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Neue alte Defensivtaktik : Plädoyer für die Spaßbremsen

Nominell ist Griechenland das schwächste Viertelfinalteam. Doch für das hochgeschätzte Deutschland kann das eine tückische Prüfung werden. Gegen ein Team, das sich mit zehn Mann hinter den Ball bewegt, in engen Abständen zueinander steht und aus der Diagonale betrachtet wie eine Wand aussieht, ist spielerisch allein kaum anzukommen. Man braucht auch physische Wucht, Durchsetzungskraft im Strafraum, Präsenz im Strafraum, Zweikampf- und Kopfballstärke - und die Bereitschaft, sich auf ein Spiel einzulassen, das keinen Spaß macht. Aus der Distanz zu schießen, wie es die planlosen Russen immer wieder versuchten, ist keine gute Idee. Der neue EM-Ball erlaubt zwar präzise, angeschnittene Flanken. Doch beim Vollspannschuss neigt er dazu, in Richtung Tribüne abzuheben.

Die Mauertaktik darf nicht moralisch bewertet werden

All das verheißt kein leichtes oder schönes Spiel. Dennoch verbietet sich jede Schmähung der Taktik der Spielverhinderung, der destruktiven Form von Defensive. Oder gar eine moralische Verurteilung dieser sportlich legitimen Wahl der Mittel - so wie das nach dem verlorenen Champions-League-Finale viele enttäuschte Bayern-Anhänger taten: Sie argumentierten gegen die Chelsea-Taktik nicht taktisch, sondern moralisch. Man kann sie verstehen: Die Welt ist schon schlecht genug, muss es der Fußball auch noch sein?

Gefangen in der griechischen Zange: Die Hellenen „doppeln“ gegen gefährliche Offensivspieler

Doch gibt es keine moralische Dimension von Fußballtaktik - solange sie die Regeln der Fairness einhält, also nicht vorrangig mit Treten des Gegners, Schinden von Zeit, Vortäuschen von Fouls arbeitet. Für eine Taktik, die die Regeln einhält, muss sich niemand rechtfertigen. Zumal es immer eine Frage der Sichtweise ist, ob man einen Sieg, der sich der Vernichtung gegnerischer Kreativität verdankt, feiert oder verurteilt. Zwei ihrer drei WM-Titel, 1954 gegen Ungarn und 1974 gegen die Niederlande, ermauerte die deutsche Nationalelf in der zweiten Halbzeit gegen spielerisch hochüberlegene Gegner - und wurde daheim gefeiert.

Um ein berühmtes Beispiel aus einem anderen Sport anzuführen, so errang Muhammad Ali seinen legendärsten Sieg mit einer genialen Defensivtaktik - als er sich 1974 acht Runden lang in Doppeldeckung in die Seile treiben ließ, bis sich Favorit George Foreman müde geschlagen hatte, um ihn dann mit einer einzigen Attacke zu überraschen und k.o. zu schlagen. Dafür wurde Ali in der ganzen Welt gefeiert und bewundert.

Taktische Partisanen des Fußballs

Große Titel, sagt eine Fußballweisheit, würden in der Defensive gewonnen. Nur in welcher? In der modernen oder der antiken? Der Barça- oder der Griechen-Defensive? Womöglich braucht man von beiden etwas. Das Konzept der durchgängigen Dominanz, der permanenten Ball- und Raumhoheit, der neunzigminütigen Initiative, wie es Mannschaften wie Spanien oder Deutschland anstreben, ist beeindruckend, aber wie immer im Fußball nicht das Einzige, was funktioniert. Wer etwas Großes gewinnen will, ist gut beraten, sich auch bei den Außenseitern, den taktischen Partisanen des Fußballs etwas abzuschauen.

In Bedrängnis: Die Italiener Chiellini (im Foto rechts) und Maggio versuchen vereint, Spaniens Iniesta den Ball wieder abzunehmen

Vielleicht hat Spanien das ja getan. Jedenfalls wurde es Weltmeister nicht so sehr durch die Klasse seiner Offensivkünstler, sondern durch die Qualität seiner Abwehr - einer Abwehr, die auch nicht immer in Gedanken schon wieder beim Angriff ist, sondern sich mit der guten alten destruktiven Null auch mal zufriedengeben kann. Alle K.o.-Spiele der WM 2010, gegen Portugal, Paraguay, Deutschland und Holland, gewann Spanien mit dem Resultat von 1:0. Fast wie die Griechen, diese Spanier.

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