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Pfannenstiels Welt : Ein Möbelstück namens Löw

  • -Aktualisiert am

Ein letztes Hurra für den Bundestrainer: Joachim Löw vor dem Spiel gegen Frankreich Bild: dpa

Es wird im DFB-Team nun noch einmal einen Hauruckeffekt geben, ein letztes Hurra. Denn die Spieler werden für ihren Trainer durchs Feuer gehen. Alle Spieler – auch Mats Hummels und Thomas Müller.

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          Lutz Pfannenstiel hat in seiner Profikarriere auf allen ­Kontinenten gespielt: 25 Vereine in 13 Ländern, nachzulesen in „Unhaltbar – Meine ­Abenteuer als Welttorhüter“. Derzeit bereitet er St. Louis City SC als Sport­direktor auf den Start in der MLS von der Saison 2023 an vor. Zuvor war er für das Scouting bei der TSG ­Hoffenheim verantwortlich und als Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf tätig. Pfannenstiel, 48, arbeitet auch als TV-Experte für ZDF, BBC und DAZN. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der FIFA. Pfannenstiel begleitet die Fußball-EM (11. Juni bis 11. Juli) für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als Experte.

          Fußball-EM

          Ich bin zwar Niederbayer, aber ich mag die englische Sprache. Sie hält für vieles sehr schöne Umschreibungen bereit. Ein Beispiel dafür ist: furni­ture. Damit ist nicht nur ein Möbelstück gemeint, es beschreibt manchmal auch Menschen, die, na ja, ein bisschen in die Jahre gekommen sind. Inventar eben, an das man sich gewöhnt hat.

          So ist es auch bei Jogi Löw. Sein Gesicht als Bundestrainer war irgendwann genauso normal wie der Kunstledersessel in der Wohnzimmerecke. Aus Jogi, dem jungen, gierigen Silberrücken, ist inzwischen im Bild der Medien eher so etwas wie ein silbern-gestrig glänzender Pilzkopf geworden. Ich will nicht sagen, dass der Ofen aus ist, aber der Funke, das letzte Feuer ist von der Nationalmannschaft zuletzt nicht mehr übergesprungen auf die Fans. Und das war schon vor Corona so, als noch Zehntausende in die Stadien durften.

          Das ist nicht ungewöhnlich, bei Trainern ist irgendwann einfach das Haltbarkeitsdatum erreicht. Das trifft jeden von ihnen. Sogar Jürgen Klopp in Dortmund, dabei war er wie gemacht für diesen Klub. Löw ist inzwischen fünfzehn Jahre Bundestrainer, im Fußball ist das fast ein ganzes Leben. Zumal es weltweit kaum einen anderen Trainer gibt, der im Zweijahresrhythmus unter derartigem Druck steht.

          Ein letztes Hurra für Löw

          Ein Halbfinale soll es bitte schön schon sein bei einer WM oder einer EM! Und Jogi hat geliefert. Bei fünf von sechs Turnieren hat er mindestens das Halbfinale erreicht, 2014 ist er Weltmeister geworden – und trotzdem wäre wohl niemand überrascht gewesen, wenn es schon nach der desaströsen WM in Russland 2018 zu einer Ablösung gekommen wäre. Auch ich hätte das sehr gut nachvollziehen können.

          Und trotzdem finde ich es richtig, dass die Nationalmannschaft mit ihm in diese EM geht. Das hat nicht nur mit den Erfolgen in der Vergangenheit zu tun, für die er Respekt verdient hat. Im Fußball dreht sich alles um das Hier und Jetzt, um die neunzig Minuten auf dem Platz. Und Jogi beweist noch immer, dass er seine Spieler erreicht, dass die Chemie innerhalb der Mannschaft stimmt.

          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel
          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel : Bild: Privat

          Ich bin der Meinung, dass es nun noch einmal einen Hauruckeffekt geben wird, ein letztes Hurra, denn die Spieler werden für ihren Trainer durchs Feuer gehen. Alle Spieler – auch Mats Hummels und Thomas Müller. Für sie wäre es ein Leichtes gewesen zu erklären, dass sie bei dieser EM nicht zur Verfügung stehen. Aber sie haben Bock auf das Turnier. Und sie sind offenbar nicht nachtragend, weil sie von Jogi schon aussortiert worden waren. Und auf Müller willst du einfach nicht verzichten. In der Bundesliga war er zuletzt absolut überragend.

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