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Schmerzmittel im Fußball : Der überlastete Körper wird ausgequetscht

  • -Aktualisiert am

Prominentes Beispiel: Ivan Klasnic streitet seit Jahren mit seinem früheren Klub Werder Bremen vor Gericht Bild: dpa

Der Einsatz von Schmerzmitteln gerade während großer Fußballturniere steigt weiter. Nach Hochrechnungen betäubt etwa die Hälfte der EM-Spieler ihre Schmerzen. Kritiker fordern, die Mittel als Doping zu verbieten.

          Zwei Tritte auf das Sprunggelenk, einen in die Wade, 90 Minuten durchgespielt und vier Tage später das nächste Spiel: Auf mehr als 60 Spiele kommen Fußballprofis von internationalem Niveau innerhalb von zehn Monaten. Viele nehmen Schmerzmittel, um so ein Programm durchstehen zu können. Besonders groß ist die Belastung bei Turnieren nach dem Ende einer Liga-Saison, so auch bei dieser Europameisterschaft.

          In einer bisher noch nicht veröffentlichten Studie des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) haben Wissenschaftler untersucht, warum die Spieler so häufig Schmerzmittel nehmen.

          Professor Jens Kleinert ist Sozialpsychologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Im neunten Stock forscht er seit Jahren zu Psychologie, Gesundheit und Motivation im Sport. Für die Fifa hat Kleinert gemeinsam mit Schmerzforscher Toni Graf-Baumann und Doping-Analytiker Mario Thevis gut 400 Sportler gefragt, warum sie Schmerzmittel nehmen.

          Die Antwort: „Entweder wollen sie einen bestimmten Trainingsumfang aushalten oder in einem Spiel spielen, obwohl sie normalerweise nicht fit genug wären. Daran sieht man schon die Zwiespältigkeit der Schmerzmitteleinnahme“, sagte Jens Kleinert dier F.A.Z. Die Fifa-Studie soll in einigen Monaten veröffentlicht werden.

          Finanzielle Abhängigkeit kein Motiv

          Kleinert hat in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bundesliga-Fußballer und Amateure befragt, dazu Handballer, Basketball- und Hockeyspieler. 36 Prozent der Sportler gaben an, zum Zeitpunkt der Befragung Schmerzmittel zu nehmen, davon fast die Hälfte sogar mehrere Wirkstoffe gleichzeitig.

          Zwischen den Sportarten stellten die Forscher kaum Unterschiede fest, lediglich Handballspieler scheinen etwas häufiger zu Medikamenten zu greifen. Gibt es Unterschiede zwischen Hobbykickern und Profis?

          „Gar nicht so viel, wie wir erwartet hätten. Stellen Sie Sich vor, sie haben einen Bezirksligaspieler, für den dieser Sport alles in der Welt bedeutet. Dessen Motivation, Schmerzmittel zu nehmen, ist genauso groß wie bei einem Profi, der Bundesliga spielt.“ Finanzielle Abhängigkeiten haben nach der Studie keinen Einfluss auf die Entscheidung, Schmerzmittel zu nehmen.

          Beispiel Klasnic

          Kleinert hat zudem festgestellt, dass viele Spieler die Wirkung von Schmerzmitteln überhaupt nicht kennen. So nähmen Fußballprofis die Tabletten auch prophylaktisch, was Unsinn sei.

          Außerdem sind sich die Athleten wohl nicht über die möglichen Folgen im Klaren. Ein Missbrauch kann nicht nur zu irreversiblen Gewebe-, Gelenk- und Bänderschäden führen. Hohe Dosierungen gefährden auch Magen oder Nieren. Ivan Klasnic hat diese Erfahrung gemacht. Der ehemalige Bremer Stürmer verklagte Werder Bremens Mannschaftsarzt Götz Dimanski auf mehr als eine Million Euro Schmerzensgeld.

          Vermutlich schluckt jeder Zweite bei der EM

          Er wirft dem Mediziner vor, eine Nierenerkrankung nicht erkannt und mit hohen Mengen an Schmerzmitteln verschlimmert zu haben. Klasnic musste bislang zwei Nierentransplantationen über sich ergehen lassen. Seit vier Jahren warten die Beteiligten auf ein Urteil. Weder Dimanski noch Klasnic wollen sich derzeit zum laufenden Verfahren äußern.

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