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Gruppengegner Portugal : In der Schmollphase

  • -Aktualisiert am

In der Kritik: Portugals Trainer Paolo Bento und sein Starspieler Cristiano Ronaldo Bild: dpa

Die EM-Euphorie gleicht in Portugal einer in die Jahre gekommenen Liebesbeziehung. Der kühle Trainer Paulo Bento und sein veraltetes Spielsystem tragen dazu einen großen Teil bei.

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          Zu Beginn der Europameisterschaft ist von Fußball-Fieber in Portugal wenig zu spüren. An den Fenstern und Balkonen der Hauptstadt flattert nur hier und da eine Nationalfahne. Autofahrer verzichten ganz auf patriotische Symbole an ihren Fahrzeugen. Nur ein paar Kneipenbesitzer haben ihre Lokale mit den grün-roten Farben geschmückt in der Hoffnung, die Fernsehübertragung der EM aus dem fernen Osteuropa werde das in der Wirtschaftskrise eingebrochene Konsumverhalten wieder auf ein Normalniveau heben.

          Ein portugiesischer Sportkommentator hat die Beziehung der Portugiesen zu ihrer Nationalmannschaft treffend mit einer in die Jahre gekommenen Liebesbeziehung verglichen, in der Entfremdung und Streit zum Alltag gehören. Nach einer enttäuschenden Vorbereitungsphase und der 1:3-Niederlage im letzten Testspiel gegen die Türkei vor voll besetzten Rängen im Luz-Stadion in Lissabon hagelte es aus allen Reihen der Gesellschaft vernichtende Kritik, die schon fast an eine Selbstzerfleischung erinnerte. Zurzeit scheint es, als befänden sich Volk und Selecção in einer abwartenden Schmollphase, wobei klar ist, dass das Team um Paulo Bento im Vorrundenspiel gegen Deutschland den ersten Schritt zu einer Versöhnung machen muss.

          Nur nicht zu viel erwarten

          Das fehlende EM-Fieber in Portugal hat mehrere Gründe und liegt auch an dem Gemüt von Paulo Bento. Während der Brasilianer Felipe Scolari während seiner fünfjährigen Amtszeit als Nationaltrainer (2003 bis 2008) vor jedem großen Turnier die Portugiesen kämpferisch an ihre patriotischen Pflichten erinnerte, liegen Bento derartige Appelle fern. Der 42 Jahre alte Coach ließ nur einen einzigen großen Gefühlsausbruch in der Öffentlichkeit zu: Als er vor acht Jahren vor laufenden Kameras sein Karriereende als Profispieler verkündete, heulte der ehemalige Mittelfeldakteur wie ein Schlosshund.

          4-3-3: Die portugisische Mannschaft kennt nur ein System
          4-3-3: Die portugisische Mannschaft kennt nur ein System : Bild: dpa

          Bento tritt aber auch deshalb so kühl und berechnend auf, weil er die Schwächen seines Teams wohl am besten kennt und die Erwartungshaltung der Portugiesen nicht unnötig anheizen will. Am eigenen Leib erfuhr Bento als Nationalspieler, wie die öffentliche Meinung in Portugal vor der WM 2002 zu einem Meer der Emotionen heranwuchs und der Titelgewinn nur eine Formsache zu sein schien - die Selecção schied jedoch in der Vorrunde aus und wurde zu Hause böse beschimpft.

          Bento, der Feuerwehrmann

          Bento verstand seine Rolle als Nationaltrainer von Beginn an als Feuerwehrmann. Nach einem katastrophalen Start in die EM-Qualifikation vor zwei Jahren war Vorgänger Carlos Queiroz entlassen worden. Erst als sich José Mourinho und Real Madrid dagegen aussprachen, dass der portugiesische Erfolgstrainer das Madrider Starensemble und die portugiesische Nationalmannschaft gleichzeitig übernehmen würde, folgte der Anruf bei dem damals arbeitslosen Bento.

          Plan B: Bento (Foto) wurde nur Nationaltrainer, weil Mourinho absagte
          Plan B: Bento (Foto) wurde nur Nationaltrainer, weil Mourinho absagte : Bild: dapd

          Ein großes Defizit der Selecção konnte Bento nicht beseitigen. Portugal ist zu sehr an das 4-3-3-Spielsystem gebunden und verfügt über keine alternative taktische Aufstellung. Von der Stärke portugiesischer Außenstürmer muss weltweit niemand mehr überzeugt werden, obwohl Nani (Manchester United), der rechtzeitig zum Deutschland-Spiel von seiner Fußverletzung genesen ist, vor der EM noch einmal verkündete, Portugal habe die besten Flügelflitzer der Welt. Kurioserweise hat sich Bento jahrelang als Trainer bei Sporting Lissabon gegen dieses urportugiesische Spielsystem gewehrt. Unter seiner Riege lernten die Nationalspieler Nani, João Moutinho, Miguel Veloso, Custódio, Rui Patrício und Hélder Postiga die Spielabläufe und taktische Schulung eines 4-4-2-Systems.

          Ronaldo, der unangefochtene Anführer

          Dass Bento es nicht geschafft hat, seine eigenen Vorstellungen auf die Selecção zu übertragen, liegt vor allem am Status von Cristiano Ronaldo. Ronaldo hatte zwar unter Carlos Queiroz sporadisch als Mittelstürmer gespielt, sich aber nur sehr widerwillig das ungewohnte Konzept aufdrängen lassen. Mit seinen 90 Länderspielen ist der 27 Jahre alte Ausnahmespieler von Real Madrid der unangefochtene Anführer in der portugiesischen Nationalmannschaft. Der einzige aktive Spieler, der aufgrund seiner internationalen Erfahrung und seines Charakters Führungsansprüche auf dem Feld übernehmen könnte, ist zur EM gar nicht erst eingeladen worden: Der Innenverteidiger Ricardo Carvalho (Real Madrid) spielt nach einem heftigen Streit mit Bento im September des vergangenen Jahres in der Selecção keine Rolle mehr.

          Anführer von einst: Carvalho (im Foto rechts bei der WM 2006) darf nach einem Streit mit dem Trainer unter Bento nicht mehr für sein Heimatland auflaufen
          Anführer von einst: Carvalho (im Foto rechts bei der WM 2006) darf nach einem Streit mit dem Trainer unter Bento nicht mehr für sein Heimatland auflaufen : Bild: REUTERS

          Die Abhängigkeit der Portugiesen von ihrem Stürmerstar zeigt sich insbesondere, wenn die Mannschaft einen Rückstand aufholen muss. Ronaldo ist trotz seiner enormen Erfahrung im Kreise der Nationalmannschaft kein Spieler, der seine Kollegen zu einer Wende antreiben kann. Die Statistik gibt diesem Eindruck recht: In Ronaldos Ära schaffte es die Selecção nur ein einziges Mal, gegen einen qualitativ starken Gegner einen Rückstand aufzuholen: Vor acht Jahren bei der EM 2004 im eigenen Land gewann Portugal das Viertelfinale gegen England trotz eines frühen Rückstandes noch im Elfmeterschießen.

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