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EM-Verschiebung auf 2021 : Der Fußball zieht die Notbremse

Einstweilen kam von allen Seiten Lob für die Verlegung: „Wir müssen nun lernen, in Szenarien zu denken“, sagte Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dessen für den 31. März geplantes Länderspiel gegen Italien in den vergangenen Tagen nicht etwa vom DFB, sondern durch die Stadt Nürnberg abgesagt worden war. „Jetzt ist es an der Zeit, nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern überall auf der Welt die Gesundheit der Menschen nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Gleichzeitig müssen wir schon jetzt daran denken, wie es nach der Pandemie mit dem Fußball weitergeht, der so viele Menschen in seinen Bann zieht.“ Bundestrainer Joachim Löw sagte, es sei „völlig richtig und alternativlos“, die Europameisterschaft zu verschieben, „richtig und konsequent“ findet Philipp Lahm die Verschiebung, deutscher EM-Botschafter und Organisationschef der EM 2024, für die der DFB den Zuschlag bekommen hat.

Doch die Verlegung der Europameisterschaft warf Fragen auf hinsichtlich des Spielplans in diesem Sommer, vor allem aber hinsichtlich der Ansetzungen und Wettbewerbe im kommenden Jahr: Hat der Internationale Fußballverband (Fifa) doch für 2021 in China die erste Austragung der aufgepumpten Klub-Weltmeisterschaft geplant, das Prestigeprojekt von Fifa-Präsident Gianni Infantino. Die namhaftesten europäischen Vereine, auch Bayern München, hatten signalisiert, daran teilnehmen zu wollen – von Antrittsprämien in Höhe von 50 Millionen Dollar (etwa 45,5 Millionen Euro) war vor vier Wochen in einem Bericht des ZDF die Rede, demnach soll der Sieger weitere 115 Millionen Dollar (105 Millionen Euro) einstreichen.

Auch in Kenntnis dieser Lockmittel dementierte die Uefa, noch bevor die Entscheidung über die EM deutlich wurde, dass sie für eine Verlegung Geld verlangen würde. Am Dienstagabend hatte das britische Online-Magazin „The Athletic“ berichtet, das Freigeben der Spielfläche im Sommer würde sich die Uefa mit einer Viertelmillion Pfund, derzeit mehr als 275 Millionen Euro, honorieren lassen wollen. Die Uefa behielt die Oberhand. Am Dienstagabend erklärte Infantino, er werde die Verlegung der EM akzeptieren, die Klub-WM werde ebenfalls neu terminiert, möglicherweise erst 2023.

Doch in der Rivalität mit dem neuen Glitzerprodukt der Fifa enden die Probleme der Verlegung nicht. Sollte am vorgeschlagenen Austragungsrahmen 11. Juni bis 11. Juli 2021 festgehalten werden, überschneiden sich die letzten Tage der Mega-EM, die einst eine Idee des wegen seines korrupten Geschäftsgebarens gestürzten Uefa-Präsidenten Michel Platini war, mit der EM der Frauen, die am 7. Juli in England beginnt und den Statuten nach einen Anspruch auf Alleinstellung hat. Man werde das Beste geben, ließ Čeferin sich zitieren, dass Frauen- und Amateurfußball von der Verschiebung nicht beeinträchtigt werden. „In Kürze“ soll aber ein neuer Termin bekanntgegeben werden. Gleiches gelte für die U-21-EM in Slowenien und Ungarn, das Finalturnier der Nations League und zwei Spieltage der europäischen Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022. Die Play-offs zur Euro, die ursprünglich im März 2020 ausgetragen werden sollten, werden vorbehaltlich einer Überprüfung der Situation in den Juni verschoben.

Noch nie seit ihrer Gründung 1954 hat die Uefa ihren wichtigsten Wettbewerb für Nationalmannschaften verschieben müssen. Die Fußball-EM 2020, deren multinationale Austragung als Jubiläumsausgabe der Erstaustragung 1960 vermarktet wurde, geht nun aus sehr viel ernsteren Gründen in die Sportgeschichtsbücher ein. Der 17. März 2020 wird dort einen bemerkenswerten Eintrag bekommen: nicht nur die Europäer zwang das Virus zur Verlegung ihres Wettbewerbs. Die Copa América, 1916 erstmals ausgetragen und somit der älteste Nationalmannschaftswettbewerb, den der Fußball im 21. Jahrhundert zu bieten hat, wurde von den Südamerikanern ebenfalls auf das kommende Jahr verschoben. Auf dass dann in Argentinien und Kolumbien nicht die Covid-19-Pandemie, sondern möglichst allein das Fußball-Fieber grassiere.

Hier lag Čeferins Trumpf gegenüber der Fifa – er hatte die Südamerikaner auf seiner Seite. Er dankte dem Präsidenten des südamerikanischen Fußball-Verbandes, Alejandro Dominguez, für die Verlegung der Copa. Das garantiere, dass die europäischen Vereine nicht beeinträchtigt werden durch die Abstellung ihrer südamerikanischen Stars. Der Dank an Infantino und Fifa folgte erst anschließend. Durchaus ein Zeichen.

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