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Fußball-Hymnen : Von trauernden Witwen und marschierenden Soldaten

Die Stimme der EM 2016: Zara Larsson singt zu David Guettas DJ-Klängen „This one’s for you“ Bild: dpa

Große Gesänge untermalen große Meisterschaften, auf den Tribünen findet ein Song-Contest für Fußballfans statt. Doch manche Stadion-Hits haben mit Fußball gar nichts zu tun.

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          Es ist die Zeit vor dem ganz großen Boom. Fußball gehört noch nicht zwingend zur Popkultur. Menschen, die zum Fußball gehen und sich damit auskennen, unterscheiden noch zwischen wichtigen und unwichtigen, guten und schlechten Spielen. An der EM 1996 in England nehmen erstmals 16 Team teil, und obwohl der „Fußball nach Hause kommt“, sind die Stadien keineswegs bei jeder Partie ausverkauft. 

          Musikalisch bietet diese EM für deutsche Ohren etwas Neues. Die Hymne der englischen Mannschaft ist Pop, nicht Schlager. Sie stammt von einer populären Britpop-Band, den „Lightning Seeds“, den Text schreiben die Komiker David Baddiel und Frank Skinner. Ihr Song bricht mit den klassischen Erwartungen: es geht nicht nur um glorreiche Siege, sondern vor allem um das immer wiederkehrende Scheitern der Engländer. Zugleich bietet “Three Lions“, wie der Song angelehnt an die drei Leoparden im Wappen des englischen Teams heißt, eine perfekte Zeile zum Mitgrölen: „Football's Coming Home“.

          „Wir schaffen es gemeinsam“ als Leitmotiv

          Die Hymne der EM 2004 singt Nelly Furtado, kanadische Folkpop-Sängerin mit portugiesischen Wurzeln, die nach ihrem Hit „I'm like a Bird“ auf dem Höhepunkt ihrer Popularität angelangt ist. Der Fußball-EM im Land ihrer Ahnen widmet sie mit „Força“ einen kraftvollen Song, der sich vorzüglich als internationaler Schlachtruf eignet und weit über die traditionelle Fado-Weltschmerz-Folklore hinausgeht, die von Portugal erwartet wurde. Zudem bietet der Subtext des Songs, der auch im Video thematisiert wird, eine klare Aufforderung an die Gesellschaft: „Nur gemeinsam schaffen wir es!“ Egal, ob alt oder jung. Anpacken hilft. Aber dann klappt es auch. Auf gehts! „Forca!“ Das Motiv des Liedes wird auch in späteren EM- und WM-Hymnen immer wieder aufgegriffen.

          Nach der unerwarteten Niederlage der Portugiesen im Finale der EM 2004 gegen Griechenland war der Zauber des Anfeuerungsrufs allerdings verflogen - und wieder Fado angesagt.

          Brave deutsche Sanges-Tugenden

          Angefangen hat wieder einmal alles mit Franz Beckenbauer. Ermutigt vom schrägem Sprechgesang des „Kaisers“, der schon 1966 „Gute Freunde kann niemand trennen“ brummte, trällerte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1974 erstmals im Chor: „Fußball ist unser Leben“. Ein Slogan, der hängen und über Jahre im Ohr blieb. Zu den folgenden Weltmeisterschaften engagierte der DFB dann trotzdem stets bekannte Entertainer als Vorsänger. Die Lieder waren von eher schlichter Schlagerqualität, die Texte können als Anbiederungsversuche an die jeweiligen Gastgeberländer gewertet werden. Die Spieler blieben brav im Background hinter Männern wie Udo Jürgens („Buenos Dias, Argentina“, 1978 und „Wir sind schon auf dem Brenner“, 1990), Michael Schanze („Ole Espana“, 1982) oder Peter Alexander („Mexico, mi Amor“, 1986) - was die zumeist dünnen Liedchen aber auch nicht retten konnte.

          Internationalisierung von Gianna Nannini bis David Guetta

          International ging es schon fetziger zur Sache. Nachdem zur WM 1990 in Italien passenderweise noch die Italienerin Gianna Nannini „Un'estate italiana“ schmetterte, wurde es in den Jahren danach unübersichtlich. Angeheizt vom Erfolg der Lightning Seeds bei der EM 1996 drängten immer mehr Pop-Künstler auf den Hymnen-Markt. Schon bei der WM 1998 in Frankreich schmetterte Latino-Lover Ricky Martin mit seinem offiziellen WM-Song „La Copa de la Vida“ gegen die Konkurrenz von Dario G und dessen „Carnaval de Paris“ an.

