https://www.faz.net/-gtl-8j1p7

Ronaldo gegen Bale : Rivalen aus dem königlichen Palast

Bei Real Madrid vereint: Die Superstars Cristiano Ronaldo und Gareth Bale (l.) sind im Halbfinale Gegner Bild: dpa

Portugal gegen Wales, Ronaldo gegen Bale: Das Duell der Real-Superstars im ersten EM-Halbfinale an diesem Mittwoch (21 Uhr) hat viele Facetten.

          Eine gute Nachricht für Journalisten: Portugal hat diesmal ein anderes Hotel in Lyon bezogen als vor zwei Wochen vor dem Spiel gegen Ungarn. Eines ohne Teich. „Ronaldo, bereit fürs Spiel?“, so lautete damals die fatale Frage eines portugiesischen TV-Reporters. Ronaldo packte wortlos das Mikrofon und warf es ins Wasser. Inzwischen ist es von Tauchern geborgen worden und steht für einen guten Zweck zur Versteigerung, zugunsten eines psychopädagogischen Reha-Zentrums.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Gareth Bale ist gesprächiger. Er hat während der EM schon sechs Pressekonferenzen gegeben. Auch bei ihm bekommen Journalisten manchmal ihr Fett weg, aber dezenter. Als er am Montag von der großen Zahl der Reporter im Teamquartier in Dinard überrascht war, entgegnete jemand, es seien vor allem Engländer. Bale lachte und stimmte zu: „Sonst haben sie ja hier auch nichts mehr zu tun.“

          „Es geht nicht um zwei Spieler“

          Portugal gegen Wales, Ronaldo gegen Bale, Real Madrid gegen Real Madrid. Die EM der Kleinen und der Kollektive – zumindest in diesem ersten Halbfinale an diesem Mittwoch (21 Uhr/ live ARD und F.A.Z.-Liveticker) wird sie mal zur EM der Superstars. Wenigstens in der Erwartung des Publikums. Aber sind die beiden Halbfinalisten in der Außenseiter-Hälfte des EM-Tableaus tatsächlich „Ein-Mann-Teams“, wie es oft heißt? Bale wiegelt ab: „Es geht nicht um zwei Spieler, jeder weiß das, es geht um zwei Nationen, elf Mann gegen elf Mann.“ Wäre Portugal ein Ein-Mann-Team, es wäre eine andere Sportart. Gegen Kroatien hatte Ronaldo in 120 Minuten 44 Ballkontakte. Eine Aktion alle knapp drei Minuten? Das wäre kein Fußball, das wäre Golf.

          Das Duell der beiden Rivalen von Real ist eines mit vielen Facetten. Es geht nicht nur ums Erreichen des EM-Finals, es geht auch um ihr Rollenspiel um Rang und Position in Madrid, wo die beiden ein distanziertes Verhältnis pflegen – Bewohner unterschiedlicher Etagen im königlichen Palast von Real, die sich nur bei der Arbeit begegnen. Und es geht darum, wer den „Ballon d’Or“ gewinnt, die Auszeichnung des besten Fußballers der Welt.

          Seit neun Jahren ging er nur an Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Nun scheint Messi, der Champions League und Copa América verlor, im Nachteil. Aber mit Bale ist Ronaldo bei der EM ein neuer Rivale erwachsen. Die Champions League gewannen sie gemeinsam, im Mai gegen Atlético. Wer von ihnen das EM-Finale erreicht, erst recht wenn er danach auch noch den Titel gewinnen sollte, hat beste Chancen, auch den „Ballon d’Or“ zu bekommen.

          Der Ball und er: Bei Cristiano Ronaldo dreht sich fast alles um ihn

          Bale ist der Teuerste der Welt

          Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land? Und auch: der Teuerste. Als Bale 2013 aus Tottenham kam, dementierte Real-Präsident Florentino Berichte, wonach der Klub mehr als hundert Millionen Euro für den Waliser bezahlt habe: Es seien 91 Millionen – und damit, wichtig für die interne Hierarchie, weniger als die 94 Millionen, die man 2009 für Ronaldo an Manchester United bezahlt hatte. Inzwischen belegen Dokumente, dass es sogar fast 101 Millionen waren. Nun ist also doch Bale der Teuerste der Welt. Eine Enthüllung, die das Verhältnis der beiden Superstars nicht vereinfacht hat.

          Kompliziert war es immer, seit Bale vor drei Jahren nach Madrid kam, demonstrativ zuerst begrüßt von Ronaldo. Ihre Radien überschneiden sich zu sehr, im Spiel und im Selbstverständnis. Bale zeigte starke Auftritte, schoss entscheidende Treffer, doch Ronaldo, der verlässlichste Torlieferant der Welt, behielt seinen Rang und seine Lieblingsposition unter Trainer Carlo Ancelotti. Zu einem der besten Spieler der Welt war Bale in London auf der linken Seite geworden, sie aber blieb ihm in Madrid versperrt, dort war der andere zu Hause. Bale musste nach rechts.

