https://www.faz.net/-gtl-8j9ob

Fußball-Europameisterschaft : Schafft endlich die Nationen ab

Wenigstens für sie hat es sich gelohnt: Portugiesen feiern ausgelassen den Sieg ihrer Nationalelf bei der EM in Frankreich. Bild: dpa

Das Leben ist zu kurz, um 570 Minuten lang auf ein Tor von Thomas Müller zu warten. Aus der EM ist eines zu lernen: Sie lohnt sich nur für Länder, in denen schlechter Fußball gespielt wird.

          2 Min.

          Aus der Europameisterschaft müssen jetzt sofort politische Schlüsse gezogen werden. Und im Grunde kann es nur einen einzigen richtigen Schluss geben: Die Nationen müssen endlich abgeschafft werden. Denn nur wenn es keine Nationen mehr gibt, gibt es auch keine Nationalmannschaften mehr. Und nur wenn es keine Nationalmannschaften mehr gibt, bleibt uns künftig erspart, wovon wir jetzt vier Wochen lang Zeugen waren.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Das fängt beim Ende an: Die Portugiesen haben gewonnen, und das ist natürlich ebenso niedlich wie absurd. Niedlich, weil sie nach den Verteilungsgesichtspunkten höherer Europa-Gerechtigkeit einfach mal dran waren. Absurd, weil sie in der regulären Spielzeit überhaupt nur Wales geschlagen haben. (Frankreich hat fünfmal in neunzig Minuten gewonnen und sogar Island zweimal.) Außerdem haben die Portugiesen, wenn man ihre Möglichkeiten mitbedenkt, unter Beihilfe von Kroatien das schlechteste Spiel der EM hinbekommen. Es war also völlig folgerichtig, dass sie ohne ihren besten Spieler Europameister geworden sind, denn um gutes Spiel ging es ja eben gar nicht.

          Die meisten Stars wollen nur nach Hause

          Sondern um Abwarten. Alle haben bei dieser EM ständig abgewartet. Die großen Fußballnationen haben auf Kanonenfutter gewartet, das nicht kam. Die kleinen haben tiefstehend abgewartet, ob den großen etwas gegen sie einfällt (tat es meistens nicht) und ob der Zufall Tore schießt (tat er wiederholt gern). Die Deutschen wiederum haben unter ständigem Ballbesitz abgewartet, ob Ballbesitz Tore schießt. „1,1 pro Spiel“, lautete die Antwort, „weniger als die Italiener, aber selbst das nur, weil ihr die Slowaken hattet“. Von den Viertelfinalisten trafen bloß die Polen noch schlechter. Also warteten viele deutsche Fans mit Thomas Müller 570 Minuten lang auf Thomas Müller. Aber sie mussten es nicht persönlich nehmen. Bei keiner EM jüngeren Menschengedenkens gab es so wenig Tore. Darum wartete jeder – außer den Isländern, die auf gar nichts warteten, weil das vom Zuparken der eigenen Hälfte abgelenkt hätte –, wann diese EM endlich zu Ende sein würde.

          Viele Spieler warteten darauf wohl schon vorher. Nicht nur Iniesta meinte man ansehen zu können, dass nach Liga und Pokal und Champions League und Qualifikation und zwischendurch noch Reklamespielen in Asien oder Dubai eigentlich die Motive fehlen, sich gegen Albanien oder Österreich oder Tschechien reinzuhängen. Oder umgekehrt: für Spanien, Österreich oder Albanien. Ja, ja, gewiss, Nationalmannschaft, höchste Ehre, deutscher Fußball, weiterkommen wollen, von Spiel zu Spiel denken, wir haben ein Ziel und so weiter. Aber eigentlich wollen die meisten nach der Saison und sechzig Spielen im Jahr doch nur noch nach Hause, müssen das jedoch vor Trainern, Beratern und Reportern verbergen, was die ganze Sache für sie noch anstrengender macht. Außer für Isländer, die gar nichts anstrengt, am wenigsten, ein ernstes Gesicht zu einer ermüdenden Sache zu machen.

          FH Hafnarfjörour, Llandudno FC & Co.

          Apropos Isländer: Der Fußball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling hat die interessante These aufgestellt, dass die kleinen Länder oft – das heißt: solange sie nicht gerade aus Südosteuropa kommen – nicht nur die besseren Fans haben. Sie können auch ihrem Team mehr abgewinnen, weil es bei ihnen keine so starken Vereine gibt. In der Pepsideild, der ersten isländischen Liga, heißt der Meister FH Hafnarfjörour, in die „League of Wales“ ist gerade Llandudno FC aufgestiegen. „Die Nationalmannschaft“, schreibt Schulze-Marmeling, „ist deshalb das Ding schlechthin, wird gewissermaßen zu einer Vereinsmannschaft.“ Unsereins hingegen hat sich emotional schon eine ganze Saison zugunsten von Titanenclubs wie Bayern München, Borussia Dortmund oder – Werder Bremen verausgabt, die alle, so wie sie sind, mit den Portugiesen ohne Ronaldo keine Schwierigkeiten hätten.

          Außerdem verlangt einem das ganze Nationending ab, vier Wochen lang Spieler gut zu finden, die man die ganze Saison über abgelehnt hat, und als Gegner zu empfinden, wem man die ganze Saison über zujubelte. Es hat mithin die Europameisterschaft überhaupt nur für Waliser, Isländer und Albaner einen Sinn. Und jetzt die entscheidende Frage: Liegen diese Länder überhaupt in Europa? Na, also.

          Weitere Themen

          Das Wunder von Bern

          Champions League : Das Wunder von Bern

          Vor einem begeisterten Publikum im Wankdorfstadion nutzen die Young Boys Bern eine rote Karte, um das Spiel in der Nachspielzeit zu drehen. Trotzdem steht der Schweiz ein harter Winter bevor.

          Topmeldungen

          Wieder mehr USA-Flüge: Vor Corona waren sie Umsatzgarant für Lufthansa.

          Grenzöffnung ab November : Wo die Tücken auf USA-Reisen liegen

          Die Wirtschaft jubelt über die endlich angekündigte Grenzöffnung der USA. Doch für Touristen sind noch einige Fragen offen – zum Beispiel das Reisen mit Kindern. Die Probleme sind allerdings klein im Vergleich zu Reisen nach China.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.