          Zur WM 2006 in Deutschland drängten sich dann gut ein halbes Dutzend Hymnen im Hitparaden-Strafraum: Bob Cinclair animierte mit „Love Generation“ zum Mitpfeifen, die Sportfreunde Stiller mit „'54, '74, '90, 2006“ zum Mitgrölen und Herbert Grönemeyer mit „Zeit, dass sich was dreht“ zum Mitdenken. Alle drei Hits bildeten das Grundrauschen des Sommermärchens. Grönemeyer blickte mit seinem Stück, das Anleihen an afrikanischen Rhythmen aufwies, sogleich auf die WM 2010 voraus, wo dann die Kolumbianerin Shakira mit „Waka Waka“ den größten Hit landete: „This Time for Africa“ lautete der programmatische Untertitel - der sich freilich als Mogelpackung erwies, da weder Shakira Afrikanerin ist noch der afrikanische Kontinent letztlich am meisten von der WM profitierte.

          Bei der EM 2016 ist Altmeister Grönemeyer nun wieder am Start - mit seinem Song „Jeder für jeden“, den er gemeinsam mit dem 21-Jährigen Felix Jaehn aufgenommen hat, orientiert er sich inhaltlich an Nelly Furtados „Forca“. Der offizielle EM-Song ist eine internationale Ko-Produktion mit raffiniertem Zusatzeffekt: auch der französische DJ David Guetta mit Sängerin Zara Larsson aus Schweden zielen mit „This One's for you“ auf das Gemeinschaftsgefühl der internationalen Fußball-Gemeinde ab - und der Chor der Millionen Fußball-Fans kann sich per App  dazuschalten und sogar mitsingen.

          Wer so alles niemals alleine ging

          Doch es gibt auch Hymnen, die nicht kalkuliert aufgenommen wurden, um am großen Fußball-Geschäft mitzuverdienen, sondern die sich aus den Fan-Kurven heraus gebildet haben. Als größter Fußball-Hit aller Zeiten gilt „You'll never walk alone“ - dessen Ursprung als Stadionhymne den Fans in der Anfield Road zugeschrieben wird, wo der FC Liverpool seine Heimspiele austrägt. Mittlerweile wird die Mitfühl-Hymne aber auch vor jeder Partie in Dortmund, Mainz und gefühlt in halb Europa mit empor gereckten Fanschals herzzerreißend geschmettert.

          Dabei ist das Musikstück ursprünglich nicht Ouvertüre, sondern Finale - und zwar eines Broadway-Musicals. Der Songtext von Oscar Hammerstein aus dem Musical „Carousel“ handelt von einer schwangeren Frau, die ermutigt wird, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Von Fußball kein Wort.

          Weltweit berühmt wurde der Song aber tatsächlich durch den Liverpooler Fan-Block „the Kop“. Dort wurde der Hit in der Version von Gerry & the Pacemakers erstmals lautstark angestimmt, als einmal die Musikanlage vor dem Spiel ausfiel, während gerade das Stück lief - und danach immer und immer wieder wiederholt. Die Zeile passt eben auch zu gut zu der Liebe und Leidenschaft, die Fußball-Fans ihren Vereinen widmen - auch über den Tod hinaus.

          Die Armee der Fußball-Fans

          Wirklich überhaupt nichts mit Fußball zu tun hat das Alternative-Rock-Stück „Seven Nation Army“ von den White Stripes. Doch dank des eingängigen Gitarrenriffs, auf das sich gut mitsingen lässt, hat das Stück mittlerweile in vielen Stadien der Welt Kultcharakter erlangt - als Einlaufhymne, Torhymne oder auch einfach nur so. 

          Das Copyright auf den Einzug des Punks in die Stadien wird den italienischen Fußball-Fans zugeschrieben, die den Refrain nach dem WM-Sieg Italiens 2006 immer wieder intonierten. Bei der EM 2008 wurde „Seven Nations Army“ dann zum Auflaufen der Mannschaften unterlegt. Der späte Popularitäts-Schub sorgte dafür, dass die im Mai 2003 veröffentlichte Single erst Anfang Juli 2008 Platz 4 der deutsche Charts erreichte und 2010 schließlich eine Goldene Schallplatte erhielt.

          Das Stück gilt als einer der zehn besten Gitarrensongs aller Zeiten. Das kryptische Musikvideo zeigt dazu eine scheinbar endlose Fahrt durch einen Tunnel aus schwarzen, weißen und roten Dreiecken. An den Kanten marschieren bewaffnete menschliche Skelette, die an Soldaten erinnern. Ob das was mit Fußball zu tun hat?

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