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Achtelfinalsieg bei der EM : Italiener, die wie Löwen kämpfen

  • -Aktualisiert am

Ein bisschen Drama muss sein: Federico Chiesa nach seinem erlösenden Treffer Bild: AP

Dank eines 2:1-Erfolgs nach Verlängerung zieht Italien in das EM-Viertelfinale ein. So souverän wie in der Vorrunde präsentieren sich die Italiener gegen Österreich allerdings nicht.

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          Es lief die fünfte Minute der Verlängerung. Leonardo Spinazzola, Außenverteidiger des AS Rom, hatte in den Strafraum geflankt. Ein drahtiger junger Mann im blauen Trikot stoppte den Ball, legte ihn sich auf den linken Fuß und drosch ihn an Österreichs Torwart Daniel Bachmann vorbei ins Netz. Es sah nach kindlichem Strandfußball aus, so leicht und locker hatte Federico Chiesa Italien beim 2:1-Sieg im EM-Achtelfinale gegen Österreich in Führung gebracht.

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          Weil zuvor weniger Leichtigkeit, sondern viel Krampf und Kampf zu sehen gewesen war, folgten besonders erlöste Szenen. Chiesa, gerade einmal 23 Jahre alt, Sohn des früheren Nationalspielers Enrico Chiesa, die erste Saison bei Juventus Turin unter Vertrag, lief in Richtung Eckfahne. Erhaben schlitterte der Jüngling auf seinen Knien, die Arme in Heldenpose emporgereckt. Cristiano Ronaldo, sein Mannschaftskollege in Turin und mit Portugal möglicher Gegner im Viertelfinale, hätte es nicht heroischer inszenieren können.

          Italien hatte sich spielend leicht getan bis dahin im Turnier. Die Gegner, Türkei, Schweiz und Wales, wirkten teilweise wie in Ehrfurcht erstarrt angesichts der Ballstafetten und des gnadenlosen Pressings der Spieler von Coach Roberto Mancini. Aus den Trümmern der verpassten Qualifikation für die WM 2018 hatte Mancini ein Team um eine Idee gebaut: Angriffsfußball zum Zungenschnalzen, wer den Plan verwirklicht, ist zweitrangig. Es war eine Revolution im italienischen Fußball, in dem die Stars in der öffentlichen Wahrnehmung stets mehr Raum als die Ideen einnahmen, die sich im Nationalteam meist auf eine stabile Defensive beschränkten. Mancini hat dieses Paradigma verändert, die von ihm eingewechselten Spieler drehten das Match, darunter Chiesa und der Torschütze zum 2:0 (105. Minute), der 24-jährige Matteo Pessina.

          Wieder Wembley

          Mit Österreich bot am Samstagabend im Londoner Wembley-Stadion erstmals ein Team Italien bei diesem Turnier Paroli. In der Folge des Chiesa-Treffers raste ein glatzköpfiger Herr mittleren Alters auf Coach Mancini zu. Es war Gianluca Vialli, Delegationsleiter der Italiener, früherer Italien-Stürmer und enger Freund des Trainers. Die beiden bildeten einst bei Sampdoria Genua ein legendäres Sturmduo.

          Einer der intensivsten Momente ihrer Karriere hatte sich auf demselben Rasen zugetragen, 29 Jahre zuvor. Sampdoria Genua verlor 1992 das Champions-League-Finale im Wembley-Stadion gegen den FC Barcelona. Für Mancini und Vialli hatte das Erreichen des Viertelfinales deshalb eine zusätzliche Bedeutung. „Es ist noch ein weiter Weg“, antwortete der Trainer vielsagend auf die Frage, ob bei diesem Turnier auch eine persönliche Wunde für ihn und Vialli geheilt werden könnte. Das EM-Finale am 11. Juli findet ebenfalls in Wembley statt.

          Zurück auf dem Boden der Tatsachen

          Immer geht es um Vergleiche bei dieser italienischen Nationalmannschaft. Wann hat Italien zuletzt 30 Spiele in Folge nicht verloren? Vor fast 100 Jahren war das, in den 1930ern. Der Rekord ist nach dem Sieg über Österreich überboten. Es sind jetzt 31 Spiele, die die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini nicht mehr als Verlierer vom Platz gegangen ist, zuletzt siegte sie sogar zwölfmal in Folge. Bis zum 1:2 durch Sasa Kalajdzic (114. Minute) stellte Torwart Gianluigi Donnarumma einen weiteren Rekord auf, er war 1169 Minuten ohne Gegentor geblieben. Die Frage ist: Wer bringt diese Elf zu Fall?

          Und doch hat das Achtelfinale Italien seine Grenzen aufgezeigt. „Österreich hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt“, folgerte die Gazzetta dello Sport am Sonntag und feierte die squadra azzurra auf der Titelseite: „Leoni d’Italia“, Löwen Italiens. Die offensichtlichen und erstmals bei diesem Turnier klar zum Vorschein gekommenen Schwächen des Teams wurden nach Spielende in Stärken uminterpretiert. „Wir können nicht nur schön spielen, sondern auch leiden, nicht aufgeben, den Kopf wieder aufrichten“, schrieb die Gazzetta. „Die Schwierigkeiten werden uns weiterhelfen“, sagte der Trainer.

          Mancini wechselt den Sieg ein

          Doch Italiens Gegner haben eine Blaupause bekommen, wie dem Mancini-Team beizukommen ist. Österreich stand kompakt, antwortete auf die Spielverlagerungen Italiens mit schnellen Verschiebungen. Spielmacher Marco Verratti wurde stets von mindestens einem Gegenspieler bedrängt, Italiens viel gelobtes, aber körperlich unterlegenes Mittelfeld mit Jorginho und Nicolò Barella kam wenig zum Zug. Das hatte auch Folgen für die Dreier-Sturmreihe, die im Achtelfinale besonders blass blieb. Stürmer Ciro Immobile gelang ein Schuss gegen den Pfosten (32. Minute), mehr nicht.

          Die körperlich überlegenen Österreicher übernahmen in der zweiten Halbzeit das Kommando – und hatten Pech. In der 65. Minute erzielte Marko Arnautovic per Kopfball einen Treffer, den der Videoschiedsrichter wegen knapper Abseitsposition aberkannte. Die Führung für Österreich wäre verdient gewesen. In der 75. Minute half der Videoschiedsrichter Italien wieder, als ein elfmeterverdächtiges Foul von Pessina an Stefan Lainer nicht gegeben wurde, wieder wegen Abseits.

          Es waren Mancinis Einwechslungen, die dem Spiel schließlich die Wende gaben. Manuel Locatelli, der Zwei-Tore-Held aus dem Gruppenspiel gegen die Schweiz, ersetzte Verratti. In der Folge rückte das von Österreich in die eigene Hälfte gedrängte Italien wieder um einige Meter nach vorne. Mancini brachte auch Pessina und Chiesa, die beiden späteren Torschützen. Er habe nicht elf Stammspieler, sondern 26, behauptet Mancini stets. Jeder könne jeden ersetzen. Widersprechen kann man ihm nach dem Achtelfinale nicht.

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