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Polen gegen Russland : Krawalle in Warschau

  • Aktualisiert am

Die Polizei nahm mindestens 138 Gewalttäter fest Bild: dpa

Die Fußball-EM hat ihren ersten dunklen Schatten. Mehrere hundert Hooligans suchen die polnisch-russiche Konfrontation. Bei den Gewalttätigkeiten rund um das brisante Gruppenspiel gibt es 20 Verletzte und 184 Festnahmen.

          Straßenschlachten, rechtsradikale Parolen und fast 200 Festnahmen - der EM-Albtraum ist wahr geworden. Die Gewaltexzesse rund um das brisante Hochsicherheitsspiel zwischen Gastgeber Polen und Russland (1:1) haben einen dunklen Schatten auf das europäische Fußball-Fest geworfen.

          Bei den gewalttätigen Ausschreitungen am Dienstagabend in der Warschauer Innenstadt und in der Nähe des Nationalstadions wurden 20 Personen verletzt, darunter zehn Polizisten. Selbst die mehr als 6000 Einsatzkräfte konnten die polnisch-russische Konfrontation nicht verhindern. Bis zum frühen Mittwochmorgen wurden 184 Hooligans festgenommen.

          „Das war der schwierigste Tag der EM“, erklärte Polens Innenminister Jacek Cichocki und versprach die ersten Urteile gegen Gewalttäter bereits für Freitag. Außenminister Radoslaw Sikorski suchte am Mittwoch Staatspräsident Bronislaw Komorowski auf, um die Lage nach den Zusammenstößen zu erörtern.

          Regierungssprecher Pawel Gras erklärte im polnischen Rundfunksender RFM, weitere Festnahmen seien wahrscheinlich. „Die Gewalttäter sollen nicht glauben, dass sie ruhig schlafen können.“ Die Mehrheit der Festgenommenen, etwa 150 Gewalttäter, waren Polen, die teils vermummt, mit Feuerwerkskörpern, Steinen und anderen Wurfgeschossen Jagd auf russische Fans machten.

          Eine riesige Flagge mit einer martialischen Figur mit einem Schwert und der Aufschrift „This is Russia“ wurde vor dem Anpfiff entrollt Bilderstrecke

          Viele von ihnen waren für brutale Schlägereien vorbereitet und trugen bei der Festnahme beispielsweise einen Mundschutz für ihre Zähne, sagte der Warschauer Polizeisprecher Maciej Karczynski. „Ich schäme mich für diese Leute“, kommentierte Sportministerin Joanna Mucha die Vorfälle, „das sind gewöhnlich Hooligans. Sie sollen uns nicht dieses Fest verderben.“

          Schon Stunden vor dem Spiel hatten mehrere Dutzend Polen im Zentrum Warschaus mit rechtem Liedgut auf sich aufmerksam gemacht. „In der Hauptstadt wurde das Sportfest zusammengeschlagen“, titelte das polnische Boulevardblatt „Fakt“ am Mittwoch. Die russische Zeitung „Sowjetski Sport“ schrieb vom „Krieg auf der Straße und Frieden auf dem Feld.“

          Im geschlossenen Block Richtung Stadion

          Tatsächlich wurde die sportlich ansprechende Partie zwischen den Erzrivalen von den befürchteten Krawallen überlagert. Allein schon der Termin der Partie war sensibel. Die Russen feierten rund um das Spiel ihren Unabhängigkeitstag. Mehrere tausend russische Fans marschierten in einem geschlossenen Block am Dienstagnachmittag Richtung Stadion.

          Kleine Hooligangruppen lauerten an der Wegstrecke den Russen auf, beschimpften sie und versuchten, durch das massive Polizeiaufgebot zu brechen. Auch Gruppen russischer Hooligans gelangten durch die Polizeiabsperrungen, um sich mit polnischen Gewalttätern zu prügeln. Die Polizei musste Wasserwerfer einsetzen.

