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England bei Fußball-EM : „Sie werden denken, es ist doch nur Schottland“

  • -Aktualisiert am

Andrew Robertson ist der große Star der schottischen Mannschaft: Gegen England will er das Ruder rumreißen. Bild: dpa

Kein Hochmut, bitte: England ist trotz eines historisch guten EM-Starts vor dem emotional aufgeladenen Bruder-Duell gewarnt. Die Engländer erwarten gefährliche Schotten.

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          Man mochte es kaum glauben, denn Englands Fußball-Nationalmannschaft ist ja nicht gerade selten bei den großen Turnieren vertreten. Aber das 1:0 gegen Kroatien am Sonntag war das erste Mal überhaupt, dass die Engländer ihr erstes Spiel bei einer EM gewonnen haben – nach zuvor fünf Remis und vier Niederlagen.

          Fußball-EM

          Jetzt aber ist der Bann gebrochen, und dem Selbstvertrauen der Mannschaft dürfte das durchaus guttun. Nicht dass sie darauf angewiesen wäre: Team und Fans sind ohnehin so zuversichtlich wie selten, dass nach dem Einzug ins WM-Halbfinale 2018 in diesem Jahr sogar noch mehr drin sein könnte. Raheem Sterling, Siegtorschütze gegen Kroatien, sagte, diese Mannschaft sei besser als vor drei Jahren, „zu hundert Prozent, in allen Bereichen“. An diesem Freitag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV) trifft England im Londoner Wembley Stadium im zweiten Gruppenspiel auf den alten Rivalen Schottland.

          Der souveräne Auftritt gegen Kroatien war genau der Auftakt, den die Mannschaft gebraucht hatte, nachdem so viel darüber gesprochen worden war, dass mit dem zentralen Mittelfeldspieler Jordan Henderson und Abwehrchef Harry Maguire wichtige Spieler wegen Verletzungen erst später im Turnier voll einsatzbereit sein werden.

          Trainer Gareth Southgate entschied sich darüber hinaus für eine Startaufstellung, die sich nicht jedem auf Anhieb erschloss: Sterling hatte bei Manchester City eine für seine Verhältnisse durchwachsene Saison gespielt und erhielt dennoch den Vorzug vor dem populäreren Jack Grealish; der rechte Außenverteidiger Kieran Trippier spielte überraschend links in der Viererkette – laut Southgate wegen seiner Führungsqualität. Die Rechnung ging auf.

          Der „Yorkshire-Pirlo“ bringt England Sicherheit

          Für einen Einsatz gegen Schottland hat sich auch Kalvin Phillips empfohlen. Der 25-Jährige stieg mit Leeds United erst vor einem Jahr in die Premier League auf und beeindruckte in seiner ersten Saison in Englands erster Liga. In der Nationalmannschaft debütierte er im September des vergangenen Jahres – und gegen Kroatien lieferte er im defensiven Mittelfeld nun eine herausragende Leistung ab.

          Er stabilisierte die Defensive zusammen mit seinem Nebenmann Declan Rice, fing reihenweise gegnerische Pässe ab und schaltete sich auf Southgates Anweisung hin immer wieder in die Offensive ein. Er war es auch, der Sterling bei dessen Tor perfekt in Szene setzte. Die Leeds-Fans nennen Phillips den „Yorkshire-Pirlo“ – eine Anspielung auf den Grandseigneur des italienischen Fußballs –, und seit Sonntag weiß jeder im Land, wie sie auf den Spitznamen gekommen sind.

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          Bei den Schotten verlief der Start in die EM dagegen schlecht. Am Montag unterlag die Mannschaft in ihrem ersten Spiel bei einer WM oder EM seit 23 Jahren Tschechien 0:2. Schottland hatte schwungvoll begonnen, spielte sich unter dem Strich auch deutlich mehr Torchancen heraus als die Tschechen, ging damit aber zu verschwenderisch um. Vor dem Beginn des Turniers hatte der Datendienst Gracenote den Schotten eine Chance von 57 Prozent auf den Einzug ins Achtelfinale ausgerechnet, weil zusätzlich zu den Erst- und Zweitplatzierten aller Gruppen auch vier der sechs Drittplatzierten weiterkommen.

          Nun aber müssen die Schotten gegen die tendenziell schwierigeren Gegner England und Kroatien unbedingt Punkte holen, um nicht schon nach der Gruppenphase auszuscheiden. Der Schlüssel im Spiel der Schotten ist der linke Außenverteidiger Andrew Robertson. Gegen Tschechien war er der beste Spieler im schottischen Aufgebot, mit seinen Vorstößen und seinen vielen Torvorlagen hat er sich beim FC Liverpool zu einem der besten Spieler auf seiner Position entwickelt.

          Aufgeladene Rivalität

          Während sich England heute auf Augenhöhe mit Europas besten Nationalmannschaften befindet, ist das Spiel gegen den „Auld Enemy“ für die Schotten auch historisch und emotional stark aufgeladen, auch wegen der aktuellen politischen Meinungsverschiedenheit zum Thema Brexit. Der Vergleich der beiden Länder reicht 149 Jahre in die Vergangenheit: Schottland gegen England im November 1872 war das erste offizielle Fußball-Länderspiel überhaupt. Einhundert Jahre lang, zwischen 1883 und 1984, spielten die Länder in jedem Frühling im Rahmen der damaligen British International Championship gegeneinander.

          Der frühere Nationalspieler Kevin Gallacher heizte die Stimmung nun vor dem EM-Spiel zusätzlich an, indem er dem englischen Lager Arroganz unterstellte. „Sie werden denken: Das wird einfach, es ist doch nur Schottland“, wurde er zitiert. Und auch aktuelle Spieler glauben, dem großen Nachbarn südlich der Grenze etwas beweisen zu müssen. John McGinn sagte, die englischen Medien vermittelten den Eindruck, dass der Leistungsabstand zwischen beiden Mannschaften riesengroß wäre – „es ist an uns, das zu widerlegen“. 22.500 Fans werden am Freitag im Stadion sein, darunter 2600 Schotten.

          Raheem Sterling nimmt die Rivalität dagegen gelassen. Natürlich sei das Spiel historisch aufgeheizt, aber davon dürfe man sich nicht ablenken lassen: „Wir können da nicht hineingehen und alte Schlachten schlagen.“ Für ihn sei es einfach nur das nächste Spiel. Man nimmt es ihm ab. Denn dass die Engländer gelernt haben, alten Ballast abzuschütteln, haben sie schon bewiesen, als sie beim zehnten Versuch endlich einmal ihr erstes Spiel bei einer EM gewannen.

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