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Mario Balotelli : Hochtalentiert und unberechenbar

Schuhe schnüren zum großen Auftritt: Bei der EM will Mario Balotelli im Mittelpunkt stehen - aus sportlicher Sicht Bild: AFP

Fast täglich liefert Mario Balotelli teils unglaubliche Geschichten - dabei ist der Italiener mit großem fußballerischen Talent gesegnet. Zudem muss er immer wieder mit einem ernsten Problem kämpfen. Teil 9 des FAZ.NET-EM-Countdowns.

          4 Min.

          Biographien in Buchform wurden schon viele geschrieben. Gerade bei Fußballspielern ist diese Form des Lebenslaufs beliebt – auch in jungen Jahren. Wayne Rooneys Autobiographie etwa erschein schon im Sommer 2006.

          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Damals war der Engländer gerade zwanzig Jahre alt. Womöglich kam ihm und dem Ghostwirter Hunter Davies der Zeitpunkt am Ende auch ein bisschen zu früh vor, sie nannten das Buch dann auch vorsichtig „My Story so far“.

          So weit, so gut, es blieb Raum für weitere Kapitel. Die wird es geben. Rooney unterzeichnete einen Vertrag, der ihm 7,5 Millionen Euro einbrachte. Die Gegenleistung: Fünf weitere Bücher in den nächsten zwölf Jahren.

          Mario Balotelli ist auch erst einundzwanzig und hätte keine Mühe, eine ähnliche Zahl an Geschichten zu erzählen. Womöglich fehlt ihm aber schlicht und einfach die Zeit für ein solches literarisches Werk. Fast täglich gibt es Neues vom Italiener – allerdings häufiger in den Klatschspalten als im Sportteil.

          Erst mit achtzehn durfte Balotelli für Italien spielen - zuvor hatte er noch die ghanaische Staatsbürgerschaft
          Erst mit achtzehn durfte Balotelli für Italien spielen - zuvor hatte er noch die ghanaische Staatsbürgerschaft : Bild: dapd

          Mal warf er mit Dartpfeilen auf Jugendspieler, mal ließ er sich in Neapel mit Mafiabossen fotografieren. Mal trat er als Inter-Spieler im Trikot von Stadtrivale AC im Fernsehen auf, mal schaffte er es nicht, sich ein Leibchen überzuziehen.

          Mal ging er 36 Stunden vor einem wichtigen Spiel in ein Striplokal, mal saß er während eines Länderspiels mit einem iPad auf der Bank. Mal geriet sein Badezimmer beim Hantieren mit Feuerwerkskörper in Brand, mal parkte er seinen Bentley vor einer Schule und nutzte dann einfach die Toilette dort.

          Viele Anekdoten drehen sich ums Geld – kein Wunder bei einem Wochenverdienst von rund 150.000 Pfund. 20.000 bot er einer jungen Dame, nur damit er ihre Telefonnummer bekommt. 5000 fuhr er im Kofferraum durch die Stadt. Zu sehen bekamen die Scheine Polizisten, als sie das Wrack des Wagens untersuchten, den er gegen eine Mauer gesetzt hatte.

          Seine Mutter schickte ihn einst los, um ein Bügelbrett zu kaufen. Zurück kam Balotelli mit einem Quad-Bike, einem Trampolin und einer Carrera-Bahn – das Kind im jungen Manne lebte sich aus.

          Rassismus als Problem: „Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren“
          Rassismus als Problem: „Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren“ : Bild: dpa

          All diese Geschichten sind es, die den Boulevard erfreuen und das Bild des unberechenbaren Menschen zeichnen. Aus dieser Schublade wird Balotelli wohl zeit seines Lebens nicht mehr herauskommen, dabei gibt es eine andere Seite. Er unterstützt etwa eine Schule im Sudan.

          Die englische Presse habe ihn und seine Art zu leben verzerrt dargestellt, klagte er. Er würde gerne das Bild eines Spielers vermitteln, der „selber gerne Spaß hat und Leuten Freude bereitet“. Am meisten tue es ihm für seine Familie leid, die gewisse Dinge über ihn lesen musste.

