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Slomkas Standpunkt : Italiens Dreierkette ist unsere Chance

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Stärke der Italiener, aber auch Chance für Deutschland: Die Dreierkette um Giorgio Chiellini (l.) und Leonardo Bonucci Bild: dpa

Die Italiener waren bisher sehr souverän. Experte Mirko Slomka sieht vor dem EM-Viertelfinale dennoch gute Chancen für die deutsche Nationalmannschaft – und nennt die Gründe dafür.

          Jogi Löw lachte verschmitzt und nippte an seinem Pappbecher mit dem von ihm favorisierten Heißgetränk. Auf die Frage nach dem Angstgegner Italien konterte der Bundestrainer souverän, indem er die Niederlagen von einst zu kaltem Kaffee erklärte. Ein frischer Espresso sei ihm lieber, genüsslich nach einem Sieg gegen die Italiener im Viertelfinale am Samstag konsumiert. Dass er ihm in der Rotweinstadt Bordeaux schmecken wird, daran habe ich keinen Zweifel. Deutschland wird das Spiel gewinnen!

          So gut wie die Laune des Bundestrainers auf der Pressekonferenz war, so gut war auch das Spiel unserer Mannschaft im Achtelfinale. Natürlich waren die Slowaken - bei allem Respekt - nicht der Gradmesser, wie ihn die Italiener mit den Spaniern hatten. Aber unser Spiel war von Dominanz geprägt, wir hätten ohne Mühe noch höher gewinnen können. Gegen Italien sollte Jogi Löw genau dieselbe Aufstellung wählen.

          Keine Änderungen!

          Es gibt für mich keinen Grund, an der Formation irgendetwas zu ändern. Ein Risiko mit der Hereinnahme eines Newcomers einzugehen macht keinen Sinn. Schweinsteiger in die Startelf - warum? Kroos und Khedira harmonieren optimal. Dem Helden aus dem WM-Finale von 2014 bleibt eine Rolle als Edel-Backup - auch gegen den Keine-Angst-Gegner.

          EM-Beobachter: Mirko Slomka schaut für die F.A.Z. mit regelmäßigen Kolumnen nach Frankreich

          Das Spiel wird taktisch auf alle Fälle ein Hochgenuss. Die Squadra Azzurra spielt neben den Walisern als einzige Mannschaft mit einer Dreierkette. Dazu haben die Italiener die von vielen längst beerdigte Formation mit zwei Stürmern wiederbelebt. Ein Pluspunkt: Torwart-Legende Buffon und seine glorreichen Abwehrrecken Barzagli, Bonucci, Chiellini kommen alle von der alten Dame Juve. Die vier Oldies sind daher bestens eingespielt und verstehen sich blind. Sie als erfahren zu bezeichnen ist eigentlich untertrieben, dieses Quartett kickt auf einer anderen Ebene. Sie sind absolut ruhig, gelassen, wissen immer genau, was zu tun ist. Und gegen die offensiv starken Spanier zu null zu spielen und deren Stürmer schier zur Verzweiflung zu bringen sagt eigentlich alles.

          Aber diese Dreier-Kette ist auch die Chance für unsere Mannschaft. Genau hier sehe ich den taktischen Hebel, um das schier unbezwingbare Bollwerk zu überwinden. Drei Verteidiger bedeutet automatisch eine geringere Abdeckung des Raumes. Wenn wir mit unseren starken Außenspielern Hector und Kimmich sowie den weiter vorne postierten Draxler, Özil und Müller permanenten offensiven Druck machen, bedeutet das Gift für die in die Jahre gekommene Abwehrreihe. Unsere allesamt sehr flexiblen Spieler sollten sie permanent beschäftigen, dann werden wir früher oder später Erfolg haben.

