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Kampf gegen Hooligans : Zwischen Hoffnung und Sorge

Nicht echt: Noch trainieren die Polizisten den Ernstfall nur Bild: REUTERS

Brutale Auseinandersetzungen haben den polnischen Fußball über Jahre geprägt. Vor der EM scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Die Behörden im Gastgeberland bleiben jedoch vorsichtig - und bauen auf deutsche Hilfe.

          3 Min.

          Wenn Dariusz Lapinski über die problematische Fanszene in Polen redet, dann verbreitet er Hoffnung. Er ist bei der staatlichen EM-Behörde zuständig für eines der wohl unangenehmsten Aufgabengebiete. Aber er weiß von ersten positiven Beispielen zu berichten, wie in Danzig, dem EM-Standort der deutschen Nationalmannschaft. Wo die Stadionkurve des Erstligaklubs Lechia Danzig eine Hochburg war von rechten Gewalttätern, die Anhängerschaft nun aber selbst dafür sorgt, dass die Tribüne frei davon ist.

          „Bei einem EM-Spiel der Deutschen in Polen könnte es zu Auseinandersetzungen rivalisierender deutscher und polnischer Hooligan-Gruppen kommen“ Bilderstrecke
          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber wird die EM wirklich sicher sein? Brutale Auseinandersetzungen, Gewaltausbrüche zwischen rivalisierenden Fangruppen der Klubs haben den polnischen Fußball über Jahre geprägt. Als im Mai 2011 das Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Posen im Hooligan-Chaos versank und es davor zu zwei Morden an Fans kam, beschuldigte Ministerpräsident Donald Tusk die Vereine und Fanorganisationen, sie hätten es zugelassen, dass sich auf den Tribünen „Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle“ unter die Zuschauer gemischt hätten.

          Aus Sicht Lapinskis hat sich die Situation verbessert, auch deshalb, weil er einige der Randalierer erreichen konnte. In allen vier polnischen EM-Austragungsorten hat er Freiwillige von ansässigen Fanklubs der Vereine rekrutieren können, sie in seine Arbeit intensiv eingebunden. Lapinski hält Kontakt zu einschlägig bekannten Rädelsführern und bemühte sich, dass sich an den verschiedenen Fußballstandorten in Polen überhaupt Fanprojekte bildeten.

          Viele Unsicherheiten

          Das hatte es zuvor gar nicht gegeben. Zugleich bekämpfe die Polizei die Hooligan-Szene sehr effektiv, die sich zum Teil schon in die Richtung der organisierten Kriminalität bewegt habe, sagt Lapinski. So sei es den Sicherheitsbehörden auch gelungen, 70 Prozent der verabredeten Wald-und-Wiesen-Kämpfe zwischen gegnerischen Hooligans frühzeitig zu verhindern.

          „Die EM sollte als Anfang und nicht als Ende dieser Entwicklung gesehen werden“, sagt Lapinski. Er glaubt auch deshalb nicht daran, dass es in den EM-Stadien zu Randale wie zuvor im Ligabetrieb kommen werde, weil der harte Kern der kriminellen Fanszene doch eher den Vereinsfußball mit seinen alten Rivalitäten als Tummelplatz der Gewalt sehe und die EM mit dem Eventpublikum meide. Ähnliches sagen Experten für die Ukraine voraus. Doch es bleiben viele Unsicherheiten.

          Nicht nur die polnischen Verhältnisse haben begründete Sorge ausgelöst. Auch gewaltbereite deutsche Gruppen werden bei fast jedem Turnier auffällig. In Deutschland soll es rund 15.000 gewaltbereite Fußballfans geben.

          Die massiven Probleme haben sich auch in der abgelaufenen Bundesligasaison gezeigt. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei (ZIS) geht aber davon aus, dass von dieser beträchtlichen Gruppe erfahrungsgemäß nur einige wenige hundert den Weg finden zur EM. „Wir werden mit unseren Teams Präsenz zeigen, die uns bekannten Gewalttäter direkt ansprechen und ihnen zu verstehen geben, dass sie erkannt sind“, sagt die Polizeioberrätin Katja Kruse, Delegationsleiterin der ZIS bei der EM.

          Keine Gefahr für friedliche Fans

          Sie betont, dass die Zusammenarbeit mit den Behörden der Gastgeberländer sehr gut funktioniere. „Wir wissen, dass es in Polen gut organisierte und gewalttätige Hooligan-Gruppen gibt. Dagegen sind sie in der Ukraine schlechter organisiert.“ Ein Team von insgesamt 30 szenekundigen Beamten schickt die ZIS zur EM.

          Neben der direkten Warnung an Problemfans und Meldeauflagen sind „Reiseuntersagungen“ für die deutsche Polizei das schärfste Mittel in der Bekämpfung von Hooligans. Einige Ausreiseverbote seien schon ausgesprochen worden, sagt Katja Kruse. „Aber die Gefahr von Angriffen auf friedliche Zuschauer sehen wir eigentlich nicht.“ Die Besucher aus Deutschland sind die reiselustigste Fangruppe aus den Gastländern.

          Jeweils mindestens 10.000 Anhänger der deutschen Nationalelf werden zum Beispiel bei den ersten drei Spielen in der Ukraine dabei sein. Etwa nur 6.000 Karten pro Partie erhält jeder Nationalverband, doch weil Holländer, Dänen und Portugiesen sich weniger interessiert zeigten, gelangten viele zusätzliche Tickets nach Deutschland. Auch die Engländer halten sich diesmal zurück. Nur die Iren und Russen sind ähnlich begeisterte Fußballtouristen wie die Deutschen.

          Die deutsche Koordinierungsstelle Fan-Projekte (Kos) wird die Anhänger fern der Heimat wieder intensiv betreuen und tauscht sich auch mit der ZIS aus. In den Spielorten des deutschen Teams gibt es sogenannte Fan-Botschaften, Anlaufstellen für die Anhänger, darüber hinaus wird rund um die Uhr über Internet und Telefon informiert. Der Leiter der Kos, Michael Gabriel, rechnet mit einem friedlichen Verlauf.

          „Die meisten Fans freuen sich auf die Spiele und wollen die Länder kennenlernen“, sagt er. Aber die Polizei ist dennoch vorsichtig in ihrer Beurteilung. „Bei einem EM-Spiel der Deutschen in Polen könnte es zu Auseinandersetzungen rivalisierender deutscher und polnischer Hooligan-Gruppen kommen“, sagt Katja Kruse von der Zis. Auch die hochgerüstete polnische Polizei bereitet sich auf dieses mögliche Szenario vor. Im Viertelfinale könnte es in Danzig oder Warschau ernst werden.

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