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Politiker Witali Klitschko : „Boxen ist einfacher“

  • -Aktualisiert am

„Ich muss gegen die Leere, die Müdigkeit im Kopf ankämpfen“: Witali Klitschko Bild: dpa

Während bei der Fußball-EM die Entscheidungen fallen, ist Faustkampf-Profi Witali Klitschko in der ukrainischen Provinz unterwegs - auf Wahlkampf-Tour.

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          Die hochschwangere Frau im luftigen weißen Umstandskleid steht auf, schimpft sich die ganze Empörung über korrupte Politiker und all die Enttäuschung über die verschwundenen Hoffnungen von der Seele. Witali Klitschko hört auf der Bühne des drückend heißen, vollen Versammlungssaals in Gorodishche mit interessierter Miene zu.

          Draußen lähmen 35 Grad die Kleinstadt in der Oblast (Verwaltungsbezirk) Tscherkassy. Drinnen verspricht der Boxchampion rund 600 Wutbürgern, dass seine Partei UDAR für Reformen, Demokratie, Perspektiven in der Ukraine und gegen die Korruption, gegen das System, gegen die Politik als Business kämpfen werde. Kampf gegen ein Netz der Käuflichkeit - das ist die Botschaft des Berufsboxers.

          Es ist Fußball-Europameisterschaft. Doch der Volksheld geht nicht hin in die prunkvollen Stadien der Metropolen, sondern in die Kulturpaläste der Provinz mit dem sowjetischen Muff der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Schwergewichtsweltmeister führt derzeit seine Kampagne für die Parlamentswahlen am 28. Oktober. Immerhin hat er sich vorgenommen, am 1. Juli das Endspiel im Olympiastadion von Kiew anzuschauen.

          In dieser kolossalen Arena würde der 41 Jahre alte Champion am 7. September vor 70.000 Zuschauern gerne seinen Abschied vom Boxring geben. Aber der Antrag für eine Boxveranstaltung wurde vom zuständigen Ministerium abgelehnt. Trotz der Millionen-Einnahmen, die dabei für den Kiewer Stadthaushalt herausspringen würden. Der Rasen könnte Schaden nehmen, lautet die fadenscheinige Begründung. Einen derart populären „Wahlkampf“ eines Gegenspielers kann der autoritäre Staatspräsident Viktor Janukowitsch offensichtlich nicht zulassen.

          Ungewohntes Terrain: Witali Klitschko (im Foto rechts) kämpft auch auf der Bühne der Politik
          Ungewohntes Terrain: Witali Klitschko (im Foto rechts) kämpft auch auf der Bühne der Politik : Bild: dpa

          Es ist Donnerstag, der 21. Juni. Abends beginnt das Viertelfinale, morgens für Klitschko die zweitägige Wahltour dieser Woche in die 200 Kilometer südlich gelegene Oblast Tscherkassy, ein Gebiet von der Größe Hessens. Hier, im Herzen der Ukraine, ist der Dnjepr zu einem bis zu 27 Kilometer breiten See gestaut. Um Tscherkassy tobte eine der größten Panzerschlachten des Zweiten Weltkriegs. Die flache Landschaft wird im Volksmund Schewtschenkowe genannt, weil Taras Schewtschenko (1814-1861), der Goethe der Ukraine, aus der Gegend stammt.

          Alles ist minutiös durchgeplant

          Fahrer Andrij hat pünktlich um 7.30 Uhr einen 272 PS starken, schwarzen japanischen Hummer mit sechs Sitzen vor Klitschkos Haus, einem imposanten Barockbau aus dem Jahr 1900, in der Bohdana Chmelnyzkoho geparkt. Direkt gegenüber der deutschen Botschaft. Die Bodyguards Dimitri und Roman warten, während der Chef in einem Luxusrestaurant noch hastig sein vorbestelltes Frühstück verschlingt: Spiegeleier, Porridge, Quark mit Honig und Nüssen.

          Unterwegs steigt Pawel Riabikin zu, der Wahlkampfmanager. Der 47 Jahre alte promovierte Jurist mit randloser Brille, dünnem Backen-, Kinn- und Oberlippenbart spricht sehr gut Deutsch, hat zu DDR-Zeiten in Leipzig seine Diplomarbeit geschrieben, war Vizetransportminister und drei Jahre lang Botschafter in Kopenhagen unter der orangen Regierung. Nach der zweifelhaften Wahl Janukowitschs trat er zurück. Der Wahlkampfstratege hat das Tagesprogramm für die Hauptstadt Tscherkassy arrangiert: Interview bei Radio Rus, Pressekonferenz, Eröffnung eines Kinderspielplatzes der „Klitschko Brothers Foundation“, Mittagessen, Gesprächsrunde mit lokalen Politikern, Diskussion mit den örtlichen Mitgliedern der UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen), Großkundgebung auf dem Theaterplatz, Live-Fernsehinterview mit dem staatlichen Regionalsender.

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