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Neue alte Defensivtaktik : Plädoyer für die Spaßbremsen

Ballgewinn als progressive Defensivtaktik: Holland versuchte sich bei der Euro daran - vergeblich Bild: AFP

Die Welt ist schon schlecht genug, muss es der Fußball auch noch sein? Jawohl. Im Jahrhundert der Defensive um der Defensive willen sind Mauern und Beton- rühren nützliche Partisanentaktik gegen dominante Teams.

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          Das 21. Jahrhundert ist im Fußball das Jahrhundert der Defensive - einer neuen, positiven Vorstellung von Defensive. Prägend war in dieser Hinsicht das Modell des FC Barcelona und des Welt- und Europameisters Spanien. Während Fans vom Kombinationswirbel eines Xavi, Iniesta oder Messi schwärmen, achten Fachleute eher auf anderes. So wie der frühere Leverkusener Trainer Robin Dutt, für den bei Barça „die Defensivstrategie die wahre Kunst“ ist - das Gegenpressing, die Kreativität im Abwehrverhalten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Auch in Deutschland ist dieses Verständnis von Abwehrarbeit längst en vogue, bei Meister Borussia Dortmund ebenso wie im Nationalteam, wo Trainer Joachim Löw auch von den offensivsten Spielern defensives Denken fordert. Dieses Denken umfasst gemäß dem modernen Verständnis von Abwehrarbeit, dass man, schon bevor man den Ball gewinnt, eine Vorstellung davon hat, was danach passiert. In jeder Abwehraktion soll eine Idee des folgenden Angriffs stecken: Defensive als gedachte Offensive.

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          Und nun das: die Rückkehr einer ganz anderen Idee. Defensive als gedachte Defensive und sonst nichts. Nicht als Vorspiel zum eigenen Angriff, sondern nur als Raub des Raumes, der Spielfreude, als Zermürbung des Gegners. Im Mai wurde der FC Chelsea so Champions-League-Sieger, indem er im Halbfinale dem FC Barcelona und im Finale dem FC Bayern jeweils zwei Drittel des Ballbesitzes und des Spielfeldes überließ. Genauso wie es zwei Jahre zuvor schon Inter Mailand gegen dieselben beiden Gegner vorgemacht hatte. Ziel dieser Taktik war es nicht vorrangig, den Ball zu gewinnen, sondern dem Gegner keine Passwege, keine Spurts in die Tiefe, keine Schussposition zu erlauben.

          Vor Beginn der Europameisterschaft vermutete Frank Wormuth, der Chef der Trainerausbildung im Deutschen Fußball-Bund, das Modell Chelsea tauge nicht zum Vorbild für das Turnier. „Tief stehen, hinten zumachen und auf Konter warten ist schon immer die Maßgabe der schwächeren Mannschaften gewesen“, sagte er. Griechenland sei so 2004 Europameister geworden. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Schweden oder Dänemark, die eine ganz andere Philosophie haben, anfangen zu mauern. Die wollen ja Fußball spielen.“

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          Aber dann rührten auch die Dänen im ersten Spiel gegen die Niederlande erfolgreich Beton an und wurden mit einem 1:0-Sieg belohnt. Und dann, beim 1:0 gegen Russland, auch die Griechen, die schon seit 2004 als Paradebeispiel für die Chancen der destruktiven Defensive gelten - seit sie mit drei hinten ermauerten und vorn glücklich erbeuteten 1:0-Siegen in der K.o.-Runde gegen Frankreich, Tschechien und Portugal sensationell Europameister wurden.

          Antike Form der Defensive

          Ist sie nun wieder da, diese ganz andere, die antike, die altgriechische Form der Defensive? Gern auch Otto-Taktik genannt - nicht erfunden, aber doch im richtigen Moment eingesetzt vom Malergesellen Rehhagel. In dessen deutscher Heimat umschreibt man diese Art des Fußballs eher mit Begriffen aus dem Bauhandwerk: mauern, Beton anrühren. Es ist Defensive als reine Verhinderung. Vor Augen hat sie nicht den Ballgewinn, das Umschalten und Gestalten, sondern den einen Moment, in dem der Gegner keine Lust mehr hat, die Konzentration verliert, ein Geschenk macht. So wie der Russe Ignaschewitsch.