          Italiens Sturmhoffnungen: Balotelli und Antonio Cassano, der im Winter am Herzen operiert wurde
          Italiens Sturmhoffnungen: Balotelli und Antonio Cassano, der im Winter am Herzen operiert wurde : Bild: REUTERS

          Balotelli hat sogar zwei Familien. Als Sohn der ghanaischen Einwanderer Rose und Thomas Barwuah wurde er 1990 in Palermo geboren. Nach dem Umzug nach Brescia kam der kleine Mario mit Magenproblemen in eine Klinik – und wurde dort von seinen leiblichen Eltern zurückgelassen, weil sie das Krankenhausgeld nicht aufbringen konnten. Vierzehn Monate blieb er dort, dann kam er in die Pflegefamilie Balotelli, die schon drei Kinder hatte.

          Sie adoptierten Mario nicht, daher nahm er erst mit 18 die italienische Staatsbürgerschaft an. Als seine leiblichen Eltern und Verwandte aus Ghana später Kontakt mit Balotelli aufnehmen wollten, wies er sie zurück: „Jetzt melden sie sich auf einmal, weil ich als Fußballer viel Geld verdiene.“ Bis heute reiste er nicht nach Afrika, auch die Avancen des ghanaischen Verbandes lehnte er ab.

          Nationaltrainer setzt notgedrungen auf den unberechenbaren Balotelli
          Nationaltrainer setzt notgedrungen auf den unberechenbaren Balotelli : Bild: dpa

          Mit fünf Jahren begann Balotelli mit dem Fußball und wurde 2006 beim AC Lumezzane mit 15 Jahren der jüngste Spieler der je in Italien in der drittklassigen Serie C auflief. Beim FC Barcelona absolvierte er ein Probetraining, ein Wechsel kam aber nicht zustande.

          Wenig später machte Inter Mailand das Rennen und verpflichtete Balotelli für die U 17. Alsbald wurde Trainer Roberto Mancini auf den großen Stürmer aufmerksam. Ende 2007 debütierte er in der ersten Mannschaft, traf beim Einstand doppelt und wurde italienischer Meister.

          Der italienische Fußball macht schwere Zeiten durch, bei der EM will die Squadra Azzurra dennoch glänzen
          Der italienische Fußball macht schwere Zeiten durch, bei der EM will die Squadra Azzurra dennoch glänzen : Bild: REUTERS

          Mancini musste gehen, José Mourinho übernahm – und für Balotelli begannen die Probleme. Der portugiesische Coach warf seinem überaus talentierten Stürmer vor, im Training nur 25 Prozent seines Könnens zu zeigen und strich ihn aus dem Kader.

          Am Ende sollte Mourinho Balotelli als „untrainierbar“ bezeichnen. Viel schlimmer als die temporäre Verbannung waren jedoch die rassistischen Beleidigungen, die sich Balotelli vor allem bei Auswärtsspielen immer wieder anhören musste. Und die Verantwortlichen des Klubs unterstützten ihn kaum im Kampf gegen die Parolen.

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          Nachdem er beim Halbfinale in der Champions League gegen Barcelona aufreizend lustlos spielte und später sein Trikot ob seiner späten Einwechslung auf den Boden schleuderte, war das Verhältnis zu Mourinho und Inter Mailand irreparabel beschädigt. Alle Parteien waren froh als Manchester City, wo inzwischen Balotellis einstiger Förderer Mancini Trainer war, ein Angebot über knapp 30 Millionen Euro machte.

          In England konnte er, wenn er nicht für die Nationalelf spielte, die Rassismusprobleme hinter sich lassen, das Pendeln zwischen sportlicher Kunst und unglaublichem Benimm blieb aber. Mal trat er brutal in einen Gegenspieler und wurde lange gesperrt, dann spielte er überragend und schoss seine Mannschaft zum Sieg. Vor allem Nervenstärke hat Balotelli. Noch nie verschoss er einen Elfmeter. Er machte sich dabei wohl einfach keine Gedanken – wie so oft.

