https://www.faz.net/-gtl-8ii9r

Verteidiger Fuchs : Der Glaubenslehrer aus Österreich

Applaus für die Fans Bild: AFP

Mit Leicester hat Christian Fuchs in dieser Saison schon einmal ein Fußballmärchen erlebt. Warum sollte ihm mit Österreich nicht Ähnliches gelingen? Vor dem letzten Gruppen Spiel gegen Island ist die Situation ähnlich aussichtslos.

          2 Min.

          Vor einem Jahr stand Christian Fuchs an einer Strandbar auf Antigua, als das Telefon ging. Am Apparat: sein Manager. Fuchs war gerade von Schalke 04, wo man ihn nicht mehr wollte, ablösefrei zu einem Beinahe-Absteiger der englischen Premier League gewechselt. Und nun sagte ihm sein Manager, dass der Trainer, der ihn verpflichtet hatte, schon entlassen worden war. Der Blick von der karibischen Strandbar auf die Restkarriere eines bald Dreißigjährigen muss in diesem Moment ausgesehen haben wie der in eine Sackgasse. Es wurde etwas ganz anderes: das große Fußballmärchen von Leicester City.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Fuchs war es, der Anfang Mai die wilden Szenen der Freude aus dem Haus von Teamkollege Jamie Vardy filmte, als Leicester durch einen Punktverlust von Tottenham Meister wurde. Er war es, der sie über die sozialen Netzwerke millionenfach verbreitete. Es folgte ein Party-Marathon „einmal um die Welt“, wie er sagt. Erst wochenlang in Leicester, dann vierzig Stunden in Bangkok, der Heimat des Klubbesitzers, mit Tour im offenen Bus vor einer Viertelmillion Thailänder. Dann, zur Erholung, ein paar Tage in New York, bei seiner amerikanischen Frau und den beiden Kindern, die er während der Saison nur alle paar Wochen sieht - ehe es in die Schweiz ging, zum Trainingslager mit dem österreichischen EM-Team, das an diesem Mittwoch in Paris einen Sieg gegen Island benötigt (18 Uhr / Live in Sat1 und im EM-Ticker auf FAZ.NET), um die Chance aufs Achtelfinale zu wahren.

          Christian Fuchs hat in der Abwehr alles im Griff
          Christian Fuchs hat in der Abwehr alles im Griff : Bild: dpa

          Natürlich haben Österreichs Medien vor dem Turnier die Parallelen zwischen den beiden Fuchs-Teams gesucht, zwischen Leicester und Austria. Die vielleicht wichtigste Übereinstimmung ist das Credo des Kapitäns: „Wenn du Spaß hast, hast du auch Erfolg.“ In beiden Teams beschimpfe man sich manchmal gegenseitig auf dem Platz: „Das ist super lustig“. Die englischen Kollegen verändern gern auch beim Einchecken im Hotel oder bei anderen Gelegenheiten seinen Namen, indem sie das H gegen ein K austauschen. Daraus entsteht dann die im Englischen lustig-anzügliche Version „Christian Fucks“. Es ist die Art von kindlichem Spaß, die im erwachsenen Fußball hilfreich sein kann. Es ist gut fürs Team, wenn jeder über sich selbst lachen kann. „Wer zu verbissen ist, blockiert kreativ“, sagt Fuchs.

          Nach dem hart erkämpften 0:0 gegen Portugal, mit dem Österreich seine EM-Chance knapp am Leben hielt, fand Fuchs auch in der Spielweise Parallelen zu seinem Klubteam. „Ich bin das, was wir heute gespielt haben, gewohnt von der Saison mit Leicester“, sagte er gut gelaunt. „Hinten reinstellen und auf Konter lauern.“ Gegen Island werden die Österreicher etwas tun müssen, was ihnen bei der 0:2-Auftaktpleite gegen Ungarn weniger lag: selbst das Spiel machen, mit Kontrolle und Ballbesitz.


          EM-News über Facebook-Messenger

          Sie wollen EM-News über den Facebook-Messenger erhalten? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Service.

          So geht’s!

          Fuchs, der 2008 schon bei der EM im eigenen Land dabei war, verließ danach Österreich, spielte sieben Jahre in der Bundesliga, in Bochum, Mainz, Schalke. In der Heimat ist er als Werbefigur präsent geblieben. In England hat er sein eigenes Mode-Label herausgebracht, selbstentworfene schwarze Shirts mit stilisierten Totenköpfen. Und in New York betreibt er die „Fox Soccer Academy“. „Ich habe Spaß an allem, was ich tue“, sagt der vielseitig geschäftstüchtige Österreicher.

          Nach Ende seiner Karriere als Fußballer will Fuchs nach Amerika, der Heimat seiner Frau Raluca, einer früheren Finanzanalystin bei Goldman Sachs. Er träumt davon, Kicker in der NFL zu werden - der Spezialist im American Football, der das Ei aus großer Entfernung durch die Stangen kickt. Die Botschaft, die er aus England mitbringt, klingt schon sehr amerikanisch: Leicester City als „Vorbild für jeden“, als Beweis, dass man mit „absolutem Willen und Glauben an sich selbst Berge versetzen kann“. Das Bergvolk der Österreicher wird diesen Glauben im Fußball, dem Spiel des flachen Landes, brauchen. Sollten sie den Sieg gegen Island und die Achtelfinal-Qualifikation schaffen, wartet auf sie entweder England oder, mit größter Wahrscheinlichkeit, Spanien.



          Weitere Themen

          Lieber knackig!

          Handballer Kai Häfner : Lieber knackig!

          „Wenn mir jemand anbietet, du kannst fünf Wochen freihaben oder Olympia spielen, würde ich Olympia wählen“, sagt Handball-Profi Häfner – und schiebt das unendliche Thema Belastung locker zur Seite.

          Topmeldungen

          Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg an einem Covid-19-Patient.

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter auf 13,6

          Das Robert Koch-Institut hat 1919 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1608 Ansteckungen gelegen. Bildungsministerin Anja Karliczek drängt auf Impfungen aus Solidarität mit Kindern und Jugendlichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.