          An die „Saga von 2004“ fühlt sich Kapitän Giorgos Karagounis nun erinnert - wegen des Kampfes gegen alle Erwartungen und Widerstände. Der Rest von Europa fühlt sich an 2004 eher wegen der Spielweise erinnert, mit der die Griechen die Russen besiegten - derselben wie damals. Gegen schwächere Gegner haben sie unter Rehhagels Nachfolger Fernando Santos zwar schon gezeigt, dass sie auch anders können, aktiver, kreativer. Aber gegen die Großen des Fußballs, also wohl auch gegen den EM-Favoriten Deutschland an diesem Freitag (20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) , gilt, was Jungstar Sotirios Ninis sagt: „Wir haben nur eine Art zu spielen.“ Und ebenso das, was der frühere Frankfurter Georgios Tzavellas findet: „Die Deutschen sind eine Klassemannschaft. Das liegt uns.“

          Nominell ist Griechenland das schwächste Viertelfinalteam. Doch für das hochgeschätzte Deutschland kann das eine tückische Prüfung werden. Gegen ein Team, das sich mit zehn Mann hinter den Ball bewegt, in engen Abständen zueinander steht und aus der Diagonale betrachtet wie eine Wand aussieht, ist spielerisch allein kaum anzukommen. Man braucht auch physische Wucht, Durchsetzungskraft im Strafraum, Präsenz im Strafraum, Zweikampf- und Kopfballstärke - und die Bereitschaft, sich auf ein Spiel einzulassen, das keinen Spaß macht. Aus der Distanz zu schießen, wie es die planlosen Russen immer wieder versuchten, ist keine gute Idee. Der neue EM-Ball erlaubt zwar präzise, angeschnittene Flanken. Doch beim Vollspannschuss neigt er dazu, in Richtung Tribüne abzuheben.

          Die Mauertaktik darf nicht moralisch bewertet werden

          All das verheißt kein leichtes oder schönes Spiel. Dennoch verbietet sich jede Schmähung der Taktik der Spielverhinderung, der destruktiven Form von Defensive. Oder gar eine moralische Verurteilung dieser sportlich legitimen Wahl der Mittel - so wie das nach dem verlorenen Champions-League-Finale viele enttäuschte Bayern-Anhänger taten: Sie argumentierten gegen die Chelsea-Taktik nicht taktisch, sondern moralisch. Man kann sie verstehen: Die Welt ist schon schlecht genug, muss es der Fußball auch noch sein?

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          Doch gibt es keine moralische Dimension von Fußballtaktik - solange sie die Regeln der Fairness einhält, also nicht vorrangig mit Treten des Gegners, Schinden von Zeit, Vortäuschen von Fouls arbeitet. Für eine Taktik, die die Regeln einhält, muss sich niemand rechtfertigen. Zumal es immer eine Frage der Sichtweise ist, ob man einen Sieg, der sich der Vernichtung gegnerischer Kreativität verdankt, feiert oder verurteilt. Zwei ihrer drei WM-Titel, 1954 gegen Ungarn und 1974 gegen die Niederlande, ermauerte die deutsche Nationalelf in der zweiten Halbzeit gegen spielerisch hochüberlegene Gegner - und wurde daheim gefeiert.

          Um ein berühmtes Beispiel aus einem anderen Sport anzuführen, so errang Muhammad Ali seinen legendärsten Sieg mit einer genialen Defensivtaktik - als er sich 1974 acht Runden lang in Doppeldeckung in die Seile treiben ließ, bis sich Favorit George Foreman müde geschlagen hatte, um ihn dann mit einer einzigen Attacke zu überraschen und k.o. zu schlagen. Dafür wurde Ali in der ganzen Welt gefeiert und bewundert.

          Taktische Partisanen des Fußballs

          Große Titel, sagt eine Fußballweisheit, würden in der Defensive gewonnen. Nur in welcher? In der modernen oder der antiken? Der Barça- oder der Griechen-Defensive? Womöglich braucht man von beiden etwas. Das Konzept der durchgängigen Dominanz, der permanenten Ball- und Raumhoheit, der neunzigminütigen Initiative, wie es Mannschaften wie Spanien oder Deutschland anstreben, ist beeindruckend, aber wie immer im Fußball nicht das Einzige, was funktioniert. Wer etwas Großes gewinnen will, ist gut beraten, sich auch bei den Außenseitern, den taktischen Partisanen des Fußballs etwas abzuschauen.

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          Vielleicht hat Spanien das ja getan. Jedenfalls wurde es Weltmeister nicht so sehr durch die Klasse seiner Offensivkünstler, sondern durch die Qualität seiner Abwehr - einer Abwehr, die auch nicht immer in Gedanken schon wieder beim Angriff ist, sondern sich mit der guten alten destruktiven Null auch mal zufriedengeben kann. Alle K.o.-Spiele der WM 2010, gegen Portugal, Paraguay, Deutschland und Holland, gewann Spanien mit dem Resultat von 1:0. Fast wie die Griechen, diese Spanier.

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