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Robben und die Niederländer : Ausgespielt

  • -Aktualisiert am

Abgang - und Abschied? Robben nach der Auswechslung in Charkiw Bild: dpa

Holland vor dem Aus: Aus seinem Verdruss und Elend über eine auf allen Bühnen bestenfalls nur halbwegs erfreuliche Saison muss Robben demnächst allein herausfinden - im Urlaub.

          3 Min.

          Niemand sang die niederländische Hymne so inbrünstig mit wie Arjen Robben. Seine Gesichtszüge waren von feierlichem Ernst und höchster Konzentration durchdrungen. Hollands Spieler mit der Rückennummer 11 stimmte sich auf das Europameisterschaftsduell mit den lieben Kollegen ein. Am Mittwochabend begegnete der 28 Jahre alte Mann vom rechten Flügel im Metalist-Stadion zu Charkiw in der Ostukraine gleich sieben Profis des FC Bayern München, mit denen er sonst eine Gemeinschaft, manchmal nur eine Zweckgemeinschaft, bildet.

          Schon deshalb war dies ein besonderes Länderspiel für den Fußballprofi im orangenen Trikot. Aber da war ja noch viel mehr Stoff aus der letzten Zeit für ihn zu verarbeiten: die verschossenen Elfmeter gegen Meister Borussia Dortmund und den Champions-League-Gewinner FC Chelsea, die Pfiffe einer Reihe von Bayern-Fans gegen den Liebling von gestern im Münchner „Freundschaftsspiel“ gegen die Elftal, die unglückselige 0:1-Niederlage im ersten EM-Spiel gegen Dänemark.

          Holland stand am Mittwochabend in Charkiw schon bei seinem zweiten Europameisterschaftsauftritt mit dem Rücken zur Wand und Robben vis à vis einer persönlichen Prüfung, die er allein nicht bewältigen konnte.

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          Dazu brauchte er die Hilfe und die inspirierende Kraft seiner Mitspieler. Die hatten sich im Breslauer Trainingscamp um den sensiblen Tempodribbler aus der Provinz Groningen geschart, ihn aufgemuntert nach den vielen Rückschlägen der letzten Zeit und ihm Zuversicht einzuflößen versucht für die Begegnung mit den Deutschen, die er so gut kennt wie kein anderer Spieler in seiner Mannschaft.

          „Arjen“, sagte der „auf“ Schalke äußerst beliebte Stürmer Klaas-Jan Huntelaar, „war schon sehr traurig über die Pfiffe der Münchner Fans. Wir haben uns Sorgen um ihn gemacht.“ Robben selbst hatte sich vor der Partie auch zu Wort gemeldet und gesagt, es sei „fünf Minuten vor zwölf“.

          Der fast kahlköpfige Angreifer hatte gewarnt, indem er die deutschen Spieler, ganz nobler Sportsmann, mehr als jeder Kollege gelobt hatte. Er sollte recht behalten - und das, obwohl Arjen Robben von Anfang an einer der aktivsten und besten Niederländer des Abends war.

          Die Deutschen in fast jeder Hinsicht besser

          Der Münchner Mannschaftskapitän Philipp Lahm war sein Gegenspieler, so lange sich Robben auf der rechten Seite herumtrieb. Diese beiden, jeweils auch auf ihre Spielräume fixiert, gingen sich nicht aus dem Weg, taten sich aber auch nicht weh. Ihr Duell, sofern es überhaupt dazu kam, endete am Mittwoch remis. Der Niederländer wollte aber mehr, als nur die Schatten der vergangenen Wochen verscheuchen und Lahm abschütteln.

          Immer wieder zog es ihn nach innen, von wo er zwei gute Gelegenheiten für van Persie (11. Minute) und Afellay (18.) mit sehenswerten Pässen in die Tiefe des Raumes vorbereitete. Einmal prüfte er vor dem Wechsel Torhüter Neuer, auch er ein zugezogener Münchner, mit einem Schuss auf den Mann (26.). Und am Ende tummelte sich Robben auf der linken Seite, wo er schon wieder einem Spieler der Bayern begegnete: Jerome Boateng.

          Da stand das Spiel bereits 2:0 für die in fast jeder Hinsicht besseren Deutschen, weil Robbens Münchner Mannschaftskamerad Mario Gomez gleich doppelt getroffen hatte. Es war wie verhext. Wohin der Holländer auch rannte, wem auch immer er begegnete, es war fast immer ein vertrauter Kollege.

          Alle Kämpferparolen nutzten wenig

          Ein Münchner gegen sieben, nach Kroos’ Einwechslung sogar acht Bayern: Ein derart ungleiches Spiel ist auch für einen Arjen Robben in Höchstform,von der er nach der Pause beim holländischen Ansturm gegen die drohende Niederlage bis zu seiner Auswechslung in der 83. Minute nicht mehr allzu weit entfernt war, nicht zu gewinnen - vor allem nicht an Tagen, da der mittlerweile beträchtliche Qualitätsunterschied zwischen diesen beiden Teams überdeutlich sichtbar wird.

          Noch nicht ausgeschieden - aber weiter zu uninspiriert: Die Niederländer in Charkiw

          Da nutzten auch alle Kämpferparolen wie die von Bondscoach Bert van Marwijk wenig. Den ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund hatten besonders die Pfiffe in München geärgert. Er nahm diese Provokation eines verdienten und auf seine Art exzellenten Bayern-Profis zum Anlass, daraus eine Extramotivation für die Niederländer abzuleiten. Doch sein Satz, „so etwas macht man mit unseren Spielern nicht, dafür werden wir auf dem Platz antworten“, verhallte bei einem Team, das gegen die Deutschen viel zu oft blockiert und mit sich selbst beschäftigt anmutete.

          Aus seinem Verdruss und Elend über eine auf allen Bühnen bestenfalls nur halbwegs erfreuliche Saison muss Robben demnächst allein herausfinden: im Urlaub, auf dass er danach frisch, munter und voller Tatendrang in den Kreis seiner Lieben zurückkehrt: zum FC Bayern München. Dort hat er noch einen Vertrag bis zum 30. Juni 2015. Zeit genug, sich auch mit denen zu versöhnen, die vor kurzem so töricht waren, Arjen Robben auszupfeifen. Zeit genug auch, wieder richtig auf die Beine zu kommen und große Siege mit seinem Klub zu feiern.

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