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Spanien in Not bei Fußball-EM : Schneller zurück als die Postkarten?

  • -Aktualisiert am

Banger Blick: Stürmer Álvaro Morata und seine Spanier erwarten ein Endspiel gegen die Slowakei. Bild: AFP

Nach der erfolgreichen Dekade mit zwei EM- und einem WM-Titel ist der spanische Defätismus zurück. Zwei Unentschieden sorgen für eine Sinnkrise, das letzte Gruppenspiel wird zu einem richtigen Finale.

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          Zu Zeiten, als Luis Enrique selbst noch spielte und sich für die spanische Nationalmannschaft aufrieb, herrschte im Land ein ausgeprägter Defätismus. Es gab gar ein böses Sprichwort, welches besagte, dass die spanischen Spieler bei großen Turnier oft schneller wieder zu Hause ankommen würden als die Postkarten ihrer Fans.

          Das alles ist lange her. Enrique reibt sich inzwischen als Trainer für Spanien auf, und Postkarten sind auch etwas aus der Mode gekommen. Und was den Defätismus betraf, galt der als beinahe ausgestorben nach einer erfolgreichen Dekade mit zwei Europameister- und einem Weltmeistertitel. Beinahe.

          Fußball-EM

          Inzwischen ist er wieder auf dem Vormarsch und würden die Spanier ihre Vorrundenspiele nicht ausnahmslos im eigenen Land bestreiten, die Geschichte mit den Postkarten hätte längst wieder Konjunktur. „Luis Enrique, so wird das nichts“, bellte ein Kommentator der größten spanischen Sportzeitung Marca dem Trainer nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Polen entgegen. Im Rahmen einer Online-Umfrage, an der bis zum Sonntagmittag knapp 45000 Menschen teilgenommen hatten, gaben 88 Prozent der Leser dem Trainer die Schulnote 6 für das bisherige Abschneiden.

          Nun muss man wissen, dass die in Madrid beheimatete Zeitung und ihre Leserschaft Enrique traditionell feindselig gegenüberstehen. Weil der es als Spieler einst wagte, Real Madrid nur als Durchgangsstation auf dem Weg zum FC Barcelona zu benutzen und weil er nun, passend dazu, für ein Novum sorgte. Zum ersten Mal in der langen Historie der spanischen Nationalmannschaft findet sich kein Spieler von Real im Aufgebot bei einem großen Turnier. Aus Sicht der Madrid nahestehenden Presse muss das zwangsläufig zum Scheitern führen.

          Aber auch abseits von vereinspolitischen Befindlichkeiten werden die Stimmen kritischer. „In Spanien klingen die Alarmglocken“, schrieb El Pais, was noch milde ausgedrückt ist.

          Das letzte Gruppenspiel am Mittwoch gegen die Slowakei (um 18 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei Magenta) wird für Spanien zu einem echten Endspiel. Unter Umständen reicht nicht mal ein Unentschieden zum Einzug ins Achtelfinale. Es muss gewonnen werden. Nur tun sich die Spanier mit dem Gewinnen gerade mindestens genauso schwer wie zu Zeiten des Postkarten-Defätismus.

          Gegen Polen reichten Ballbesitz und optische Dominanz wie schon gegen Schweden (0:0) nicht aus. Nicht mal ein Elfmeter konnte das Dilemma abwenden, der Versuch von Gerard Moreno landete am Pfosten, der anschließende Nachschuss von Alvaro Morata im Nachthimmel von Sevilla. Ironie des Schicksals, dass es gerade Morata war, der den so dringend benötigten Sieg vergab. Ihn hatten Fans und Medien nach dem holperigen Auftakt gegen Schweden vehement gefordert. In der heimischen Liga hatte er 23 Mal für den FC Villarreal getroffen, nur Lionel Messi war in der abgelaufenen Saison erfolgreicher. Von Moreno erhoffte sich das Land Tore, doch es war der viel gescholtene Morata, der die Führung erzielte. Auch das eine ironische Wendung.

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          Der Stürmer von Juventus Turin steht mit seiner Heimat gerade auf Kriegsfuß, nach einigen Fehlschüssen gegen Schweden wurde er teilweise mit Pfiffen bedacht. Verwunden hatte er die Schmähungen noch nicht. Nach seinem Tor gegen Polen dankte er zunächst Enrique für dessen Vertrauen, holte dann aber zum verbalen Rundumschlag aus. „Die Leute sagen ohnehin, was sie wollen. Wenn ich mich um das scheren würde, was die Leute sagen.Wir befinden uns in einem Land, wo mitreden gratis und viel zu einfach ist“, sagte Morata.

          Die Diskussionen um den Zustand der Nationalmannschaft wird aber auch sein Wutausbruch nicht verhindern können. Der Ausgleich der Polen durch Robert Lewandowski hat Spanien in eine sportliche Sinnkrise gestürzt, an der auch das 6:0 gegen Deutschland im vergangenen November Beteiligung findet. Seitdem ist die Erwartungshaltung im Land enorm gestiegen, nicht wenige sahen die Selección nach Jahren des Übergangs wieder auf dem Niveau eines ernsthaften Titelkandidaten. Davon kann momentan keine Rede mehr sein. Die Mannschaft hat große Probleme mit dem Toreschießen und dadurch automatisch mit dem Gewinnen. Defensiv ist sie bei Gegenstößen anfällig, Polen hätte bei konsequenterer Nutzung der eigenen Möglichkeiten auch gewinnen können. So wie Schweden, die Muster und Abläufe gleichen sich. „Ich verspüre große Lust, mir dieses Spiel schnell wieder anzusehen und es zu analysieren. Vielleicht waren wir überlegen, aber es war nicht genug. Ich hätte erwartet, dass wir überlegener sind“, sagte Enrique.

          Spaniens Trainer vermied jegliche Diskussion über den Zustand des Platzes in Sevilla, dem wohl schlechtesten aller Austragungsorte. Dafür echauffierten sich die Spieler. „Der Platz hilft uns überhaupt nicht. Er ist in einem sehr schlechten Zustand“, sagte Rodri, der davon sprach, dass die Bedingungen immer den Gegnern in die Karten spielen würden, weil die Platzverhältnisse den spanischen Spielfluss unterbrechen. Und darauf seien die Spanier nun mal angewiesen. Gegen die Slowakei werden sie neben dem auf etwas angewiesen sein, dass noch essentieller ist als alles andere: Tore. Ohne die müssen die Spanier bald in ungewollten Urlaub antreten. So wie früher, als Postkarten noch zu Ferien gehörten wie Strand und Sonne.

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