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Niederlande bei der EM : Die verkannten Unbekannten

  • -Aktualisiert am

Zwei Spiele, zwei Siege: Stefan de Vrij, Memphis Depay, Patrick van Aanholt und Owen Wijndal (von links) Bild: AFP

Verschmähte Spieler übernehmen plötzlich die tragenden Rollen im niederländischen EM-Projekt. Die Anhänger hadern trotzdem weiter mit der Auswahl von Trainer Frank de Boer.

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          Mancher Holländer reibt sich verwundert die Augen über die Namen der Helden, die nach dem 2:0-Sieg gegen Österreich und dem erstaunlich reibungslosen Einzug ins Achtelfinale dieser EM gefeiert werden. Frenkie de Jong vom FC Barcelona, dessen Eleganz selbst Lionel Messi begeistert, stand auch auf dem Rasen, ja.

          Fußball-EM

          Matthijs de Ligt von Juventus Turin stieg nach auskurierten Leistenproblemen ins EM-Turnier ein und verteidigte neben Stefan de Vrij (Inter Mailand). Georginio Wijnaldum, der vom FC Liverpool zu Paris St-Germain wechselt, spielte ordentlich. Die prägenden Niederländer dieser ersten Turnierphase tragen aber andere Namen: Wout Weghorst, Denzel Dumfries, Memphis Depay. Sogar der energische Fleißarbeiter Marten de Roon nimmt eine unerwartet wichtige Rolle ein.

          Das Land hadert und fremdelt mit dieser Mannschaft, die sich nicht einfügen will in die Muster in den Köpfen der Anhänger. In einem Duell mit den von der RB-Schule geprägten Österreichern weniger Ballbesitz zu haben gleicht einem Kulturschock. Ähnlich fremd wirkt ein Trainer, der nicht über die Offensive spricht, sondern sagt: „Wir haben heute fast keine Chancen verschenkt, wir waren gut.“ Irgendwann wurde de Boer gefragt, ob dieses Team zu den Anwärtern auf den Titel gehöre, er musste lächeln. Es gebe zwar noch „eine Menge Sachen“, die es „zu verbessern“ gelte, aber: „Ich weiß, wenn wir unser Bestes zeigen, dann können wir jeden schlagen.“

          „Wenn eine Flanke kommt, ist es Glück“

          Davon müssen viele Niederländer erst noch überzeugt werden. Der Musiker und Autor Nico Dijkshoorn behauptete in einer Kolumne, das eher wuchtige als filigrane Spiel des Wolfsburger Angreifers Weghorst gleiche einem „erhobenen Mittelfinger an die Cruyff-Schule“. Über Dumfries sagte der ehemalige Nationalspieler René van der Gijp, der zur großen Gemeinde niederländischer Experten zählt: „Wenn eine Flanke kommt, ist es Glück.“

          In der Realität dieser EM hatte Weghorst aber abermals viel dazu beigetragen, dass Holland ein richtig ekliger Gegner ist. Auch wenn er im kommenden Jahr mit seinen Wolfsburgern in der Champions League antritt, schadet dieser historisch und international eher bedeutungslose Klub seinem Ansehen in der Heimat. Eine Anstellung in der Premier League oder bei einem der Mailänder Klubs wäre seiner Nationalmannschaftskarriere vermutlich sehr zuträglich.

          Und Dumfries, der angeblich nicht flanken kann, saß zum zweiten Mal mit dem Pokal für den Star des Abends im Amsterdamer Stadion. Zurückhaltend, fast schüchtern verkündete er: „Ich habe versucht, meine Möglichkeiten zu suchen. Schön, dass ich zu diesem Sieg beitragen konnte.“ Das waren kleine Worte für eine große Leistung, die dieser stürmende Außenverteidiger im bisherigen Turnierverlauf abgeliefert hat. Dumfries war an allen niederländischen Turniertreffern beteiligt.

          Das 1:0 gegen Österreich fiel per Elfmeter, nachdem David Alaba ihn gefoult hatte, das 2:0 schoss er selbst. Gegen die Ukraine gelang ihm das Siegtor, nachdem er die ersten beiden Tore mit energischen Flügelläufen vorbereitet hatte. Spätestens jetzt dürfte Dumfries ein begehrter Spieler auf dem Transfermarkt sein. Dynamische Außenverteidiger, deren Aktionen bis in den gegnerischen Strafraum hineinwirken, die viel Torgefahr erzeugen, sind schließlich heiß begehrt in den großen Ligen.

          Fußball-EM

          Es sind die verkannten und verschmähten Spieler, die das bisherige niederländische EM-Projekt prägen, auch Memphis Depay ist so einer. Zuletzt verpasste er mit Olympique Lyon die Teilnahme an der Champions League, nachdem er in den Jahren zuvor am Versuch gescheitert war, sich bei Manchester United zu etablieren. Derzeit hat der Schütze zum 1:0 gegen Österreich nicht einmal einen Verein und kann sich ablösefrei einem neuen Arbeitgeber anschließen.

          Nun, wo feststeht, dass die Niederländer die Gruppe als Tabellenerster abschließen, wird darüber diskutiert, ob Frank de Boer die Partie gegen Nordmazedonien an diesem Montag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM und bei MagentaTV) nutzen sollte, um ein paar neue Dinge auszuprobieren. Zum Beispiel einen Sturm mit Eindhovens Donyell Malen, der gegen Österreich Dumfries’ 2:0 vorbereitet hatte.

          Auch um Malen ranken sich ein paar Transfermarktgeschichten, der Profi der PSV Eindhoven soll kurz davor stehen, einen Vertrag bei Borussia Dortmund zu unterschreiben. „Er kann kämpfen, rennen, laufen, schießt viele Tore“, sagte de Boer über den Angreifer, der als Nachfolger und Jadon Sancho und Vertreter von Erling Haaland zum BVB passen könnte. Wobei de Boer schon andeutete, dass er keinen grundlegenden Kurswechsel anstreben werde. Das wird nicht allen Holländern passen, aber den Fundamentalisten bleibt immerhin die Alternative eines Theaterbesuchs.

          Vor dem Stadion wird auf großen Displays für das Musical „14“ geworben, „een brutale ode aan Johan Cruijff“, steht dort – „eine freche Ode an Johan Cruyff“. Fußballfeingeister werden diese Show möglicherweise ansprechender finden als die Auftritte eines Teams, das zwar erfolgreich ist, aber weiterhin Mühe hat, echte Anerkennung bei seinen Anhängern zu finden.

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