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Im Gespräch: Witali Klitschko : „Das ukrainische Volk hat gewonnen“

  • Aktualisiert am

„Die Machthaber profitieren vom System der Korruption“: Witali Klitschko Bild: Hartmut Scherzer

Box-Weltmeister Witali Klitschko sieht durch die EM das Regime von Präsident Janukowitsch geschwächt - auch wenn sich an den politischen Verhältnissen nichts geändert hat.

          5 Min.

          Was hat die Europameisterschaft der Ukraine gebracht? Schulden oder Fortschritt und Ruhm?

          Beides, Negatives und Positives. Ich habe die WM 2006 in Hamburg intensiv miterlebt, ich weiß, was sie in Deutschland ausgelöst hat, die Begeisterung und Solidarisierung. Ich lebte seit 1996 dort, aber vor der WM hatte wegen der Vergangenheit niemand zu wagen gesagt: Ich bin stolz, Deutscher zu sein. Vielleicht täusche ich mich, aber mir kam es so vor, dass bis zur WM immer noch der Schatten des Zweiten Weltkrieges über Deutschland gelegen hat, dann nicht mehr. In der Ukraine hat die EM Ähnliches bewirkt. Die Atmosphäre, die Laune sind besser geworden, die Leute sind stolz, so ein Turnier ausgerichtet zu haben. Auch die Infrastruktur hat sich verbessert.

          Hat sich auch das politische Klima durch die EM verbessert?

          Nein, es findet immer noch keine Diskussion zwischen Macht und Opposition statt. Die Opposition kann nicht ihrer Aufgabe nachkommen, ihr wird stattdessen der Prozess gemacht, oder sie sitzt schon im Gefängnis. Es gibt hier keinen Sinn für Demokratie. Dafür ist die Ukraine eines der korruptesten Länder der Welt. Durch die EM sind die vielen negativen Dinge in unserem Land in der ausländischen Presse thematisiert worden, was auch in der Ukraine ankam und politische Unruhe auslöste. Ich glaube, dass diese Unruhe auch nicht aufhört, wenn die Euro vorüber ist. Über 50 Prozent der Wähler sind in Protestlaune, die Parlamentswahlen finden Ende Oktober statt. Vielleicht gibt es einen langfristigen Effekt.

          Das Kiewer Stadion kostete fast 600 Millionen Euro, die Münchner Arena 340 Millionen Euro. Unverblümt wird von Korruption gesprochen. Wieso löst so ein Skandal nicht ganz spontan eine Regierungskrise aus? Können sich Janukowitsch und seine Partei alles leisten?

          Weil es so ist, bin ich Politiker geworden. Das war nie mein Ziel. Ich kenne die westlichen Standards der Demokratie, der Justiz und der Gesellschaft. In der Ukraine gibt es das alles nicht. Bei uns setzen sich die Politiker vor die Fernsehkameras und fordern zum Krieg gegen die Korruption auf. Dann setzen sie sich in ihren Maybach oder Porsche, den sie sich von ihren 1000 Euro Monatsgehalt gekauft haben, und fahren in ihre Villa für mehrere Millionen Euro. Alle wissen, dass das mit Schwarzgeld bezahlt wurde, aber keiner tut etwas dagegen. Man könnte genauso gut von Bienen verlangen, gegen Honig zu sein. Die Politiker leben von der Korruption.

          Und das Volk hat nicht mehr die Kraft wie bei der orange Revolution, dagegen aufzubegehren?

          Es gibt diese Protestlaune, aber große Teile der Gesellschaft sind immer noch enttäuscht von der orange Revolution, die sie mit großem Idealismus und großen Emotionen unterstützt haben. Als sie an die Macht kamen, haben sich die Führer der orange Revolution als fast noch schlimmer erwiesen als die Vorgänger.

          Wer hat bei der EM gewonnen? Das Regime Janukowitsch oder die Opposition?

          Das ukrainische Volk hat gewonnen, weil die ausländischen Gäste erlebt haben, wie schön das Land ist, welches Potential es hat. Und sie haben den größten Wert der Ukraine erlebt: die Menschen. Das Interesse Europas an der Ukraine wird bleiben. Auch das Interesse an den Missständen. All die scharfen Themen werden aktuell bleiben. Vor der EM hatte Janukowitsch ein gutes Gesicht, trotz des bösen Spiels, das er trieb. Das ist jetzt vorbei.

          Hat Ihr öffentlicher Protest gegen die Inhaftierung der ehemaligen Präsidentin Julija Timoschenko etwas bewirkt?

          Nein. Solange Janukowitsch an der Macht bleibt, wird sie in Haft bleiben. Ich denke, das ist nicht nur politisch, sondern auch persönlich.

          Ist das die politische Kultur in der Ukraine? Würden Sie Janukowitsch ins Gefängnis werfen, wenn Sie an die Macht kommen?

          Das ist doch unser Problem. Wir haben Gesetze, aber sie werden von den Machthabern außer Funktion gesetzt. Wir können erst von einem Rechtsstaat sprechen, wenn die Richter unabhängig sind und Gewaltenteilung herrscht. Jeder Ukrainer kennt den Spruch: Geld regiert die Welt. Du kannst bei uns jeden Richter und jeden Beamten kaufen, weil sie nicht unabhängig sind, sondern von der Politik eingesetzt.

