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Irlands Frankreich-Trauma : Das „Handtor“, das mit dem Kopf erzielt wurde

  • -Aktualisiert am

Die Tat: Thierry Henry nimmt den Ball mit der Hand mit Bild: Imago

Am Sonntag (15 Uhr) treffen Frankreich und Irland im EM-Achtelfinale aufeinander. Da werden böse Erinnerungen wach. Vor sieben Jahren raubte ein Handspiel Thierry Henrys den Iren die WM-Teilnahme.

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          „It was a handball, a handball“, schrie ein englischer Reporterkollege an jenem 18. November 2009 im Stade de France von Saint-Denis, als unten auf dem Rasen die komplette irische Mannschaft beim schwedischen Schiedsrichter Martin Hansson protestierte. Oben, dort wo die Journalisten in dieser riesigen Arena hockten, war auf den Fernsehschirmen längst in Zeitlupe zu sehen, was sich Thierry Henry, der französische Fußball-Weltmeister von 2006, in diesem Play-off-Rückspiel zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika geleistet hatte: ein eindeutig absichtliches Stoppen des Balls mit der Hand nach Maloudas Freistoß und einer anschließenden Vorlage auf Gallas, die der Innenverteidiger der Equipe de France per Kopf ins Netz wuchtete zum 1:1-Ausgleich in der Verlängerung (103. Minute).

          Es war der Treffer, den die Franzosen in ihrer Verzweiflung gebraucht hatten, um nach dem 1:0-Sieg in Dublin im Hinspiel das Führungstor von Robbie Keane (32.) im Rückspiel wettzumachen und damit die Reise zur WM zu gewinnen.

          Les Bleus, die sich das Ticket auf unlautere Weise gesichert hatten, leisteten an jenem kalten Mittwochabend all jenen einen ungewollten Extra-Service, die zuvor mit ihren Forderungen nach der Einführung des Videobeweises im Fußball auf taube Ohren gestoßen waren. Noch ist diese zweite Entscheidung des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) zugunsten des Vorrangs der Technologie nach den inzwischen wie selbstverständlich eingesetzten Torlinienkameras nicht von Amts wegen gefallen, aber sie scheint angesichts der auch in der Bundesliga bevorstehenden Erprobungsphase unaufhaltsam.

          Chance zur Revanche

          An diesem Sonntag bietet sich den Iren die Chance, sportlich Revanche zu nehmen an der Grande Nation. Die beiden Nationalteams stehen sich erstmals seit jenem in aller Welt als beschämend empfundenen Henry-Foul gegen die Fairness in Lyon gegenüber, dem Schauplatz des EM-Achtelfinales Frankreich gegen Irland. Die Iren aber wollen von dem, was sie damals womöglich daran hinderte, sich das Ticket ans Kap der guten Hoffnung zu sichern, offiziell nichts mehr wissen. Robbie Keane, der beste Stürmer, den Irland je hatte, ist auch diesmal wie vier Kameraden vor sechseinhalb Jahren und fünf Franzosen auf der anderen Seite wieder mit von der Partie.

          Einschlägig Neugierige beschied Keane mit der in diesen Fällen branchenüblichen Aufforderung: „Nächste Frage.“ Später sagte er etwas mehr. „Ich werde nicht eine Sekunde daran denken. Wie lange ist es her? Sieben Jahre? Es muss weitergehen.“ Von Revanchegelüsten bei den Iren war, wo man sich auch umhörte, nirgends die Rede. Trainer Martin O’Neill merkte aber zu Recht in Erinnerung an einen der schmutzigen Erfolge im Fußball an: „Es sorgt noch für einige Debatten, aber vielleicht mehr in Frankreich als in Irland. Wir haben beschlossen, das zu vergessen.“

          Nicht so die französische Sportzeitung „L’Equipe“, die, seit das Wiedersehen im EM-Achtelfinale 2016 unvermeidlich ist, seitenlang über das historische „Handtor“, das mit dem Kopf erzielt wurde, berichtet. Zu Wort kommen Zeitzeugen wie der Torschütze William Gallas, der trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Iren glaubt: „Sie haben es nicht vergessen. Das wird heiß.“

          Zynischer Unterton

          Den heute wie damals ansonsten untadeligen Sportsmann und Freund „Titi“ Henry nimmt Gallas in Schutz und lädt alle Schuld beim Unparteiischen ab. „Der Schiedsrichter hat das Handspiel nicht gesehen, das war alles. Es war, als ob ein Foulspiel im Strafraum nicht geahndet worden wäre.“ Ganz so nun auch nicht, war doch die Aktion Henrys allzu evident auf das Erschleichen eines Vorteils bedacht - nach einem bis dahin lausigen Spiel des Favoriten. Der Übeltäter jubelte damals hellauf begeistert über den rettenden Ausgleich und zeigte sich auch nach dem Abpfiff uneinsichtig. „Natürlich war es ein Handspiel“, sagte er, „aber ich bin nicht der Schiedsrichter.“

          Das klang dann fast so zynisch, wie der Internationale Fußball-Verband unter seinem damaligen Präsidenten Joseph Blatter in dieser Causa gehandelt hat. Die Fifa überwies, ein Zahlungsvorgang, der erst sechs Jahre später herauskam, dem irischen Fußball-Verband fünf Millionen Dollar, auf dass sich die Iren nicht als 33. Mannschaft in die WM einklagten. Irland akzeptierte, was auch merkwürdig genug anmutet. Mit dem Schweige- und Schmerzensgeld wurde der Anspruch auf sportliche Wiedergutmachung aufgegeben. Auch das ein Fauxpas in einer verhängnisvollen Affäre.

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