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Pfannenstiels Welt : „He’s dead! He’s fucking dead!“

  • -Aktualisiert am

Ein übergroßes Trikot des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen Bild: AFP

EM-Kolumnist Lutz Pfannenstiel hatte bei den Bildern, die er von Christian Eriksen sah, ein Déjà-vu. Sie erinnerten ihn an seinen Unfall vor fast 20 Jahren. Der Beinahe-Tod hat sein Denken verändert.

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          Er war weg. Sie haben ihn zurückgeholt. Ins Leben. Es war das Bild, das die erste Woche dieser Europameisterschaft prägte: der Fall Christian Eriksen. Nicht nur sein Herz stand still, ein ganzes Stadion, ja die gesamte Fußballwelt hielt den Atem an. Für einen Mo­ment. Auch für mich war das ein Schock. Aber vor allem: ein Déjà-vu.

          Zurückgeholt ins Leben wurde ich damals von Ray Killick, unserem Physio beim englischen Traditionsverein Bradford Park Avenue. „He’s dead! He’s fucking dead“, waren damals seine Worte. Es war am Boxing Day 2002, dem zweiten Weihnachtsfeiertag. Ein kalter, windiger Dezembertag. Mit Bradford Park Avenue spielten wir damals gegen HarrogateTown in der Northern Premier League.

          Fußball-EM

          Nach etwa einer halben Stunde sprintete Clayton Donaldson nach einem Steilpass auf mein Tor zu, ich rannte aus meinem Kasten und war schneller am Ball, er wollte über mich springen, traf aber im Fallen mit seinem Knie meinen Brustkorb. Ein Schlag wie ein Blitz. Sofort blieb mir die Luft weg. Ich rappelte mich noch einmal auf, brach aber sofort wieder zusammen. Ein Knockout!

          „He’s dead! He’s fucking dead!“, immer wieder soll er das gerufen haben. So haben es mir meine Mitspieler später erzählt. Betreuer holten meine damalige Freundin auf den Platz, sie war gerade schwanger und sollte mich wohl noch ein letztes Mal sehen. Es gab damals noch keinen Defibrillator auf dem Platz, aber unser Physiotherapeut gab in England Erste-Hilfe-Kurse, und durch Mund-zu-Mund-Beatmung holte er mich zurück ins Leben. Als der Krankenwagen kam und die Ärzte mir unter anderem eine Sauerstoffmaske aufsetzten, stabilisierte sich mein Zustand. Trotzdem lag ich mehr als zwei Stunden im Koma.

          Schlag auf den Solarplexus

          So ein Schlag auf den Solarplexus führt oft zu einer Kettenreaktion. Bei mir waren beide Lungenflügel in sich zusammengefallen, und wenn die einmal platt sind, dann wird es brenzlig. Bei mir führte das zu einem Herzstillstand, ich hatte keinen Puls mehr.

          Genau wie Christian Eriksen am Samstag vor einer Woche. Ich habe die Partie im Studio des ZDF zusammen mit Peter Hyballa, Per Mertesacker und Christoph Kramer verfolgt – und die Bilder haben etwas mit mir gemacht. Für mich waren die Bilder seines Zusammenbruchs Stress pur. Weil sie mich an meinen Unfall vor fast 20 Jahren erinnert haben. Typischer Fall von Déjà-vu. Traumatisch.

          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel
          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel : Bild: Privat

          Als ich mit ansehen musste, wie Eriksen fiel, war mir schnell klar, dass da etwas Schlimmes passiert sein musste. Das war eine furchtbare Situation, die aber in der Folge – auch wenn das jetzt merkwürdig klingt – zeigte, wie schön und fair Fußball sein kann. Das, was die Dänen auf dem Platz getan haben, das macht sie für mich schon jetzt zum Eu­ro­pameister der Herzen. Und Simon Kjær ist das Gesicht dieses Turniers. Das, was ihm alles durch den Kopf gegangen sein muss, das mag ich mir gar nicht vorstellen.

          Seit Jahren ist er mit Eriksen befreundet, beide leben derzeit in Mailand, spielen für Inter und AC. Kjær stand als einer der Ersten bei sei­nem Freund, er hat aufgepasst, dass er sich nicht an der Zunge verschluckt, er hat ihn eigenhändig in die stabile Seitenlage gelegt, hat die Mitspieler aufgefordert, ei­ne Art Schutzwall um Eriksen herum aufzubauen und sich danach auch noch um dessen Freundin gekümmert. Kjær ist nicht nur ein guter Spieler, sondern vor allem ein besonderer Mensch und genau deshalb auch der Kapitän seiner Mannschaft. Und an diesem Abend war er wie ein großer Bruder.

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