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Italien steht im EM-Finale : „Das ist ein unglaublicher Traum“

Jorginho trifft im Elfmeterschießen und die italienische Party beginnt. Bild: EPA

In der Lotterie Elfmeterschießen ziehen die Italiener das große Los und stehen nach dem Sieg über Spanien im EM-Finale. Die Emotionen sind enorm, die Medien in der Heimat hin und weg.

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          Am Ende eines aufregenden Abends stand die Fußballwelt für einen Augenblick still. Als der Italiener Jorginho zum entscheidenden Elfmeter anlief, verzögerte der Spieler des FC Chelsea kurz, so wie er es immer bei seinen Schüssen vom Punkt im Strafraum zelebriert. Ein kleiner Moment, ein Hopser, ein Blick zum Torwart – und ein platzierter Schuss mit rechts ins rechte Eck. Danach brach im Londoner Wembleystadion ein italienischer Orkan los. Die Squadra Azzurra zog in der Fußballlotterie namens Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Spanien das große Los und steht im Endspiel am Sonntag.

          Fußball-EM
          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dort geht es gegen England oder Dänemark, die sich im zweiten Semifinale an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV), ebenfalls in London, gegenüberstehen. Dass die Italiener das Ticket buchten, ist nicht unbedingt eine Überraschung, schließlich sind sie für viele der Favorit auf den Titel nach einem beeindruckenden Turnier. Der Weg aber, den sie am Dienstagabend nahmen, war um einiges beschwerlicher, als sich das so mancher zuvor ausgemalt hatte. Denn die Spanier waren in 120 Minuten ein zäher wie geschickter Gegner.

          Ihr Trainer Luis Enrique hatte sich für den Abend in der britischen Metropole etwas einfallen lassen. Weder Alvaro Morata noch Gerard Moreno standen als wuchtige Spitze in der Startelf. Stattdessen bot der Coach den Leipziger Dani Olmo als spielerischen Angreifer auf, der überall zu finden war und seine technische Klasse immer wieder aufblitzen ließ. Olmo machte eine beeindruckende Partie. Und er entwischte den italienischen Haudegen um Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini im Abwehrzentrum oft. Anders als im Viertelfinale gegen Belgien, als sie sich am körperlich starken Romelu Lukaku abarbeiteten konnten, waren die Verteidiger etwas verloren.

          Es geht schlecht los für Italien

          Dass es am Ende dennoch eine italienische festa und keine spanische fiesta wurde, lag auch daran, dass die Iberer ihre Überlegenheit und Chancen nicht nutzen, anders als etwa im November beim 6:0 gegen Deutschland. Stattdessen malte Federico Chiesa mit seinem kunstvollen Schlenzer ins Tor ein grün-weiß-rotes Gemälde zur Führung (60. Minute). Erst danach stellte Trainer Luis Enrique zur wuchtigen Variante um. Morata und Moreno kamen, und Morata glich nach einem Doppelpass aus (80.). Danach passierte nichts mehr, zumindest nichts, das den Spielstand änderte. Und so brauchte es mal wieder ein Elfmeterschießen zur Entscheidung.

          Es ging schlecht los für Italien. Manuel Locatelli vergab gleich den ersten Versuch. Doch Olmo, der so sehr geglänzt hatte, machte es als erster spanischer Schütze kaum besser; er schoss den Ball über das Tor. Danach bewiesen die nächsten fünf Schützen mehr Klasse und bessere Nerven. Erst als Morata an der Reihe war, gab es wieder einen Fehlschuss. Der Stürmer, der bei Juventus Turin spielt, scheiterte an Torwart Gianluigi Donnarumma. Ein paar Kilometer weiter, beim Tennis in Wimbledon, hätte es nun Matchball geheißen. Und den nutzte Jorginho, nachdem die Fußballwelt einen Moment stillstand.

          Es folgte der ekstatische Jubel mit den vielen italienischen Fans unter den knapp 60.000 Zuschauern im Wembley-Stadion, die hinter dem Tor platziert waren, in das Jorginhos Ball rollte. „Elfmeterschießen ist immer eine Lotterie“, sagte Italiens Trainer Roberto Mancini, dem die enorme Erleichterung über den glücklichen Ausgang anzusehen war. „Kompliment an Spanien. Es war ein hartes Spiel, sie haben uns in Schwierigkeiten gebracht und wir haben gelitten.“ Nun haben die Italiener die Chance auf den ersten Titel seit dem WM-Triumph 2006 beim Turnier in Deutschland, als sie Frankreich in Berlin besiegten.

          Noch in der Nacht flog der Tross zurück ins Camp in der Heimat, um sich vorzubereiten fürs Finale. Zuvor gab es nachdenkliche Töne. Nicht vergessen ist die Schmach, als die Squadra Azzurra 2018 die WM in Russland ganz verpasste, weil sie in den Play-offs gegen Schweden scheiterte. „Nun fehlt noch ein Spiel“, sagte der erfahrene Mancini, der die Mannschaft gebaut hat. Torschütze Chiesa kündigte an, dass das Team daheim entspannt das zweite Halbfinale verfolgen werde – ohne einen Wunsch für den Gegner: „Wir müssen uns auf uns konzentrieren, das hat uns bis ins Finale gebracht“, sagte er.

          Trotz aller Gedanken an diesen letzten Schritt, der nun noch nötig ist, kamen die Emotionen nicht zu kurz. „Das war ohne Zweifel die schönste Nacht meiner Karriere. Ein unglaublicher Traum“, sagte Chiesa. Beim Jubeln und den Erinnerungsfotos auf dem Rasen war auch ein Trikot des verletzten Leonardo Spinazzola dabei, dem im Viertelfinale in München die Achillessehne riss. Er wurde bereits in Finnland operiert, fällt mehrere Monate aus – und ist zum Endspiel am Sonntag nach London eingeladen. Auch für ihn wollen die Italiener nun den Titel, und damit den Hauptpreis bei dieser EM, gewinnen.

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          Hin und weg waren Italiens Medien. „Italien, du bist im Finale! Spanien im Elfmeterschießen gebändigt, ein azurblaues Märchen ohne Ende. Die magischen Nächte gehen weiter“, schrieb die Gazzetta dello Sport, auch die Corriere dello Sport schwärmte: „Ein traumhaftes Italien ist im Finale. Spanien im Elfmeterschießen ausgeschaltet. Wir kehren nach Wembley zurück, der Traum geht weiter. Das Finale gehört uns, erobert im Elfmeterschießen, mit einer weiteren großen Heldentat, einem Spiel der Leiden und des Herzens.“ Und Tuttosport schrieb: „Im Finale! Italien eliminiert Spanien. Chiesa schleppt Mancini, Morata trifft und verrät dann Enrique.“

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