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EM-Verschiebung auf 2021 : Der Fußball zieht die Notbremse

Fußball in Zeiten des Virus? Das wäre keine gute Idee – und deshalb wird auch die EM verschoben. Bild: Reuters

Der europäische Verband verschiebt die EM auf das Jahr 2021. In diesem Sommer hat der Vereinsfußball Vorfahrt. Uefa-Chef Čeferin mahnt zu „Verantwortung, Einigkeit, Solidarität und Altruismus“.

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          Das große Experiment des europäischen Fußballs ist verschoben. Die aufwendigste, reiseintensivste Fußball-Europameisterschaft, die sich die Funktionäre der Europäischen Fußball-Union je haben einfallen lassen, findet im Sommer 2021 statt – sofern die Coronavirus-Pandemie dann abgeklungen ist. Das Turnier mit 24 Mannschaften sollte eigentlich am 12. Juni in Rom beginnen, in elf weiteren Städten in zehn Ländern zwischen Bilbao und Baku, Glasgow und Bukarest ausgespielt werden und mit den Halbfinalspielen und dem Finale am 12. Juli in Wembley zu Ende gehen. Seit Dienstagmittag ist klar, dass daraus in diesem Sommer nichts wird; dass einstweilen nichts wird aus den Gruppenspielen der deutschen Mannschaft gegen Portugal, Frankreich und einen dritten, noch nicht feststehenden Gegner in München, wo auch ein Viertelfinale geplant war.

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          Die Uefa unter ihrem Präsidenten, dem Slowenen Aleksander Čeferin, hatte noch in der vergangenen Woche betont, als in Italien schon der Ball ruhte, am Zeitplan ändere sich nichts. Sieben Tage später gab die Uefa dem Drängen der nationalen Ligen und Verbände nach, die schon wegen finanzieller Zwänge darauf dringen, statt der Nationalmannschaften im Sommer die Vereinsteams auflaufen und ihre Wettbewerbe zum Abschluss bringen zu lassen.

          „Wir stehen am Steuer eines Sports, der für eine riesige Zahl Menschen ihr ein und alles ist, der von einem unsichtbaren, sich schnell bewegenden Gegner lahmgelegt wurde“, ließ sich Čeferin von seinem Verband zitieren: „In solchen Zeiten muss die Fußballgemeinschaft Verantwortung, Einigkeit, Solidarität und Altruismus zeigen.“ Man habe in der Videoschaltung mit Ligaverbänden und der Klubvereinigung ECA eine Reihe Optionen aufgezeigt. Alle an der Besprechung beteiligten Organisationen seien sich bewusst gewesen, dass sie Opfer bringen müssten. „Es war wichtig, dass die Uefa das Geschehen anführt und das größte Opfer bringt. Die Verschiebung der Euro 2020 bringt riesige Kosten mit sich“, ließ Čeferin sich zitieren.

          Schon am Montag wurde auf der Mitgliedersitzung der Deutschen-Fußball Liga (DFL) der Eindruck vermittelt, dass die Vereine der Bundesliga mit jedem ausgefallenen Spieltag in ärgere finanzielle Nöte gerieten. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hatte anschließend klargemacht, dass eine EM in diesem Sommer eine Idee aus einem anderen Fußball-Zeitalter ist – jenem, das mit der Ankunft des Coronavirus im Kernland des italienischen calcio in der Lombardei und im Piemont und der anschließenden Ausbreitung in den europäischen Spitzenwettbewerben zu Ende ging.

          Die Entscheidung zur Verlegung wurde von den 55 nationalen Mitgliedsverbänden und schließlich den 16 Mitgliedern des Uefa-Exekutivkomitees und Čeferin selbst bestätigt. Zugleich wurde den nationalen Wettbewerben Vorrang eingeräumt. Alle Länderspiele und beide Europapokalwettbewerbe wurden bis auf weiteres unterbrochen. Eine Arbeitsgruppe der Uefa soll erarbeiten, inwieweit Champions und Europa League in diesem Sommer noch, etwa in Form eines Finalturniers, einen Sieger ermitteln können. Zudem soll eine weitere Arbeitsgruppe sich mit den finanziellen Auswirkungen der Verschiebungen und Unterbrechungen auseinandersetzen. Schon die DFL-Sitzung hatte gezeigt, wie heftig die finanziellen Folgen für die Beteiligten sind, wenn die Wettbewerbsmaschinerie des modernen Fußballs zur Vollbremsung gezwungen wird.

          Doch bei aller Vorfahrt für die Vereinsmannschaften gilt: der Sommer als Spielfläche für Bundesliga, Premier League, gegebenenfalls noch Champions und Europa League und die Ermittlung der letzten vier Startplätze, der notgeborenen Euro 2021 im Wege von Play-offs, die nun Anfang Juni ausgetragen werden sollen? Das alles wird nur möglich sein, sofern bis dahin die Seuchengefahr auf dem mächtigsten Fußball-Kontinent des Globus gebannt ist.