          Den Italienern bleibt dann nur der Ausweg, die Dreierkette zu einer Fünferkette zu verstärken. Das bedeutet dann aber wieder ein Übergewicht für uns im Mittelfeld, und das sollten wir eiskalt ausnutzen. Ich glaube daran, dass Thomas Müller gegen die ihm aus der Champions League bestens bekannten Italiener seine Weltklasse zeigen und treffen wird.

          Die Italiener beherrschen die Zehn-Sekunden-Regel

          Dennoch heißt es Obacht! Denn eine weitere Stärke der Italiener ist die Beherrschung der Zehn-Sekunden-Regel. Die kenne ich selbst nur zu gut, denn ich habe sie 2011 sehr erfolgreich bei Hannover 96 eingeführt. Nach Balleroberung in der Defensive - oder auch mal überraschend nach etwas längerem Ballbesitz - wird sofort vorwärts gespielt mit dem Ziel, innerhalb von zehn Sekunden zum Abschluss zu kommen.

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          Mit Éder und Pellè haben sie zwei pfeilschnelle Leute, die genau diese Turbo-Pässe aufgreifen. Hier werden Khedira als Abfangjäger, Hummels, Boateng und Co. alles einsetzen müssen, um Gefahr für das deutsche Tor abzuwenden.

          Bemerkenswert ist auch der Trainer der italienischen Mannschaft, Antonio Conte. Beim Spiel gegen die Iren in Lille saß ich direkt hinter dem italienischen Energiebündel im Stadion und war schwer beeindruckt. Der Mann ist wie ein Vulkan an der Seitenlinie, gibt permanent taktische Anweisungen, die seine Jungs umgehend pflichtbewusst umsetzen. Ohnehin ist die gnadenlose Disziplin der Italiener, gerade in der Defensive, bewundernswert. Und das seit Generationen.

          Slomka über Trainer Antonio Conte: „Der Mann ist wie ein Vulkan an der Seitenlinie“

          Es ist sicherlich Teil ihrer Mentalität, mehr aber noch ihrer Ausbildung. Schon die jüngsten lernen akribisch, wie sie in welcher Spielsituation stehen müssen. Ich hatte einmal das Vergnügen, bei dem Vorgänger von Antonio Conte, Cesare Prandelli, im Trainingslager in Österreich zu hospitieren. Er war damals Trainer des AS Rom. Ich sehe es noch heute vor mir, wie er eine Stunde lang seine Mannschaft, immerhin gespickt mit Superstars vom Kaliber eines Franceso Totti oder Daniele De Rossi, Zentimeter um Zentimeter verschob auf dem Platz. Solange, bis jeder genau so stand, wie sich der Meister das für eine optimale Abwehrarbeit vorstellte. In der Bundesliga wäre das undenkbar. In Italien ist diese Akribie der defensiven Schule völlig normal.

          Aber das alles wird uns nicht davon abhalten, sie zu besiegen. Das Halbfinale wartet schließlich. Gegen Island? Bei aller Sympathie für die wackeren Nordländer, ich sehe Frankreich als unseren übernächsten Gegner. Die Isländer haben es wirklich gut gemacht, waren Fighter, absolut diszipliniert und lebten diesen Jeder-für-jeden Teamgeist in jeder Sekunde. Sie erinnern mich an die lässigen Dänen, die 1992 tief entspannt mit maximalem Spaß zum Titel stürmten. Aber die Engländer haben sich die kapitale Niederlage am Ende selbst zuzuschreiben.

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          Für mich war es völlig unverständlich, wieso Jamie Vardy und Marcus Rashford erst so spät ins Spiel kamen. Kaum waren sie auf dem Feld, passierte mehr. Zu spät. Die Franzosen werden es schaffen, sie haben ihr letztes Spiel gedreht und verfügen über ausreichend Qualität. Wenn ich allein an die Offensiv-Fraktion mit Griezmann, Payet und Giroud denke. Jetzt werde ich aber zunächst Deutschland gegen Italien bei einem frischen Espresso genießen. Für das Halbfinale in Marseille hole ich mir aber schon mal einen guten Franzosen aus dem Keller.

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