          Und wie wollen Sie dieses System durchbrechen?

          Lustration. Ich werde nicht die Justiz missbrauchen wie Janukowitsch. Ich werde alle rauswerfen, die sich etwas zuschulden haben kommen lassen. Ich habe mit dem georgischen Präsidenten Saakaschwili gesprochen, er hat es geschafft.

          Wieso haben Sie die EM nicht für sich politisch genutzt? Sie waren nicht wie Angela Merkel in der Umkleide der Nationalmannschaft?

          Meiner Meinung nach ist es nicht fair, den Sport für sein Image auszunutzen. Ich bin Fan der Ukraine und habe auch den Deutschen die Daumen gedrückt. Aber auf deren Kosten möchte ich nicht meine politische Fahne schwenken. Wenn ich das getan hätte, würden mich die Ukrainer nicht ernst nehmen. Es ist zu früh zu sagen, welche Wirkung die EM auf die Ukraine haben wird. Das Land hat sich geändert, ganz sicher, wie stark, werden wir in ein paar Monaten sehen.

          Viele Menschen haben Vorbehalte gegen den Politiker Witali Klitschko. Der Vorwurf: Klitschko war im Kiewer Stadtparlament, hat aber nur große Worte geschwungen, keine Taten vollbracht. Was sagen Sie dazu?

          Viele erwarten von mir als Politiker schnelle Ergebnisse, so wie als Boxer K.-o.-Siege. Aber auch im Sport kann man nicht von heute auf morgen gute Ergebnisse erzielen. Viele haben vergessen, wie lange ich brauchte, um dort zu stehen, wo ich jetzt bin. Man muss Erfahrung sammeln. Auf eines bin ich nach fünf Jahren stolz: Die Ukrainer glauben, alle Politiker seien Verbrecher und Lügner, aber keiner kann das von Witali Klitschko behaupten. Als ich im Kiewer Stadtparlament war, habe ich nicht einmal gelogen oder irgendwie nur einen krummen Weg beschritten. Ich habe gekämpft, aber gegen ein System zu kämpfen ist schwer. Dazu braucht es eine kritische Masse. Unsere Unterstützung wächst. Ich habe langfristige Pläne. Mein Plan ist es, die Ukraine zu verändern.

          Als Präsident?

          Nein, Präsident ist nicht unbedingt mein Ziel. Ich will westliche Standards für die Ukraine, über 60 Prozent der Bevölkerung wollen das. Aber die Machthaber wollen ihre Privilegien behalten. Sie profitieren vom System der Korruption. Für sie ist Politik reines Geschäft.

          Sie sind unabhängig, aber können Sie für Ihre Parteifunktionäre die Hand ins Feuer legen? Die Gefahr ist doch, dass die Ukrainer von Ihrer Partei UDAR genauso enttäuscht werden wie von der orange Revolution.

          Noch sind wir in der Opposition, aber langfristig sehe ich die Gefahr auch. Deshalb legen wir strenge Kriterien beim Erwerb der Mitgliedschaft an. Interessierte werden nur aufgenommen, wenn sie eine persönliche schriftliche Empfehlung von einem eingetragenen Mitglied vorweisen. Zudem müssen sie eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, sich unserem moralischen Kodex zu unterwerfen. Dann müssen sie auch einen beruflichen Hintergrund haben. Wir haben ein Sprichwort. Willst du in die Zukunft schauen, sieh dir die Vergangenheit an. Wir überprüfen jedes Mitglied, welche Vorgeschichte es hat.

          Bei diesen Ansprüchen wird Ihre Partei wohl gerade mal drei Mitglieder haben.

          Wir haben 12.000. Keine große Quantität, aber eine große Qualität.

          Ihr Bruder ist nicht dabei, haben wir gehört.

          Doch, er unterstützt mich sehr, aber er ist kein Parteimitglied. Ich möchte kein Familienbusiness machen, das tun so viele andere Politiker. Sie versorgen ihre ganze Familie mit Posten und Honoraren. Sie selbst sagen: Schaut her, ich bin arm wie eine Kirchenmaus, und ihre Familie fährt dicke Autos und lebt in riesigen Villen.

          Profiboxen ist auch nicht das sauberste Geschäft. Welche Erfahrungen haben Sie mit Korruption im Profiboxen gemacht?

          Wo viel Geld fließt, ist die Versuchung groß. Wir haben das auch gemerkt. Deshalb haben Wladimir und ich unsere eigene Promotionfirma gegründet. Wir kontrollieren alles selbst, wir sind unabhängig von allen Promotern. Keiner kann sagen, die Klitschkos sind im Sport korrupt. Wir geben ein Beispiel, wie es gehen kann.

          Ihrem politischen Engagement: Wie lange können Sie noch boxen?

          Boxen wird immer in meinem Herzen bleiben, aber ich bin 40, nicht mehr der Jüngste. Der Körper spielt zwar noch mit. Aber ich werde sehr bald aufhören. Wenn es soweit ist, werde ich das auf einer Pressekonferenz bekanntgeben.

          Das Gespräch führte Peter Heß.

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