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Kommentar : Die EM als Qual

  • -Aktualisiert am

Eigentlich nicht erlaubt: Bruno Alves brachte seine Tochter mit zur Feier auf dem Rasen. Bild: Reuters

Was lernen wir aus der Fußball-EM? Etwa, dass Einlaufkinder in Trikots der Sponsoren willkommen sind, die Kinder der Hauptdarsteller nach dem Abpfiff nicht. Doch das ist nicht die einzige Kritik an der Uefa.

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          Diese Europameisterschaft sei ein großartiger Erfolg gewesen. Man habe beobachten können, dass die Spiele umkämpfter gewesen seien als je zuvor. Wer das sagt? Natürlich die Europäische Fußball-Union (Uefa), aber vielleicht sind die Uefa-Funktionäre in ihrem Urteilsvermögen über ihre eigene Veranstaltung ja doch etwas eingeschränkt. Andere sind von diesem erstmals mit 24 Teilnehmern ausgespielten Turnier nicht so begeistert. Welchen Bundesligatrainer man in diesen Tagen auch fragt, heraus kommt immer derselbe Tenor: Die Vorrunde? Ein Graus, ein Horror, ein Witz. Das Niveau? Erbärmlich, todlangweilig, nur zweitligareif. Das Fazit? Weg mit diesem Modus.

          Genau das wird nicht passieren, auch wenn selbst der Uefa aufgefallen ist, dass die Geschichte mit den vier besten Gruppendritten, die sich für das Achtelfinale qualifizieren, suboptimal ist. Das albanische Team beispielsweise musste ein paar Tage tatenlos in Frankreich ausharren. Und dabei konnten die albanischen Spieler dann zusehen, wie sich andere Teams noch an ihnen vorbeischoben, weil das dafür nötige Ergebnis leicht ausrechenbar war. Wer da noch ein Tor brauchte, machte etwas, was bei dieser EM ansonsten nur selten geschah, und suchte sein Glück in der Offensive.

          Es gibt also Dinge, die sogar die Uefa für verbesserungswürdig hält, aber bei den nächsten Titelkämpfen wird ohnehin alles anders. 2020 wird in 13 Ländern gespielt, das konnte man gut zum 50-jährigen Jubiläum des Turniers und als Symbolbild für das vereinte Europa verkaufen - bevor es nun Einwände gibt, mit Letzterem sei es ja derzeit nicht so weit her: Es gab für 2020 auch keinen richtig geeigneten Bewerber, also kam Michel Platini auf die Idee der europaweit ausgetragenen EM. Er war damals Uefa-Präsident.

          Das Teilnehmerfeld auf 24 Teams zu erhöhen war auch sein Werk. Dafür hätte die Uefa ihren früheren Chef gerne gefeiert, aber weil Platini wegen dieser zwei Millionen Franken, die ihm der ebenfalls frühere Fifa-Präsident Joseph Blatter 2011 überwiesen hat, für vier Jahre für alle Ämter im Fußball gesperrt ist, blieb er der Veranstaltung fern. Vielleicht hat ihn auch der Witz geärgert, was eigentlich das größere Vergehen gewesen sei: diese zwei Millionen Franken angenommen zu haben oder die Erweiterung auf 24 Teilnehmer?

          Nach dem EM-Finale : Glück und Trauer

          Aber dabei muss es ja nicht bleiben, und es würde auch das Problem mit den Gruppendritten lösen: Für 2024 ist eine Aufstockung der EM schon ins Auge gefasst worden. Folgt man den Worten des Interims-Generalsekretärs Theodore Theodoris, dann sind 32 Teilnehmer ohnehin zwingend: „Wir haben sicher mehr als 32 wettbewerbsfähige Teams in Europa.“ Das muss man verstehen, der Mann ist Grieche, und Griechenland war bei den 24 Nationen nicht dabei. Da muss es Wege geben, so einen Missstand künftig zu verhindern - und wenn irgendwann dann alle 55 Mitgliedsverbände teilnehmen und die EM drei Monate dauert, ist nur noch eine Frage zu lösen: Was passiert mit den Qualifikationsspielen?

          In Wahrheit geht es der Uefa um etwas ganz anderes, und das hat Angel Maria Villar Llona, momentan der ranghöchste Uefa-Funktionär, mit etwas Pathos so formuliert: „Das Turnier und seine festliche Atmosphäre haben Europas Liebe zum Leben gezeigt und der Gesellschaft eine wahrhafte Lehre gegeben.“ Die Lehre beispielsweise, dass Einlaufkinder in Trikots der Sponsoren gerne willkommen sind, die Kinder der Hauptdarsteller dagegen nach dem Abpfiff nicht. Und die Lehre, dass diese Veranstaltung der Uefa bei vorläufigen Gesamteinnahmen vom 1,93 Milliarden Euro einen Gewinn von rund 830 Millionen Euro einbringen wird. Ein großartiger Erfolg.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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