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Italiens Trainer Conte : Der Alchimist und seine Arbeiter

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Abgeklärt: Antonio Conte hat bei Juventus Turin die begrenzten Möglichkeiten nahezu optimal genutzt. Schafft er es nun mit Italien bei der EM? Bild: Reuters

Aus Mangel an Talenten muss sich Italien bei der EM auf das aggressive Charisma seines Trainers verlassen. Doch nicht jeder will der „kleine Soldat“ von Antonio Conte sein.

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          Antonio Cassano ist ein irreführender Name, wenn es um Italien bei dieser EM geht. An diesem Montag startet die Mannschaft gegen Belgien in das Turnier (21 Uhr / Live in der ARD und im EM-Ticker auf FAZ.NET) Der 33 Jahre alte Stürmer von Sampdoria Genua wird in Lyon nicht auf dem Platz stehen, er steht auch nicht im italienischen Aufgebot, es gab nicht einmal eine Diskussion um seine Berufung. Cassano und mit ihm der andere ehemalige Wunderstürmer Mario Balotelli sind schon länger kein Thema mehr für Italiens Nationalmannschaft, wenn man sich nicht an einen Satz erinnert, den Cassano vor etwa vier Jahren gesagt hat und der lautete: „Bei Juve wollen sie lauter kleine Soldaten, die geradeaus rennen.“

          Als Cassano das sagte, hatte Monate zuvor Antonio Conte als Trainer bei Juventus Turin übernommen. Und die Charakterisierung des bis dahin lange erfolglosen italienischen Rekordmeisters als Ansammlung phantasieloser Aufziehmännchen war nicht nur respektlos. Sie traf ins Mark und ist deshalb wieder aktuell, weil Conte nun italienischer Nationaltrainer ist und viele sein heutiges Team für einen Klon der damaligen Mannschaft halten. Perspektivisch gesehen, wäre das gar nicht schlecht, denn der unerbittliche Feldherr Conte führte Juventus damals nach einer langen Durststrecke zu drei Meisterschaften in Folge.

          Absolute Aufopferungsbereitschaft

          Andererseits ist der heutige Verzicht des Trainers auf Phantasie und Spielwitz im Nationalteam auch erzwungen. Andrea Pirlos Zeit als Spielmacher ist mit 37 Jahren abgelaufen, seine potentiellen Nachfolger Claudio Marchisio und Marco Verratti sind wegen Verletzungen in Frankreich nicht dabei. Stattdessen soll eine mit vergleichsweise wenig fußballerischem Talent gesegnete Mannschaft die klaren Vorstellungen ihres Trainers umsetzen, die lauten: absolute Aufopferungsbereitschaft, fußballerische Organisation bis ins letzte Detail und einen überbordenden Willen, um den Rückstand auf technisch überlegene Gegner wettzumachen.

          Das klingt eher platt, hat bei Juventus aber damals so gut funktioniert, dass Conte bereits seinen nächsten Vertrag in der Tasche hat. Nach der EM wird er als einer der am besten bezahlten Trainer der Welt den FC Chelsea übernehmen. Nachfolger von Conte wird nach der EM Giampiero Ventura. Er war zuletzt für die Mannschaft des FC Turin verantwortlich und ist 68 Jahre alt.


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          Weil Antonio Conte, der Mann aus Lecce in Apulien, bei seinen bisherigen Stationen immer sehr viel aus scheinbar wenigen Mitteln machte, holte ihn Italiens Fußballverband nach der missglückten WM vor zwei Jahren in Brasilien. „Alchimist“ nennt ihn die „Gazzetta dello Sport“ in Anspielung an seine Gabe, mittelmäßige Mannschaften zu außerordentlichen Leistungen anzutreiben. Das soll nun auch bei der EM gelingen. Italien tritt nach eigenem Selbstverständnis als eine Art Underdog an, der sich ganz auf die taktischen Anweisungen und Motivationskräfte seines Trainers verlässt. „Niemand erwartet diesmal Großartiges von uns“, sagt Kapitän Gianluigi Buffon, „das ist ungewohnt, aber gar nicht so schlecht.“

          Wenn man so will, hat die Mannschaft zwei Gesichter. Da ist die international bekannte Defensive um Torwart Buffon und die Verteidiger Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini, vor denen der Roma-Spieler Daniele De Rossi den Spielmacher geben könnte. Die Juventus-Abwehrformation, die in den vergangenen Jahren neben Atlético Madrid die wenigsten Gegentore im europäischen Vereinsfußball hinnehmen musste, hatte Conte sich im Jahr 2011 selbst gebastelt. Das vorsichtige, auf der Turiner Verteidigung aufbauende 3-5-2-System hat der Trainer deshalb auch als Grundformation für das EM-Turnier gewählt. Hohes Pressing und Ballbesitz sind das Rezept gegen spielschwache Gegner, technisch überlegene Teams wie Belgien dürften sich auch auf rasante Konter gefasst machen.

          Auf Tuchfühlung: Conte übt Fankontakt

          Die Spieler der Offensive sind international kaum bekannt, verkörpern aber die Bedingungslosigkeit ihres Trainers. „Grinta“, also Kampfgeist, sagt man dazu in Italien. Zu nennen wäre etwa der lange Zeit selbst in Italien unbekannte Stürmer Graziano Pellè vom FC Southampton, der eigentlich Profitänzer werden sollte, es aber mit eiserner Disziplin auch im Fußball bis nach ganz oben schaffte. Louis van Gaal holte Pellè 2007 zu AZ Alkmaar, Conte berief ihn 2014 erstmals in die Nationalmannschaft. Dort ist er mit gerade einmal fünf Treffern Contes erfolgreichster Stürmer. Kenner trösten sich mit der Gewissheit, dass Juventus Turin im ersten Jahr unter Conte mit vielen verschiedenen Spielern Tore erzielte. Mangels Alternativen kann sogar der bei Borussia Dortmund gescheiterte Ciro Immobile auf Einsätze hoffen.



          Italien verlässt sich diesmal auf das aggressive Charisma seines Trainers und auf eine Ansammlung bodenständiger Fußball-Arbeiter, deren Chance auch darin liegt, dass sie bei diesem Turnier angesichts der geringen Erwartungen aus der Heimat nichts verlieren können. Conte weiß aber natürlich, dass die Gegner dieses Understatement nur bis zu einem gewissen Grad für bare Münze nehmen. Der Trainer sagt: „Wenn so viele Gegner sich an unser System anpassen, dann sind wir offenbar doch ein ziemlich unangenehmes Team.“

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