          Einstweilen kam von allen Seiten Lob für die Verlegung: „Wir müssen nun lernen, in Szenarien zu denken“, sagte Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dessen für den 31. März geplantes Länderspiel gegen Italien in den vergangenen Tagen nicht etwa vom DFB, sondern durch die Stadt Nürnberg abgesagt worden war. „Jetzt ist es an der Zeit, nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern überall auf der Welt die Gesundheit der Menschen nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Gleichzeitig müssen wir schon jetzt daran denken, wie es nach der Pandemie mit dem Fußball weitergeht, der so viele Menschen in seinen Bann zieht.“ Bundestrainer Joachim Löw sagte, es sei „völlig richtig und alternativlos“, die Europameisterschaft zu verschieben, „richtig und konsequent“ findet Philipp Lahm die Verschiebung, deutscher EM-Botschafter und Organisationschef der EM 2024, für die der DFB den Zuschlag bekommen hat.

          Doch die Verlegung der Europameisterschaft warf Fragen auf hinsichtlich des Spielplans in diesem Sommer, vor allem aber hinsichtlich der Ansetzungen und Wettbewerbe im kommenden Jahr: Hat der Internationale Fußballverband (Fifa) doch für 2021 in China die erste Austragung der aufgepumpten Klub-Weltmeisterschaft geplant, das Prestigeprojekt von Fifa-Präsident Gianni Infantino. Die namhaftesten europäischen Vereine, auch Bayern München, hatten signalisiert, daran teilnehmen zu wollen – von Antrittsprämien in Höhe von 50 Millionen Dollar (etwa 45,5 Millionen Euro) war vor vier Wochen in einem Bericht des ZDF die Rede, demnach soll der Sieger weitere 115 Millionen Dollar (105 Millionen Euro) einstreichen.

          Auch in Kenntnis dieser Lockmittel dementierte die Uefa, noch bevor die Entscheidung über die EM deutlich wurde, dass sie für eine Verlegung Geld verlangen würde. Am Dienstagabend hatte das britische Online-Magazin „The Athletic“ berichtet, das Freigeben der Spielfläche im Sommer würde sich die Uefa mit einer Viertelmillion Pfund, derzeit mehr als 275 Millionen Euro, honorieren lassen wollen. Die Uefa behielt die Oberhand. Am Dienstagabend erklärte Infantino, er werde die Verlegung der EM akzeptieren, die Klub-WM werde ebenfalls neu terminiert, möglicherweise erst 2023.

          Doch in der Rivalität mit dem neuen Glitzerprodukt der Fifa enden die Probleme der Verlegung nicht. Sollte am vorgeschlagenen Austragungsrahmen 11. Juni bis 11. Juli 2021 festgehalten werden, überschneiden sich die letzten Tage der Mega-EM, die einst eine Idee des wegen seines korrupten Geschäftsgebarens gestürzten Uefa-Präsidenten Michel Platini war, mit der EM der Frauen, die am 7. Juli in England beginnt und den Statuten nach einen Anspruch auf Alleinstellung hat. Man werde das Beste geben, ließ Čeferin sich zitieren, dass Frauen- und Amateurfußball von der Verschiebung nicht beeinträchtigt werden. „In Kürze“ soll aber ein neuer Termin bekanntgegeben werden. Gleiches gelte für die U-21-EM in Slowenien und Ungarn, das Finalturnier der Nations League und zwei Spieltage der europäischen Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022. Die Play-offs zur Euro, die ursprünglich im März 2020 ausgetragen werden sollten, werden vorbehaltlich einer Überprüfung der Situation in den Juni verschoben.

          Noch nie seit ihrer Gründung 1954 hat die Uefa ihren wichtigsten Wettbewerb für Nationalmannschaften verschieben müssen. Die Fußball-EM 2020, deren multinationale Austragung als Jubiläumsausgabe der Erstaustragung 1960 vermarktet wurde, geht nun aus sehr viel ernsteren Gründen in die Sportgeschichtsbücher ein. Der 17. März 2020 wird dort einen bemerkenswerten Eintrag bekommen: nicht nur die Europäer zwang das Virus zur Verlegung ihres Wettbewerbs. Die Copa América, 1916 erstmals ausgetragen und somit der älteste Nationalmannschaftswettbewerb, den der Fußball im 21. Jahrhundert zu bieten hat, wurde von den Südamerikanern ebenfalls auf das kommende Jahr verschoben. Auf dass dann in Argentinien und Kolumbien nicht die Covid-19-Pandemie, sondern möglichst allein das Fußball-Fieber grassiere.

          Hier lag Čeferins Trumpf gegenüber der Fifa – er hatte die Südamerikaner auf seiner Seite. Er dankte dem Präsidenten des südamerikanischen Fußball-Verbandes, Alejandro Dominguez, für die Verlegung der Copa. Das garantiere, dass die europäischen Vereine nicht beeinträchtigt werden durch die Abstellung ihrer südamerikanischen Stars. Der Dank an Infantino und Fifa folgte erst anschließend. Durchaus ein Zeichen.

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