          Teil des Teams: Gareth Bale geht voran, aber nicht alleine

          Das änderte sich nach Ancelottis Entlassung vor einem Jahr. Rafael Benítez, der Neue, gab Bale mehr Freiraum, in zentraler Rolle mal hinter, mal neben Mittelstürmer Karim Benzema. Die Sache ging vor allem bei der 0:4-Heimniederlage gegen Barcelona schief, Benítez wurde bald entlassen. Unter Zinédine Zidane spielt Bale wieder rechts, Ronaldo wie immer links. Aber der neue Real-Trainer, selber einer der Größten des Fußballs, hatte die nötige Empathie für die Seele der Superstars, um ein Gleichgewicht herzustellen. Eine „Entente Cordiale“ moderner Art nennt es „France Football“. Eine Verbindung, in der das Hirn verlangt, herzlich zu wirken. „Cristiano ist ein phantastischer Spieler“, sagt Bale. „Ich liebe es, neben ihm zu spielen. Wir verstehen uns phantastisch in Madrid.“

          Ronaldo ist physisch nicht mehr auf dem Zenit

          Ronaldo ist eine Real-Legende, aber mit 31 Jahren physisch nicht mehr auf dem Zenit – Bale dagegen auf dem Weg, eine zu werden, mit 26 vor den besten Jahren stehend. In Madrid ist keiner der beiden stark genug, den anderen entscheidend aus dem Feld zu schlagen. In Lyon kann das an diesem Mittwoch anders sein. In ihren Rollen im Nationalteam kreuzen sich zwei Karrierewege, die im Klubteam noch im Gleichgewicht stehen.

          Teamplayer gegen Alleinunterhalter: Bei Real Madrid machen Gareth Bale (links) und Cristiano Ronaldo gemeinsame Sache.

          Ihr Verhalten bei der EM spiegelt das. Bale stellt sich in Auftreten und Äußerungen betont als Teamplayer dar („Bei uns gibt es keinen Star, der Star ist das Team“). Ronaldo spielt oft wie jemand, der glaubt, alles allein tun zu müssen. Zu offenkundig ist sein Klagen, wenn er einen Pass nicht erhält, ist seine Gier, den eigenen Torabschluss zu suchen.

          36 Mal tat er das bisher in diesem Turnier, der geduldigere, effizientere Bale nur 21 Mal. Nur 25 Prozent von Ronaldos Versuchen kamen aufs Tor, bei Bale waren es 67. Für jedes seiner bisher zwei Tore brauchte Ronaldo im Schnitt 18 Versuche – Bale für seine drei Treffer nur je sieben.

          Im Dienst von Team und Nation

          Für Bale ist es das erste große Turnier, ein gewaltiges Ereignis für ein kleines Land, und Bale hat das Gespür, es nicht als seine persönliche Bühne zu betrachten, sondern sich in den Dienst von Team und Nation zu stellen. Für Ronaldo ist es die siebte Teilnahme an Welt- oder Europameisterschaften und wohl die letzte mit Titelchance. Er wirkt physisch nicht mehr so stark, so unaufhaltsam wie noch vor ein, zwei Jahren.

          Vielleicht deshalb spielt er ungeduldiger, ungehaltener, wie jemand, der seine letzte Chance wittert. „Ich weiß nicht, unter welcher Art von Druck er in Portugal steht“, sagt Bale, der Wales Flügel verleiht, während Ronaldo in Portugal immer gefragt wird, warum er das Nationalteam nie so zum Triumph geführt habe wie Real.

          Im direkten Duell hat Bale keine gute Bilanz – alle fünf Spiele gingen verloren, das letzte vor mehr als fünf Jahren, aber da war Bale noch ein Talent und Ronaldo schon ein Weltstar. Und Tottenham, wo Bale groß wurde, hatte ein viel schwächeres Team als Manchester United und Real. Auch jetzt sieht Bales Mannschaft, geschwächt durch die Sperre des überragenden Aaron Ramsey, nominell unterlegen aus. Doch Bale glaubt, bei der EM noch einen anderen Real-Kollegen zu treffen: „Toni Kroos im Endspiel.“

          Weitere Themen

          Real Madrid zweifelt an allem

          Champions League : Real Madrid zweifelt an allem

          Vor zwei Jahren noch dominierten spanische Klubs den europäischen Fußball. Doch von der einstigen Herrlichkeit ist lediglich ein Schatten geblieben. Das wird an Real besonders deutlich.

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.