der Luft liegend, das spanische Tor nur knapp. Es hätte aber auch kein Team verdient, dieses in der zweiten Halbzeit großartige Spiel zu verlieren.

          Spanien - Italien 1:1 (0:0)

          Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Xabi Alonso - David Silva (65. Jesús Navas), Xavi, Iniesta - Fàbregas (74. Torres)
          Italien: Buffon - Bonucci, De Rossi, Chiellini - Maggio, Marchisio, Pirlo, Thiago Motta (90. Nocerino), Giaccherini - Cassano (65. Giovinco), Balotelli (56. Di Natale)
          Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)
          Zuschauer: 38.869
          Tore: 0:1 Di Natale (61.), 1:1 Fàbregas (64.)
          Gelbe Karten: Arbeloa, Jordi Alba, Torres / Balotelli, Bonucci, Chiellini, Maggio

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