          Wieder Rot: Balotelli benahm sich bei Manchester City nicht nur einmal daneben
          Wieder Rot: Balotelli benahm sich bei Manchester City nicht nur einmal daneben : Bild: dapd

          Nach einer Suspendierung kehrte Balotelli in der Schlussviertelstunde der vergangenen Saison auf den Rasen zurück und half mit, Manchester City in der Nachspielzeit zum Meister zu machen. Mancini möchte ihn trotz aller Eskapaden behalten.

          Das klingt ungewöhnlich, zumal er ihn nach einem Platzverweis einst einen „Idioten“ nannte, manchmal wolle er ihn auch ohrfeigen, aber auch wenn Balotelli verrückt sei, „ich liebe ihn, weil er ein guter Mensch ist“.

          Im letzten Spiel trug er aber maßgeblich zur Meisterschaft bei - nachdem Trainer Roberto Mancini (rechts) ihn schon suspendiert hatte
          Im letzten Spiel trug er aber maßgeblich zur Meisterschaft bei - nachdem Trainer Roberto Mancini (rechts) ihn schon suspendiert hatte : Bild: dpa

          Auch Nationaltrainer Cesare Prandelli, unter dem er im August 2010 für Italien debütierte, setzt auf Balotelli – notgedrungen. In der Qualifikation machte er nur zwei Spiele, nun aber fällt Giuseppe Rossi mit einem Kreuzbandriss aus.

          Auch das Leistungsvermögen von Antonio Cassano, der im Winter am Herzen operiert werden musste, ist ungewiss. „Balotelli kann sich keine Fehler mehr erlauben. Aber ich bin mir sicher, dass er auch keine mehr macht“, sagte Prandelli bei der Nominierung hoffnungsvoll.

          Die Frisur als Markenzeichen: Mit Überziehleibchen hat der Italiener aber so seine Probleme
          Die Frisur als Markenzeichen: Mit Überziehleibchen hat der Italiener aber so seine Probleme : Bild: AFP

          Mit den guten Vorsätzen, die sich Balotelli für das Turnier, bei dem Italien auf Spanien, Kroatien und Irland trifft, gemacht hat, könnte es aber schnell vorbei sein. Der Zeitschrift France Football sagte er in dieser Woche, dass er bei einem Fall von Rassismus, den Platz sofort verlassen und nach Hause reisen werde.

          „Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren. Aber wenn du ein starker Spieler bist, suchen sie nun einmal Wege, um dich zu ärgern. Sie denken, dass Provokation der einzige Weg ist, um dich zu verletzen.“

          Alle Informationen zu Italien im Überblick

          Spielplan bei der EM 2012:

          Sonntag, 10. Juni, 18.00 Uhr: Spanien – Italien (in Danzig)
          Donnerstag, 14. Juni, 18.00 Uhr: Italien – Kroatien (in Posen)
          Montag, 18. Juni, 20.45 Uhr: Italien – Irland (in Posen)

          Trainer: Cesare Prandelli

          Plazierung in der Weltrangliste: 12.

          Größter Erfolg: Weltmeister 1934, 1938, 1982, 2006; Vize-Weltmeister 1970, 1994; Europameister 1968, Vize-Europameister 2000

          Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:

          Weltmeisterschaften:

          1934, 1938, 1982, 2006: Weltmeister
          1970, 1994: Zweiter
          1990: Dritter
          1978: Vierter
          1998: Viertelfinale
          1986, 2002: Achtelfinale
          1950, 1954, 1962, 1966, 1974, 2010: Vorrunde

          Europameisterschaften:

          1968: Europameister
          2000: Zweiter
          1980: Vierter
          1988: Halbfinale
          1996, 2008: Viertelfinale
          2004: Vorrunde

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