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Schick schockt Schottland : Der Vielfältige und ein Tor für die Ewigkeit

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Etwas zu spät: Schottlands Torwart David Marshall bei der vergeblichen Jagd nach dem Ball. Bild: AP

„Habe gesehen, dass der Torwart zu weit vorne steht“: Dem 25 Jahre alten Stürmer Patrik Schick gelingt bei der Fußball-EM ein ganz besonderer Treffer. Und nun wollen er und die Tschechen noch mehr.

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          Die Arme weit ausgebreitet, die Brust nach vorn gedrückt, der Blick stechend, so als wolle er sagen: seht her, ich bin es gewesen. Ein ungewöhnlicher Jubel für einen ruhigen Mann wie Patrik Schick. Aber warum auch nicht? So ein Tor schießt man nicht alle Tage, auch ein treffsicherer Stürmer nicht. Kurz hinter der Mittellinie zog Schick ab, er hatte gesehen dass der Torwart der Schotten zu weit im Feld stand.

          Fußball-EM

          So wuchtig, so kraftvoll war der Schuss, dass er in hohem Bogen und ohne den Boden zu berühren ins Tor flog. Es war Schicks zweiter Treffer an diesem Tag, beim 2:0 von Tschechien gegen Schottland war er als Doppeltorschütze der entscheidende Spieler. Sein erstes Tor – ein Kopfball, umringt von zwei Gegenspielern – mag schön gewesen sein, das zweite war eines für die Ewigkeit. Seinen Platz in den stilistischen Hitlisten des Turniers hat er sicher.

          Der Talentierteste seiner Generation

          Stürmer treffen von Berufswegen her gern, das ist bekannt, aber für Schick war der gelungene Auftakt besonders wichtig. Seit Jahren gilt er in Tschechien als der talentierteste Fußballer seiner Generation, was sich auch in Zahlen ausdrücken lässt. Über 70 Millionen Euro hat er bei seinen diversen Vereinswechseln bisher bewegt, ein deutlicher Beleg, welch Hoffnungen Klubs mit dem aus Prag stammenden Mann verbinden.

          Aber der ganz große Durchbruch ist ihm noch nicht gelungen, seit er vor fünf Jahren seinen Heimatverein Sparta Prag verließ. Inzwischen ist er auch schon 25 Jahre alt.

          Fast hätte er ihn noch bekommen, aber nur fast... Bilderstrecke
          Schick schockt Schottland : Der unglückliche Torwart Marshall bei der vergeblichen Jagd nach dem Ball

          Zeitweise führte sein Name bei vielen internationalen Sportdirektoren zu Schnappatmung, so wurde Schick überhöht, nachdem er in seiner Debütsaison elf Tore für Sampdoria Genua erzielte. Mit Juventus war alles schon geklärt, aber dann fanden die Ärzte in Turin beim Medizincheck Auffälligkeiten am Herzen des Stürmers. Der Wechsel platzte, und Schick ging auf Wanderschaft.

          Zu AS Rom, zu RB Leipzig und im vergangenen Sommer dann zu Bayer Leverkusen. Dem Bundesligaverein war der Tscheche die stattliche Ablöse von 26 Millionen Euro wert, aber in Leverkusen fremdelte er zunächst mit den neuen Mitspielern und dem Fußball des damaligen Trainers Peter Bosz. Trotzdem brachte er es auf neun Saisontore – gemessen an der Ablöse ein durchschnittlicher Wert.

          Umso mehr möchte Schick auf der größten Bühne dieses Sommers endlich zeigen, dass er die hohen Ablösen auch rechtfertigt. Das Spiel der Tschechen ist auf ihn zugeschnitten, er ist das Ziel aller Angriffsversuche. Das war gegen Schottland deutlich zu sehen. In seine Richtung fliegen alle Bälle, egal ob hoch geschossen oder flach in die Tiefe gespielt.

          Schick ist vielseitig, trotz seiner Körpergröße von 1,87 Meter kann er mit dem Ball umgehen, verfügt über einen guten Antritt und ist durchsetzungsstark. In Leipzig staunten sie über die Vielzahl an Möglichkeiten, die der Angreifer offerierte. Bei RB hatte er keinerlei Anpassungsschwierigkeiten und allein deshalb verwunderte es, das der Verein von einer festen Verpflichtung Abstand nahm. Zu teuer, hieß es aus dem Leipziger Lager. Eine Entscheidung, welche die Verantwortlichen im Laufe der vergangenen Saison bereut haben dürften.

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          Druck verspürte Schick, der eine Zwillingsschwester hat, die als Model arbeitet, schon ganz früh, da war er noch kein professioneller Fußballspieler. Seinem überehrgeizigen Vater zeigte er als Zwölfjähriger den ausgestreckten Mittelfinger, weil der seinen Sohn während eines Hallenturniers immer wieder kritisiert hatte. „Ich fragte mich, für wen spiele ich eigentlich. Für ihn oder mich?“, sagte Schick dem tschechischen Magazin Reporter. Von dem Moment an sei er seinen eigenen Weg gegangen.

          Der könnte ihn nun direkt in den Kreis der Überraschungen dieses Turniers führen. Den Tschechen stehen gegen Kroatien und England zwar zwei schwere Aufgaben bevor, aber nach dem Auftaktsieg und drei Punkten ist das Achtelfinale zum Greifen nah. Ein weiterer Punkt könnte bereits genügen. Und sollte Schick weiter treffen, ist ohnehin vieles möglich. Am 11. Juli findet im Londoner Wembley-Stadion das Finale statt. Als 1996, dem Jahr von Patrik Schicks Geburt, zum bisher letzten Mal das Endspiel einer Europameisterschaft dort ausgetragen wurde, war Tschechien mit dabei.

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