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Granit Xhaka : Das Herz der Schweiz

  • -Aktualisiert am

Plötzlich blond: Granit Xhaka tritt bei der EM mit neuer Frisur an. Bild: EPA

Granit Xhaka ist eine Führungspersönlichkeit in der EM-Mannschaft der Schweiz. Doch besitzt er auch die Neigung, Unruhe zu erzeugen. Einen berühmten Fan hat er trotzdem.

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          Wenn Yann Sommer von seinen Mitspielern aus der Schweizer Nationalmannschaft spricht, verwendet er immer wieder ähnliche Formulierungen. Manuel Akanji von Borussia Dortmund habe es „nicht immer leicht gehabt“, erzählt der Torhüter, der an diesem Mittwoch bei der EM mit seinen Eidgenossen in Rom gegen Italien (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) spielt.

          Fußball-EM

          Gleiches treffe auf den Gladbacher Breel Embolo zu, der jahrelang von Verletzungen geplagt war und im Winter in die Schlagzeilen geriet, weil er an einer Party teilgenommen haben soll, die aufgrund der Corona-Beschränkungen illegal war. Auch Granit Xhaka habe „nicht immer eine einfache Zeit“ gehabt, sagt Sommer, der in diesem Moment klingt, als sei er der Pädagoge einer WG voller Jungs mit schwerer Kindheit. Xhaka sorgte erst vorige Woche mit einer neuen Eskapade für Schlagzeilen.

          Viele Schweizer hoben verwundert die Augenbrauen, als die Geschichte von Xhakas Besuch in einem Tattoo-Studio zwischen Trainingslager und EM-Abreise bekannt wurde. „Es war ein Fehler, was Granit gemacht hat“, sagte Pierluigi Tami, der Direktor der Nationalmannschaft, daraufhin, schließlich birgt so eine Aktion die Gefahr einer Ansteckung mit dem Corona-Virus, die das gesamte EM-Projekt ins Chaos gestürzt hätte. Inzwischen ist die Haut verheilt, alles ist gutgegangen.

          Wieder einmal war klargeworden, dass Xhaka nicht nur ein großartiger Fußballer ist, sondern auch ein Typ mit ausgeprägter Neigung, Kontroversen auszulösen. Dennoch – oder vielleicht sogar gerade deshalb – ist er der Kapitän der Schweiz, der wohl beste Fußballer in der „Nati“, wie das Team genannt wird. Einer, der immer auf der Kante zwischen dem Wunsch, sich nicht verbiegen zu lassen, und der Gefahr, seinem Team zu schaden, balanciert.

          Die Pose mit dem Doppeladler

          Unvergessen ist sein Jubel bei der WM 2018 im Spiel gegen Serbien, als Xhaka und andere Spieler mit ihren Händen einen Doppeladler formten, der die Flagge von Kosovo-Albanien ziert. Aus diesem Teil des ehemaligen Jugoslawiens stammt seine Familie. Serbien, der Gegner von damals, will das Kosovo nicht als eigenständige Nation anerkennen. Das Handzeichen war eine Provokation. Die Pose löste in der Schweiz heftige gesellschaftspolitische Diskussionen aus, mit denen viele Spieler im Team nichts zu tun haben wollten. Bis heute ist unklar, ob das blutleere 0:1 im folgenden Achtelfinale gegen die Schweden ein Resultat dieser Vorgänge war.

          Fußball-EM

          In jedem Fall waren die Schweizer zum dritten Mal nacheinander bei einem großen Turnier knapp in der Runde der besten 16 Teams ausgeschieden, wie schon bei der WM 2014 und bei der EM 2016. Jetzt will diese goldene Generation um Xhaka endlich über sich hinauswachsen. „Wir wollen Geschichte schreiben“, sagt Xhaka.

          Dazu muss er mit sportlichen Taten für Aufsehen sorgen und nicht mit seiner Neigung, Unruhe zu produzieren. In den Jahren bei Borussia Mönchengladbach eckte er regelmäßig an, genau wie in England, wo er für den FC Arsenal spielt. Er flog zunächst viel zu oft vom Platz, einmal beleidigte er Fans und musste sich entschuldigen. Im vergangenen Dezember wurde er nach einem Griff an die Kehle von Ashley Westwood vom FC Burnley gesperrt, und in den sozialen Medien werden er und seine Familie oft bösartig beschimpft.

          In Rom und Baku gegen das Publikum

          Solche Momente meint Sommer, wenn er über Xhakas schwere Zeiten spricht, aber: „Granit ist dadurch gewachsen“, glaubt der Torhüter, der den Kollegen als „Herzstück“ des Schweizer Teams bezeichnet. Er sei „sehr froh, dass Granit diese persönliche Entwicklung so gemacht hat“, sagt Sommer, und Xhaka selbst erklärt: „Wir haben enorme Qualitäten und viel Erfahrung. Unsere Erwartungen sind hoch.“ Seit dem 1:1 im Auftaktspiel gegen Wales steht die stark besetzte Mannschaft jedoch wieder unter dem Verdacht, ihre Potenziale nicht auszuschöpfen.

          Xhaka und seine Kollegen spielten zwar über weite Strecken ordentlich, aber zum Sieg fehlten eine größere Konsequenz im Torabschluss und die Fähigkeit, druckvolle Phasen des Gegners ohne Gegentor zu überstehen. Skeptisch, wie die Schweizer oft sind, wird nun bereits vor einem drohenden Vorrunden-Aus gewarnt, weil gegen Italien in Rom und anschließend in Baku gegen die Türkei zwei Spiele vor einem eher feindlich gesinnten Publikum anstehen.

          Den Menschen in Italiens Hauptstadt wird Xhaka allerdings etwas ganz Besonderes bieten wollen. Angeblich ist ein Wechsel des Mittelfeldspielers vom FC Arsenal zur AS Rom fest verabredet, der Corriere dello Sport berichtet bereits über Details wie das Gehalt und die Vertragslaufzeit. Ein solcher Transfer wäre auch eine Flucht aus England, wo Xhaka zwar gute Momente hatte und zuletzt eine sehr solide Saison spielte, wo er aber nie richtig warm wurde mit den Fans.

          Roms Trainer José Mourinho ist hingegen ein Fan des Schweizers. Er bezeichnete ihn einmal als „wichtigsten Mann im Mittelfeld des FC Arsenal“. In Kenntnis der vielen Xhaka-Skeptiker fügte er hinzu: „Ihr könnt das nicht sehen, es sei denn, ich leihe euch eines meiner Augen. Ohne ihn ist Arsenal verloren, er ist ein Anführer.“ Bei der EM erwarten die Schweizer nun, dass nicht nur Menschen mit Mourinho-Blick Xhakas Fähigkeiten zu sehen bekommen, sondern das gesamte Turnierpublikum.

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