          Bis heute halten sich Verschwörungstheorien

          Das Verhältnis beider Staaten ist historisch belastet. Bis heute halten sich Verschwörungstheorien über den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine über dem russischen Smolensk am 10. April 2010. Etwa fünf Prozent der Polen sind von einem russischen Mordkomplott gegen Präsident Lech Kaczynski überzeugt.

          Die Erschießung von rund 22.000 Polen im April 1940 in der westrussischen Region Katyn und weiteren Orten erschwert das bilaterale Verhältnis bereits seit Jahrzehnten. Angehörige der Ermordeten bemühen sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um eine posthume Rehabilitierung. Moskau hatte sich erst 1990 zu der Verantwortung bekannt und wollte die EM eigentlich zu einer weiteren Entspannung in den Beziehungen nutzen.

          Symbolische Rote Karten an die polnische Botschaft

          Russische Vertreter gaben am Mittwoch den polnischen Fans die Schuld an der Eskalation. Die russischen Anhänger hätten sich auf ihrem Marsch zum Stadion vernünftig benommen, sagte der Chef des Fußballverbandes, Sergej Fursenko, nach Angaben der Internetzeitung „gazeta.ru“. Die kremlnahe Jugendorganisation „Naschi“ verteilte symbolisch Hunderte Rote Karten an die polnische Botschaft in Moskau.

          Die Krawalle durch polnische Hooligans und die Unfähigkeit der polnischen Polizei, russische Fans zu schützen, erlaubten Zweifel, dass das EU-Land in der Lage sei, ein Ereignis wie die EM auszurichten, teilte „Naschi“ mit. Der Menschenrechtsbeauftragte des Kreml, Michail Fedotow, kündigte ein Treffen mit Vertretern des polnischen Innenministeriums an.

          „Es gibt keine Rechtfertigung für den Angriff“

          Der polnische Regierungschef Donald Tusk kritisierte die Hooligan-Gewalt gegen russische Fußballfans scharf. „Es gibt keine Rechtfertigung für den Angriff auf Gäste. Als Gastgeber sollten wir uns vor allem für die Sicherheit unserer Besucher verantwortlich fühlen, egal, aus welchem Land sie kommen“, sagte er am Mittwoch im polnischen Parlament.

          Uefa-Erklärung zu den Krawallen

          Die UEFA hat die Ausschreitungen vor und nach dem EM-Spiel Polen gegen Russland verurteilt. Die Erklärung der Europäischen Fußball-Union, die am Mittwoch auch auf Deutsch auf der Internetseite veröffentlicht wurde, im Wortlaut: „Die UEFA verurteilt die vereinzelten Vorfälle, die sich gestern in Warschau vor und nach dem Spiel zwischen Polen und Russland abgespielt haben, als einige Gruppen mit bekannten Unruhestiftern die Polizei mit Wurfgeschossen attackiert sowie Fans - ungeachtet des Teams, das sie unterstützen - angegriffen haben.

          Diejenigen, die in Gewahrsam genommen und angeklagt wurden, müssen sich jetzt mit den zuständigen Behörden auseinandersetzen. Es ist die UEFA-Philosophie, für eine einladende Umgebung, in der sich die Überwachung in Grenzen hält, zu sorgen. Der Fokus sollte darauf gerichtet sein, dass es echten Fußballfans ermöglicht wird, die Spiele zu genießen, und dass der kleine Prozentsatz von Unruhestiftern ausgeschlossen wird.

          Die UEFA befindet sich mit den Behörden in einem fortwährenden Dialog, um dieses Ziel zu erreichen. Die UEFA ist entschlossen, dass die überwältigend friedliche und feierliche Atmosphäre, die bislang bei der UEFA EURO 2012 vorgeherrscht hat, bis einschließlich des Endspiels am Sonntag, den 1. Juli in Kiew fortgesetzt wird.“

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