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Iren und Nordiren bei der EM : Vereinigtes Jubelreich

Die verrücktesten Fans der EM: Die Iren sind Rekordeuropameister im Fansgesang Bild: WITTERS

Die Fans aus Irland und Nordirland singen wie keine anderen, beulen Autos aus und verbreiten gute Laune. Die Spiele gegen Wales beziehungsweise Frankreich sind fast Nebensache.

          3 Min.

          Neben dem Kampf um den EM-Pokal erlebt Frankreich derzeit einen weiteren großen Wettstreit. Darin haben zwei Länder die Nase vorn, findet die Sportzeitung „L’Équipe“: „Sie haben die Konkurrenten deutlich abgehängt und liefern sich ein begeisterndes Duell um den Sieg.“ Bereits an diesem Wochenende könnte das Finale der beiden stattfinden, auch wenn sie gar nicht aufeinandertreffen. Nordirland ist im Achtelfinale gegen Wales an diesem Samstag (18 Uhr/ live in ARD und F.A.Z.-Liveticker) ebenso Außenseiter wie Irland am Sonntag gegen Frankreich (15 Uhr/ live in ZDF und F.A.Z.-Liveticker). Ihr eigentlicher Wettkampf ist ein Fernduell: darum, wer die besten Fans der EM hat.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der Zwischenstand: Die Iren haben die größeren Späße auf Lager, die Nordiren liegen dafür gesanglich vorn - dank „Will Grigg’s on Fire“, einem textlich aktualisierten Pop-Song aus den neunziger Jahren. Die neue Version feiert einen nicht eingesetzten Ersatzstürmer, der durch den Ohrwurm zum heimlichen Star der EM geworden ist. Auch bei der 0:1-Niederlage gegen Deutschland, die den Nordiren zum Erreichen der K.-o.-Runde reichte, sangen und tanzten Zehntausende das Lied fast während der gesamten neunzig Minuten.

          Rekord-Europameister in Sachen Gesang

          Die Vettern aus dem Süden der Insel waren bei der letzten EM in Polen durch ihren ergreifenden Vortrag des traurigen Volksliedes „Fields of Athenry“ zum Ereignis des Turniers geworden. Sie sind Rekord-Europameister in Sachen Gesang, siebenmal gewann Irland den „European Song Contest“. Auch in Frankreich sind sie unüberhörbar, etwa, als sie die schwedischen Fans beim 1:1 im Auftaktspiel im tausendfachen Chor aufforderten, besser heimzukehren zu ihren hübschen Frauen: „Go home to your sexy wives!“ Später grölten die Fans beider Teams vor dem Stadion gemeinsam den Abba-Song „Dancing Queen“.

          Mehr aber machen die Iren diesmal durch ihren stets freundlichen, zupackenden Humor Furore und durch allerlei gutgelaunte Späße, die sich in Windeseile im Internet verbreiten. Die wackligen, lustigen Kurz-Clips, wie geschaffen für den Bedarf der sozialen Medien, wurden die Welterfolge der Woche. In einem der Filmchen beulen Iren ein Autodach, das in Lille im Gedrängel versehentlich beschädigt wurde, wieder aus, wobei einige zur Entschädigung noch Geldscheine durch die Fensterritzen schieben und alle gemeinsam singen: „Fix the car for the boys in green“, repariert das Auto für die Jungs in Grün.

          Andere wechseln am Montmartre in Paris einem liegengebliebenen Rentner-Ehepaar den defekten Reifen. Ein Grüppchen Iren bringt in einem Zug einer Nonne ein frommes Ständchen. Eine deutlich größere schmettert, weniger fromm, einer hübschen Französin den Gassenhauer „Can’t take my eyes of you“ entgegen - was zumindest einem von ihnen einen Wangenkuss einbringt. In einer Straßenbahn in Bordeaux werden die lauten Iren plötzlich ganz still, als sie ein müdes Baby auf dem Arm seines Vaters sehen - und stimmen leise ein Wiegenlied an. Und sogar ihren eigenen Müll räumen sie fort, in einer spontanen Kollektivaktion, natürlich singend: „Clean up for the boys in green“, räumt auf für die Jungs in Grün.

          „Wenn wir reisen, dann haben wir Spaß“

          Nachdem der Auftakt der EM von Gewaltszenen zwischen englischen und russischen Fans überschattet war, tun die Iren, ob aus Süd oder Nord, was sie bisher noch bei jedem Turnier taten, an dem sie teilnahmen: Sie zaubern ein Lächeln ins Gesicht des Fußballs. Frankreich zeigt sich begeistert. Der Bürgermeister von Bordeaux lobte das Verhalten der Iren in den höchsten Tönen. „L’Équipe“ zitiert die Wirtin eines Bistros nahe des Moulin-Rouge, die Hunderte von Iren und Nordiren zu Gast hatte: „In Paris ist die Stimmung seit den Anschlägen vom 13. November etwas gedämpft. Es tut uns sehr gut, diese Leute so voller Freude zu erleben.“

          Held ohne Einsatz: Die Nordiren besingen Will Grigg in Endlosschleife

          Richard Tuohy wurde bei der EM 2012 mit seinen Freunden zu einem kleinen Star, als das im Stadion hochgehaltene Transparent „Angela Merkel thinks, we’re at work“ (Angela Merkel denkt, wir sind arbeiten) in Anspielung auf die damalige Wirtschaftskrise im Land ein globaler Lacherfolg wurde. Dem Iren brachte es sogar eine Einladung des deutschen Botschafters in Dublin ein. „Für uns spielt das Geschehen auf dem Platz eine eher untergeordnete Rolle“, erklärte er im Interview mit dem Fußballmagazin „11 Freunde“ vor der EM die Besonderheit der irischen Fans. „Wenn wir reisen, dann haben wir Spaß.“ Er vermutet, „dass viele andere Länder gerne mit Irland in einer Gruppe spielen würden, um an dieser besonderen Stimmung teilzuhaben.“

          Die schwedischen Fans konnten das bei einem spontanen Fußballspiel mit den irischen Fans vor dem Stade de France nach der Partie der beiden Nationalteams erleben. Ebenso wie die italienischen, als zu ihrer Überraschung Tausende Iren im Stadion von Lille auch ihre Hymne, „Italia, Italia!“, aus vollem Hals mitsangen. Und die eigenen Landsleute aus dem Norden des geteilten Landes spürten die Verbundenheit, als die Iren dem in Nizza tödlich verunglückten 24-jährigen Nordiren Darren Rodgers in der 24. Minute ihres Spiels gegen Schweden das Lied „Stand up for the Ulsterman“ (Steht auf für den Mann aus Ulster) widmeten.

          Geballter Frohsinn: Die nordirischen Fans im Spiel gegen Deutschland

          Leider könnten Iren und Nordiren, die besten und bestgelaunten Fans der EM, die einzigen Fans, die selbst Fans haben, erst im Halbfinale aufeinandertreffen - um sich zu einer Darbietung guter Stimmung, großartiger Gesänge und grüner Trikots zu vereinen, wie es sie in der EM-Geschichte noch nie gab. Aber wenn es darum geht, eine gute Atmosphäre zu verbreiten, so gilt schon jetzt, was „L’Équipe“ beobachtet hat: Dann „ist Irland vereinigt“.

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